Editorial

Spender und Träger

Für mich gab es das «Fastenopfer» schon immer. Es wurde fünf Jahre vor meiner Geburt gegründet. Das Hilfswerk ist eine Selbstverständlichkeit. Eine Selbstverständlichkeit mit Tücken.

Bevor die Tücken auftauchen, steht da allerdings ein kostbarer Impuls, der die Selbstverständlichkeit erst möglich macht. Eine zunächst einmalige Sammelaktion des Jungwachtbundes im Jahr 1961, aus der das «Fastenopfer» wurde. Ein Hilfswerk, das in die kirchliche DNA eingegangen ist. Heute ist für uns ein Christentum ohne die Bereitschaft zum weltweiten Teilen gar nicht mehr denkbar. Eine eigentlich selbstverständliche Selbstverständlichkeit.

Das Verflixte an jeder Selbstverständlichkeit ist aber, dass sie zur Bequemlichkeit verführt. Wir setzen uns nicht mehr mit dem ursprünglichen Impuls und seiner Herausforderung auseinander. Wir delegieren die Verantwortung, obwohl wir doch wissen, dass Jesus Christus den Auftrag zur Nächstenliebe jedem Einzelnen von uns gibt. In dieser Bequemlichkeit kann selbst die Spende ans «Fastenopfer» zum Ablasshandel werden: Ich spende, und damit bin ich ein guter Mensch. Mein Auftrag ist erledigt, den konkreten Rest soll gefälligst das Hilfswerk erledigen.

Das Jubiläumsjahr der vom «Fastenopfer» mitgetragenen «Ökumenischen Fastenkampagne» ist eine gute Gelegenheit, aus der bequemen Selbstverständlichkeit aufzuwachen und zu entdecken, dass es nicht reicht, nur Spender zu sein. Ich wünsche der Fastenkampagne ein grossartiges Spendenergebnis. Aber noch dringender wünsche ich dem «Fastenopfer», dass möglichst viele gewohnheitsmässige Spender wieder zu aktiven Trägern werden.

Eine solche Trägerschaft macht es für uns alle anstrengender, für das «Fastenopfer» genauso wie für jeden Einzelnen von uns. Wir werden uns Fragen stellen, werden intensiv diskutieren, werden sogar streiten. Das Hilfswerk jedoch wird dadurch gestärkt, weil es zum Werk von uns allen wird.

Text: Thomas Binotto