Spiritualität ganz alltäglich

Tomaten pflanzen

Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur, findet Spiritualität beim Gärtnern.

Ich liebe das Gärtnern: Wenn ich von der vielen Arbeit am Schreibtisch wieder einmal Rückenschmerzen habe, dann hilft es zwar am Anfang, die Tischplatte im Arbeitszimmer hochzufahren und «auf hohem Niveau» zu arbeiten. Aber auf Dauer renken sich meine Knochen am besten wieder ein, wenn ich eine Stunde im Garten gearbeitet habe.

Jetzt, wenn die Krokusse und andere farbige Frühlingsblüher aus dem Boden schiessen, gehe ich gerne in den Garten. Dort mache ich eine wichtige spirituelle Erfahrung: Obwohl es mich schon in den Gärtnerfingern juckt, muss ich mich noch mindestens vier Wochen in Geduld üben, bis ich mit dem Pflanzen meiner geliebten Tomatenstöcke anfangen kann.

Geduld ist nicht meine Stärke. Wenn ich allein daran denke, welch ein wunderbares Gemüse Tomaten sind. Ob  als Salat zum Grillsteak oder als erfrischender Brotbelag mit Olivenöl auf einer Bruschetta: Tomaten sind aus  unserer Sommerküche zu Hause nicht wegzudenken. Unsere Kinder wie wir Erwachsene essen sie kiloweise. Weil ich sichergehen möchte, dass die Früchte weder genmanipuliert noch bestrahlt sind, baue ich meine Tomaten selber an. Zumindest fast, denn die Setzlinge bekomme ich von meinem netten Nachbarn, der unzählige Tomatensorten in seinem Gewächshaus zieht.

Bis es so weit ist, übe ich mich also in Geduld, denn solange die Nächte noch Frost bringen, ist es zu riskant mit dem Pflanzen. Nicht umsonst rät eine alte Bauernregel, bis zu den Eisheiligen zu warten: «Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis die Sophie vorüber ist.» Ungeduldig frage ich mich: Soll ich ernsthaft noch bis Mitte Mai warten? Stimmt diese Rechnung überhaupt noch in Zeiten des Klimawandels? Im vergangenen Mai war es doch so warm, dass die fünf Eisheiligen die «Heissheiligen» genannt wurden.

Wenn ich mich dann in Geduld geübt habe, kommt endlich der Pflanztag: Heute kann ich direkt am Schöpfungswerk Gottes mitarbeiten. Sobald alle Tomatenstöcke im Boden sind, danke ich Gott und weiss, dass so ein Garten eine Quelle der Schönheit, der Inspiration, der Entspannung und des Nachdenkens ist. Auch wenn das etwas fromm klingt, im Garten kann ich Gott begegnen. Was wir uns dann erzählen, das wissen nur Gott und ich, vielleicht auch die Tomaten.

Text: Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur