100 Jahre Frauenbund

Brigitta Marti (82)

Der Katholische Frauenbund Zürich wurde vor 100 Jahren gegründet. Für jedes Jahrzehnt ein Frauenporträt.

Als Gemeindekrankenschwester war sie in der Zürcher Innenstadt unterwegs. Es war in den 1960er-Jahren und sie ging in die Häuser, in die Hotels und auch auf die Strasse. «Damals hat es natürlich noch viele Clochairli gegeben», erinnert sich Brigitta Marti liebevoll an die Menschen auf der Strasse. «Die Gegensätze haben mir gefallen.» Die Stadt Zürich, die Kirchen und das soziale Engagement gingen Hand in Hand, Marti war ein Gesicht dieser Verbindung. Auch später, als sie nach und nach in verschiedenen Bereichen arbeitete. Fliessend ist sie in den reformierten Frauenbund hineingewachsen. Einen Unterschied zum katholischen Frauenbund gibt es für sie nicht. «Wir sind miteinander gegangen. Das ist gelebte Ökumene gewesen, zumindest bei uns Frauen. Wirklich selbstverständlich.» Marti ist also auch ein Gesicht der Ökumene: die familiären Wurzeln in der Heilsarmee, ist sie selbst reformiert und seit jeher offen in Kontakt mit Katholikinnen.

«Möglichst menschlich zu sein und nicht nur christlich», fasst sie ihr persönliches Ideal zusammen, nach dem sie lebt, und zitiert eine Aussage von Jesus: «An ihren Taten werdet ihr sie erkennen.» Das gelte für alle, ob Buddhisten, Christen, Juden oder Muslime. Im Frauenbund habe sie Frauen gefunden, die sich mit ihr zusammen tatkräftig einsetzten: Reformierterseits habe man einen Ort errichtet für Frauen, die ausserehelich ein Kind zur Welt brachten. Katholischerseits war der Frauenbund für die sogenannten Haustöchter im Einsatz, für junge Frauen, die bei wohlhabenden Familien dienten. «Die Frauenbünde sind soziale Organisationen», so Marti. Nicht nur nach aussen. Auch nach innen, für die beteiligten Frauen selbst. «Wir haben uns freigestrampelt und für Gleichberechtigung gekämpft.» Gegen patriarchale Strukturen, die «ein Stück weit aus der Gesellschaft kamen, aber auch von der katholischen Kirche, in der die Dominanz der Pfarrpersonen stark war und ist».

Brigitta Marti sagt von sich selbst, sie habe «immer in der Gegenwart gelebt und nichts aufgeschoben». Sie sagt das als Antwort auf die Frage, wofür Frauen heute kämpfen sollen und müssen. Dann beginnt sie aufzuzählen: für die Rechte der Frauen, die vornehmlich aus dem Osten in die Schweiz kommen und ausgebeutet werden; für die Rechte von Vätern, dass sie Teilzeit arbeiten können; für den Umweltschutz. «Ich glaube, wir können nie aufhören, zu kämpfen», begründet sie die Bedeutung der Frauenbünde, auch für die Zukunft. Ihr Wunsch: «Dass sie so weitermachen und einen Beitrag zur Menschlichkeit leisten.»

Text: Veronika Jehle