Orgelprojekt

Hinwil am Guckloch zur Ewigkeit

Am Übergang zur Fastenzeit erfüllten 24 Stunden lang Orgelklänge die katholische Kirche Hinwil – und bis Ostern klingen sie in jedem Gottesdienst nach.

«So langsam wie möglich», schrieb der amerikanische Komponist John Cage (1912–1992) zu
seinen Noten, die er zuerst für Klavier, dann für Orgel geschrieben hatte. Während virtuose Musik «so schnell wie möglich» gespielt wird, kostete Cage den gegenteiligen Grenzwert aus – und inspirierte damit zu durchaus verrückten Projekten: Im deutschen Halberstadt wird sein Stück «Organ2» mit einer Gesamtdauer von 639 Jahren aufgeführt. Martin Hobi, Kirchenmusiker in Hinwil und Dozent an der Musikhochschule Luzern, ist davon fasziniert: «Schafft es die Menschheit, ein so langes Projekt durchzuziehen?» Die Musik von Cage stelle Anfragen «an die gesellschaftlichen Herausforderungen der Schnelllebigkeit, der Spannung und Entspannung, der Notwendigkeit von Entschleunigung». Als begeisterter Organist weiss er, dass die Orgel als einziges Instrument einen ewigen Klang erzeugen kann (solange die Windzufuhr in die Pfeifen sichergestellt ist), und als Kirchenmusiker erlebt er den Kirchenraum als Ort «voller Ewigkeit, in den Gebeten, mit dem ewigen Licht, der ewigen Anbetung …». Warum also nicht auch in Hinwil mit Organ2 «24 Stunden am Zipfel der Ewigkeit» – wie er das Projekt nannte – erlebbar machen? Mit Hinwiler Pfarreiangehörigen hatte Hobi auch schon das dadaistische «Krippenspiel im Sommer» aufgeführt, 2016, zum Dada-Jubiläum. Die kleine Landpfarrei ist für spannende Projekte zu haben.

An der Kirchenwand hängen lange Papierbahnen, vollgeschrieben mit Noten – in vier bis sechs statt der üblichen drei Notensysteme. Besucherinnen und Besucher des 24-Stunden-Orgelwerks konnten sich daran orientieren – ebenso an erklärenden Texten, die weiterhin aufliegen. «Die acht Teile der Komposition dauern in der ‹Hinwiler Ewigkeit› je drei Stunden, wobei eine Notenzeile jeweils 90 Minuten beansprucht», erklärt Hobi. Jede Zeile hat er dazu mit Fünf- und Zehn-Minuten-Abstandsstrichen in der Art einer «Space-Notation» markiert; die mitlaufende Uhr war daher für die Ausführung des Werkes unerlässlich. 

Sieben Organistinnen und Organisten haben jeweils zu zweit sechs Stunden bestritten. Einzelne Töne mussten manchmal lange gehalten werden – wie das «Des», das während zweieinhalb Stunden mithilfe des rechten Fusses klingen musste. Hätte das zum Muskelkrampf geführt, hätte der zweite Organist fliegend übernommen. «Einige Akkorde spielten wir zudem zu zweit, da sie für einen allein kaum zu greifen waren», fährt Hobi fort. Er selber habe kurz vor der Aufführung einer Kollegin beim Üben zugehört und sei sich bewusst geworden, wie durchdringend der Orgelton sein kann – und zur Sicherheit Ohrenstöpsel mitgenommen: «total schräg, aber die Zuhörenden konnten kommen und gehen, ich war sechs Stunden am Stück von den Tönen umgeben».

Kann man sich sowas überhaupt anhören? Die Frage ist berechtigt, meint Patricia Visini, in der Pfarrei Hinwil Katechetin und interessierte Zuhörerin des 24-Stunden-Orgelprojektes. «Insgesamt fünf Mal bin ich in die Kirche gesessen und habe die Klänge auf mich wirken lassen», erzählt sie. Immer seien etwa 10 bis 15 Leute da gewesen. Nur zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens sei die Orgel in der leeren Kirche gespielt worden, weiss Martin Hobi.

«Es war für mich ganz wichtig, dass wir am Vorabend einen Vortrag der Liturgiewissenschaftlerin Birgit Jeggle-Merz über ‹Ewigkeit in der Liturgie› hörten», sagt Patricia Visini. «Diese Gedanken haben sich in mir während der Orgelklänge entfaltet.» Und so habe sie von der ersten, oberflächlichen Empfindung aus («wie schräg tönt denn das …») eine tiefere Ebene erlebt. Auch zuhause sei sie gedanklich beim Projekt gewesen, habe oft daran gedacht, welcher Teil des Stücks nun dran sei. Als sie sich wieder in die Kirche setzte, seien ihr während der langsamen Tonfolgen abstrakte Malereien in den Sinn gekommen. «Toll war auch, dass man zu den Organisten auf die Empore gehen konnte und beobachten, wann und wie der Übergang zum nächsten Akkord geschieht.» Man durfte sich auch leise mit einem der beiden Organisten unterhalten, betont Martin Hobi.

«Für mich als Gemeindeleiter hat dieses Orgelprojekt einen einmaligen Klangraum eröffnet», sagt der Hinwiler Pfarreibeauftragte Markus Steinberg. «Ein Raum, der die Erde mit dem Himmel in Berührung brachte, der eintauchen liess in ein ewig uns umfassendes Geheimnis, in Gott. Dieser Raum war nicht mit vorgegebenen Formen und Abläufen wie in einem Gottesdienst besetzt. So konnte jede und jeder ihn füllen mit seinem ganz persönlichen Sein. Die grosse Resonanz, die dieses Projekt in unserer Pfarrei und darüber hinaus weckte und immer noch weckt, fasziniert und beeindruckt mich sehr.»

Die Eintragungen im Gästebuch, das in der Kirche aufliegt, bekräftigen das: «Herzlichen Dank für diese Aufführung mit tiefgehendem Klang» – «Noch nie im Leben etwas dergleichen gehört» – «Ewigkeit, verbunden mit göttlicher Präsenz!» – «Was festgefügt ist, wird transparent und durchlässig. Es ist, als löste sich die Materie auf, als ginge ich durch Wände, schwebend in der Schwerelosigkeit …» – «Zur Ruhe kommen, sich in der Zeit verlieren, einen Hauch Ewigkeit spüren». Aber auch: «Es fühlt sich an wie Warten … Warten … ewiges Warten …».

Das ewige Warten, zwischendurch unterbrochen durch einen Ton aus Organ2, soll nun bis Ostern weitergeführt werden: Martin Hobi hat die Noten für die 40 Tage der Fastenzeit – zuzüglich der 6 Sonntage – neu unterteilt. Imaginär läuft das Stück nun seit dem Aschermittwoch weiter – «und in jedem Gottesdienst spielen wir während der Gabenbereitung den Klang, der dann dran ist», sagt er verschmitzt: «Als Guckloch zur Ewigkeit.» Ein weiterer Blick in die Ewigkeit soll mit einer Wiederaufnahme von Organ2 im Rahmen des Kirchenklangfestes 2021 möglich werden.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer