Spiritualität ganz alltäglich

Mein Arbeitsweg

Maria Kolek Braun, Psychiatrie-Seelsorgerin und Regionalleiterin Dienststelle Spital- und Klinikseelsorge, erzählt wie sie im Alltagstrott einen spirituellen Augenblick findet.

Jeden Morgen der gleiche Weg, tagaus, tagein: zum Bahnhof fahren, in den Zug einsteigen, mit etwas Glück einen Sitzplatz ergattern, in Zürich aussteigen, den Weg vom Bahnhof zum Arbeitsort zurücklegen. Mein Arbeitsweg ist etwas ganz Alltägliches, dem ich keine besondere Bedeutung zumesse. Ich möchte einfach nur ankommen, das Ziel erreichen und den Weg zügig hinter mich bringen.

In Gedanken bin ich schon bei der Arbeit, bei den Gesprächen, die heute anstehen, dem Tagesplan und wie ich den heutigen Abend gestalten werde, dass ich mich für die Weiterbildung anmelden muss, endlich den Sommerurlaub planen und meinen Bruder mal wieder anrufen sollte. In Gedanken bin ich ganz automatisch in der Zukunft – da, wo ich hin will – und nicht da, wo ich jetzt wirklich bin.

Heute stehe ich am Bahnhof und warte, nicht auf etwas, nicht auf den Zug – ich warte einfach und stehe und bin da, in diesem Augenblick. Ich schaue die Menschen an, nehme die Stimmung wahr. Ich öffne meine Augen und sehe hin: Es ist klares Wetter und ich sehe die Glarner Alpen und den Speer, dorthin habe ich letzten Herbst mit meiner Nichte eine Wanderung gemacht. Der blaue Himmel, die Sonnenstrahlen umhüllen mich, das Glitzern des Sees erscheint im Augenwinkel. Ich bin dankbar für die Schönheit, die ich wahrnehme, und dankbar, hier leben zu dürfen. Ich spüre die kalte, frische Luft, es riecht nach Frühling. An dem Baum an der Bahnhofsbrücke zeigen sich die ersten Knospen, vereinzelte Eisschollen schwimmen auf der Limmat. Und natürlich gehe ich: Ich spüre meinen Körper, setze bewusst die Füsse auf den Boden, nehme die komplexen Bewegungen wahr, durch die meine Schritte zustande kommen. Ich gehe Schritt für Schritt. Nur dieser eine Schritt jetzt – und jetzt – und jetzt. Einfach gehen, ohne Zweck und Ziel, um des Gehens willen.

Jetzt bin ich wirklich da: wenn ich meine Sinne öffne für das, was mir in diesem Augenblick gerade begegnet. Dann öffnet sich das Herz, manchmal auch mit einem entschiedenen «Ja» zu Unangenehmem und Schmerz. Frieden, Ruhe und Dankbarkeit können sich entfalten. Eigentlich sind sie immer da, nur nehme ich sie nicht wahr, wenn ich nicht im Augenblick bin. Jeden Morgen dasselbe? Bei Weitem nicht.

Text: Maria Kolek Braun, Psychiatrie-Seelsorgerin