Schwerpunkt

Natürlich sind wir politisch

Die Gründung eines Thinktanks «Kirche/Politik» hat die Diskussion über das Verhältnis Kirche und Politik befeuert. Gut so! – Vorausgesetzt man diskutiert nicht einfach im simplen «Links-Rechts-Schema».

«Kirche [ist] in jedem Fall politisch und ergreift immer Partei: entweder für den erbärmlichen gesellschaftlichen Status quo oder für seine verheissungsvolle Veränderung.» – Müssten wir dieses Zitat politisch einordnen, wir würden es wohl linksaussen ablegen.
Die markante Aussage stammt von Kurt Koch. Man kann sie in seinem 1989 erschienenen Buch «Kurskorrektur – Der Skandal des unpolitischen Christentums» nachlesen. Kurt Koch betreibt in diesem Buch keine Parteipolitik. Selbst die zitierte Passage ist genau betrachtet parteipolitisch völlig neutral, denn jede Partei wird von sich selbst behaupten, sie setze sich für verheissungsvolle Veränderungen ein.

«Politik» wird häufig gleichgesetzt mit parlamentarischer Parteipolitik. Dieses Selbstverständnis drückt sich im Habitus vieler Politiker aus. Sie gehen ausgesprochen oder unausgesprochen davon aus, dass sie es sind, die Politik machen.
Formal macht in einer direkten Demokratie aber jeder Wähler und jede Wählerin Politik. Mehr noch: Jede Bürgerin und jeder Bürger, die auf irgendeine Weise das Gemeinwesen mitgestaltet, betätigt sich politisch. Selbst jene, die schweigen, werden zur Partei – zur Partei derjenigen, die gerade in der Mehrheit sind.

Die Schweiz hat mit all ihren Vereinen, Genossenschaften, Verbänden und Stiftungen ein ausgeprägtes Gespür für das politische Engagement ausserhalb parlamentarischer und parteilicher Strukturen. Und genau in diesem Sinne sind die Kirchen ganz selbstverständlich politisch, weil sie das Gemeinwesen mittragen und mitgestalten.

Kirche ist mehr als ihre Ämter
Wer Kirche auf gediegene Liturgien reduziert und Sakramente nur noch als Anlass für Familienfeste sieht, der hat offenbar schon lange keinen Blick mehr in die Evangelien geworfen. Die Predigten und Gleichnisse, die Jesus uns zumutet, sind immer von gesellschaftlicher und damit auch politischer Bedeutung. Und zwar so explizit, dass Jesus am Ende mindestens so sehr aus politischen wie aus religiösen Gründen hingerichtet wurde.
Niemand kann deshalb von den christlichen Kirchen ernsthaft erwarten, dass sie aus dem Evangelium eine Privatsache machen und in politischen Diskussionen keine Stellung beziehen. Wer den Kirchen verbieten will, politisch zu wirken, der müsste ihnen konsequenterweise auch das Evangelium verbieten.

Ebenso heikel ist die Reduzierung der Kirche auf ihre Amtsträger. Dieses autoritäre Kirchenverständnis wird vom Kirchenvolk längst nicht mehr geteilt. Äusserungen eines Bischofs oder eines Pfarrers werden als Meinungen wahrgenommen und nicht als Direktiven – und das nicht nur in politischen Fragen. Genauso, wie wir uns auch ohne politisches Amt als politische Menschen verstehen, können wir uns ohne kirchliches Amt als kirchliche Menschen verstehen.
Diesem Selbstbewusstsein – und das ist entscheidend – steht allerdings kein absoluter Anspruch zu. Niemand kann für alle sprechen, weder politisch noch kirchlich. Parteipolitiker haben nicht die Stimme des Volkes gepachtet, und kirchliche Amtsträger verfügen nicht über das Gewissen ihrer Gläubigen.

Die Forderung «Kirche hat sich von der Politik fernzuhalten» muss vor ihrem historischen Hintergrund verstanden werden. Von einem «Rückfall ins Mittelalter» zu sprechen, bringt allerdings wenig Erkenntnisgewinn. Vielmehr sind die Wurzeln im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts zu suchen. Damals entstanden die «Katholisch-Konservativen», aus denen später die CVP wurde.
Keinem «Katholisch-Konservativen» wäre es eingefallen, sich von der Kirche abgrenzen zu wollen. Und keinem Bischof wäre es eingefallen, seine politische Einflussnahme als Übergriff zu sehen. In dieser Symbiose wurde nicht die Differenzierung betont, sondern die Einheit im katholischen Milieu. Es ging um die Bündelung der Kräfte, um Schlagkraft.
Mit der Auflösung des katholischen Milieus wurde dieses Bollwerk hinfällig. Sehr zum Missfallen von konservativen Kirchenführern. Als sich die CVP im Nachgang zum II. Vatikanischen Konzil von ihren katholischen Wurzeln emanzipierte, wollten gerade konservative Kreise ihr das C absprechen.

Es ist also eine seltsame Paradoxie, dass jene Kreise, die sich darüber beklagen, dass sich Gläubige nicht mehr ans Lehramt halten, gleichzeitig behaupten, kirchliche Amtsträger könnten mit ihren politischen Stellungnahmen das Abstimmungsverhalten der Gläubigen diktieren.

Jeder Standpunkt ist relativ
Woher kommt es dann, dass die einen eine politische Kirche fordern und die anderen eine solche ablehnen? Weil wir – sowohl politisch wie kirchlich – die Bestätigung und nicht die Debatte suchen. Weil wir Parteilichkeit immer von unserem eigenen Standpunkt aus beurteilen.
Als Papst Franziskus in seiner Enzyklika «Evangelii Gaudium» schrieb «diese Wirtschaft tötet», wurde er von linker Seite gelobt. Bürgerliche Kreise hingegen beschieden dem Papst sofort, sich doch bitte nur zu Dingen zu äussern, von denen er eine Ahnung habe.
Als er dann Abtreibung mit Auftragsmord verglich, applaudierte die Rechte, während die Linke protestierte.

Dasselbe geschah nach der Wahl von Franziska Driessen zur Synodalratspräsidentin. In einem Interview mit der Aargauer Zeitung sagte sie: «Der Churer Weihbischof Peter Henrici sagte 2004, ein guter Christ könne nicht SVP wählen. Ich glaube, ich könnte ihm recht geben. Es bereitet mir Mühe, wie man sich als Teil einer Kirche sehen kann, wenn man deren wichtigsten Grundwert nicht achtet: für den Nächsten da zu sein.»
Daraufhin gab es laute Proteste von SVP-Vertretern, bis hin zum angedrohten oder auch vollzogenen Kirchenaustritt. – Hätte die SVP wohl ebenso heftig reagiert, wenn Franziska Driessen gesagt hätte, man könne als guter Christ die SP wegen ihrer Haltung zur Abtreibungsfrage nicht wählen? – Und hätte die SP eine solche Aussage ganz entspannt aufgenommen?

Anfangs Februar trat eine junge Pfadileiterin mit einem Testimonial für die SVP auf. Sofort gab es Proteste, hier werde eine politisch neutrale Bewegung missbraucht. SVP-Wahlkampfleiter Adrian Amstutz liess daraufhin verlauten: «Wäre es ein Spot für eine linke Partei, wäre ein solcher Auftritt wohl überhaupt kein Problem.»
Würde Amstutz genauso so souverän reagieren, wenn ein katholischer Priester im Messgewand für die SP Wahlwerbung machen würde?

All diese Beispiele machen deutlich: Was wir als politisch zulässig oder als unzulässig empfinden, hängt in erster Linie davon ab, wo wir selbst stehen. Was in unser Weltbild passt, ist gut. Was nicht passt, ist schlecht. Fake News sind immer die anderen.
Wir können diesen Affekt an uns selbst beobachten: Wenn ein Medienbericht unsere Sicht der Dinge bestätigt, dann halten wir ihn ganz selbstverständlich für sauber recherchiert, seriös argumentiert und differenziert geschrieben. Mit Attributen wie tendenziös, schlampig oder parteilich belegen wir stets jene, die unsere Meinung nicht teilen.

Debattieren statt dozieren
Kirche und Politik können aber nur dann einen Beitrag für verheissungsvolle Veränderungen leisten, wenn sich beide Seiten in Bescheidenheit üben.
Politikern steht es nicht zu, darüber zu urteilen, wer sich zu einer Sache politisch äussern darf. Sie besitzen nicht die Hoheit über die Themen.
Kirchenvertretern steht es nicht zu, über das Gewissen der Gläubigen zu verfügen. Sie besitzen nicht die Hoheit über die Deutung.

Wer sich auf die politische Debatte einlässt, muss ertragen, dass auch der Parteigenosse und die Glaubensschwester widersprechen. Er kann nicht erwarten, dass jede Predigt und jede Ansprache die eigene Sicht bestätigt. Er muss bereit sein, das eigene Milieu, sei es nun politisch oder kirchlich, nicht als absolut zu setzen.
Im Verhältnis Kirche und Politik geht es also nicht um klare Grenzziehungen, sondern um das Führen von Debatten. Dafür müssen wir einsehen, dass jeder Standpunkt zwangsläufig auch relativ ist, eben weil es sich um einen Standpunkt handelt. Wir müssen uns der eigenen Parteilichkeit bewusst werden und diese zur Diskussion stellen.

Auf die Beispiele von Franziskus und Peter Henrici angewendet bedeutet das: Beide wenden ein rhetorisches Mittel an, das in der Politik eine Selbstverständlichkeit ist. Sie provozieren mittels drastischer Überspitzung. Heikel wird es, wenn diese Provokationen praktisch in den Rang von Lehrmeinungen erhoben werden, weil sie Aussagen eines Papstes und eines Bischofs sind. Damit wird ihnen eine Autorität zugeschrieben, die sich nicht auf ein überzeugendes Argument stützt, sondern auf das Amt des Zitierten.

Wenn die Kirchen und ihre Mitglieder sich heute in die Politik einmischen wollen, dann müssen sie das Wort «einmischen» wörtlich nehmen, weil sie dann nicht mehr von oben herab dozieren werden, sondern aus der Mitte heraus ohne Absolutheitsanspruch argumentieren.

Eine politische Kirche muss sich auf den Wettstreit der Argumente einlassen. Und Politiker müssen respektieren, dass nicht sie als neue Volksprediger auf der Kanzel stehen.

 

Text: Thomas Binotto