Editorial

Zuerst kommt der Bruch

Vor dem Neuanfang ist der Bruch: Verletzung, Zerstörung, Schmerz. Ostern beschönigt nichts, aber verheisst mitten im Bruch eine neue Perspektive.

Gerade lese ich, dass die Zahl der Insekten ganz dramatisch zurückgeht, was Folgen für das ganze Ökosystem hat, bis hin zum Hunger für Menschen. Gerade lese ich, dass die gesamte Redaktion der vatikanischen Frauenzeitschrift «Donne Chiesa Mondo» zurücktritt. Nachdem sie Beiträge über Missbrauch an Ordensfrauen veröffentlicht hatten, sind sie unter Druck und in ihrer redaktionellen Freiheit beschnitten. Gerade erfahre ich, dass ganz nahe in meinem Umfeld Menschen von Krankheiten bedroht sind, die zum Tod führen.

Zeichen für Umbrüche, versteckte Neuanfänge? Bevor ein Umbruch geschieht, ist da der Bruch: Verletzung, Zerstörung, Schmerz. Davor möchten wir uns schützen. Lieber nicht hinschauen. Jesus ging es nicht anders: Vor seiner Verhaftung, mit der Aussicht auf Folter und Tod, wünscht er, dieser «Kelch möge vorübergehen».

Doch dann lässt Jesus den Bruch zu, zerbricht wortwörtlich am Verrat seiner Jünger, den Peitschenhieben der Soldaten, an der Schwere des Kreuzes, verzweifelt an der Abwesenheit Gottes. Geht durch den Tod.

Ostern macht uns nicht vor, dass alles nur halb so schlimm sei. Doch Ostern verheisst uns, dass mit dem Bruch nicht alles zu Ende ist. Dass ein Umbruch möglich, neues Leben erfahrbar ist.

Ostern lehrt uns, mit den Augen des Auferstandenen auf alles zu schauen. Diese Augen beschönigen nichts, übersehen nichts, blenden nichts aus. Aber sie sehen eine neue Dimension, eine andere Perspektive. Sie sehen nicht vom Leben bis zum Tod, sondern vom Tod bis zum Leben.

Text: Beatrix Ledergerber