Josef Annen

Auf dem Weg nach Ostern

Jeden Tag begegnet Generalvikar Josef Annen einer Kreuzikone. Sie hängt in seiner Wohnung und erinnert ihn immer wieder daran, dass man dem Kreuz nicht ausweichen soll.

Es war 1987. Ich nahm Abschied von acht Jahren Jugendseelsorge in der Deutschschweiz. Als Dank schenkten mir die Jugendlichen eine Kreuzikone: ein Auferstehungskreuz aus Kupfer, Messing und Gold im Feuer geätzt. Diese Ikone hat bis heute einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.

Geschaffen hat sie der Goldschmied und reformierte Pfarrer Josua Bösch im Kloster Camaldoli (Italien). Von dort schrieb er mir damals: «Ich habe diesmal keine Wachsschicht darübergegossen. Nur mit etwas säurefreiem Öl behandelt. Mir ist, wie wenn es dem im Feuer geätzten Metall wohltäte. Wiederhole es hie und da. So behält das Messing seinen Glanz. Es tut auch uns gut, wenn wir unserem Kreuz von Zeit zu Zeit e chli lueged.»
Seitdem behandle ich mein Auferstehungskreuz ab und zu mit Paraffin. Nicht nur das Messing behält so seinen Glanz. Was vor allem zum Leuchten kommt, ist das Gold an den Wundmalen Jesu. Es ist, als ob es mir sagen würde: Wo es schmerzt, bricht Neues an. Ostern findest du nur über das Kreuz.

Was die Kreuzikone bildhaft ausdrückt, sagt der Evangelist Johannes mit den Worten: «Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater zu gehen.» (Johannes 13,1)
Der Weg Jesu zu Gott, seinem Vater, geht über das Kreuz. Der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar spricht im Hinblick auf die drei heiligen Tage (Karfreitag, Karsamstag, Ostern) von einem dreifachen Gang: vom Gang Jesu zum Kreuz, zu den Toten und zum Vater. Gehen wir in diesen Tagen mit Jesus seinen Weg, so gehen wir immer zugleich auch unseren eigenen Weg.

Der Gang zum Kreuz
Im Garten Getsemani ergreift Jesus Furcht und Angst: «Meine Seele ist zu Tode betrübt.» (Markus 14,34) Auf seinem Weg zum Kreuz durchlebt er, was ungezählten Menschen auch heute nicht erspart bleibt: vom Freund verraten, blossgestellt, ungerecht verurteilt. Wir begegnen unserem eigenen Sterbenmüssen, aber auch den unzähligen Opfern, die noch leben dürften, wenn nicht Hass, Terror und Krieg das Sagen hätten.
Was ist die Antwort vom Kreuz? «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» (Lukas 23,34) – Am Karfreitag bleiben zwei zurück: Gott, der sich erbarmt, und der Mensch, der Erbarmen nötig hat.

Der Gang zu den Toten
Wo aber ist Jesus zwischen Tod und Auferstehung? Im Glaubensbekenntnis beten wir: «Hinabgestiegen in das Reich des Todes.» Nach jüdischer Vorstellung sind die Toten im Schattenreich des Todes. Da ist kein Leben, da ist Tod. Da ist keine Kommunikation, da ist Schweigen. Wenn wir bekennen, Jesus ist zu den Toten hinabgestiegen, sagen wir: Er schweigt mit den Toten. Gott schweigt. Der Gang Jesu zu den Toten erinnert uns, dass es neben dem Sprechen Gottes auch ein Schweigen Gottes gibt.
Wer von uns hat Gott nicht schon als den Abwesenden, den Schweigenden, den Stummen und Fernen erlebt? Wer hat nicht schon gebetet und keine Antwort erfahren? Wie viele Menschen sind nicht schon am Schweigen Gottes zerbrochen? Das ist die Erfahrung vom Karsamstag. Manchen Menschen ist sie vertrauter als die Auferstehungserfahrung.

Der Gang zum Vater
Es ist Ostermorgen. Die Jünger Petrus und Johannes laufen zum Grab. Petrus geht als Erster ins Grab hinein. Doch er begreift nicht. Dann geht Johannes ins Grab hinein: «Er sah und glaubte.» (Johannes 20,8)
Petrus ist dem Kreuz ausgewichen. Johannes erlitt mit Jesus die Stunden der Angst in Getsemani. Er stand unter dem Kreuz mit Maria, der Mutter Jesu. Johannes ist der Jünger, der Jesus zum Freund hatte. Diese Freundschaft hat ihm am Ostermorgen die Augen geöffnet. Die Liebe zu Jesus sagt ihm: Der Herr ist nicht im Tod geblieben, er ist auferstanden.

Der Weg zum Osterglauben geht über die Treue zu Jesus, über das Aushalten an der Seite von Entrechteten, nicht zuletzt an der Seite der Missbrauchsopfer unserer Kirche. Wir dürfen auf dem Weg zum Osterglauben dem eigenen Kreuz und dem der anderen nicht ausweichen.


Zum Künstler

Josua Boesch (1922–2012) machte zunächst in Zürich eine Ausbildung zum Gold- und Silberschmied. Danach studierte er Theologie und wurde 1951 in Zürich zum reformierten Pfarrer ordiniert. Wie er zum Künstler wurde, hat seine Tochter Verena Frei-Boesch so beschrieben: «Im Laufe seiner Jahre als Pfarrer fingen seine Hände an zu ‹weinen›, wie Josua Boesch es ausdrückte. Er wollte wieder handwerklich schaffen. Der Gold-und Silberschmied und der Pfarrer wollten zusammenkommen, wollten eins werden! In Affoltern a.A. arbeitete er in seinen letzten zwei Amtsjahren halbzeitlich im Pfarramt und halbzeitlich als Künstler, in seinem Schopf neben dem Pfarrhaus. Er verwirklichte sich dabei seinen Jugendtraum: In bisher ungewohnter Weise verband er unedles und edles Metall: Messing, Kupfer, Silber und Gold. Es entstanden Kunstwerke, ‹Ikonen›, nicht gemalte Ikonen, wie sie die Ostkirche kennt, sondern Ikonen aus Metall. Ihre Farben und Nuancen entstanden spontan im Feuer. Kupfer, Messing, Silber und Gold verwandelten sich im Feuer in einem Löt- und Schmelzprozess zu einer überraschenden Einheit. Das Feuer, Symbol der verwandelnden Kraft der Liebe Gottes, war der eigentliche Künstler. Seinen eigenen Anteil daran sah Josua Boesch darin, in liebevoller Achtsamkeit den Arbeitsgang zu begleiten, indem er unedle Metalle behandelte, ‹als wären sie Gold›. Er ging mit seinen Ikonen durchs Feuer. Es war für ihn selbst ein Läuterungs- und Reinigungsweg, wenn er seine Ikonen dem Feuer übergab.» bit

www.pfarrverein.ch/nekrologe
www.christliche-kontemplation.ch/josuab.htm

Text: Josef Annen

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Josef Annen, seit 2010 Generalvikar für die Kantone Zürich und Glarus