Implus zum Kirchenjahr

Mit allen Sinnen

Haben Sie sich in der Osternacht auch schon gefragt, warum der Priester sich für die ausführlichste Version der Liturgie entschieden hat, wo doch zu Hause das Osterfrühstück wartet? – Als jugendliche Ministrantin ging mir das manches Mal so. Zugleich war ich aber fasziniert von der uralten Zeremonie.

Als Althistorikerin weiss ich heute, dass ein grosser Teil unserer Liturgie in der Spätantike entstanden ist. In den ersten zweieinhalb Jahrhunderten nach Jesu Geburt haben die Christen zum Gedenken an seinen Tod und seine Auferstehung ein Trauerfasten gehalten und anschliessend das Pessachfest gefeiert.

Erst in der Spätantike gingen sie dazu über, den Leidensweg mit einem ganzen Zyklus erlebbar zu machen. Der Einzug Jesu in Jerusalem (Palmsonntag), das letzte Abendmahl (Gründonnerstag), Jesu Tod (Karfreitag), die Grabruhe (Karsamstag) und die Auferstehung (Ostersonntag) sollten nicht mehr nur erzählt, sondern mit allen Sinnen, mit Gesten und mit Emotionen nachempfunden werden können. Es entwickelten sich der Kreuzweg und die Grundzüge unserer heutigen Ostermesse.
Die spätantiken Christen haben für diese Liturgie in ihnen bekannten Formen des Judentums oder heidnischer Kulte nach Wegen gesucht, das Unbegreifliche an der Osterbotschaft begreiflich zu machen. Dabei entstanden innovative neue Formen, die dem im vierten Jahrhundert weit verbreiteten Bedürfnis entsprachen, religiöse Erzählungen intensiv und emotional nachzuempfinden.

In manchen Onlineforen werden heute christliche Osterbräuche wegen ihrer Anleihen bei heidnischen Kulten verunglimpft. In meinen Augen ist die Geschichtlichkeit der Osterliturgie jedoch etwas ganz Natürliches. Sie zeigt, dass unsere Hilfsmittel, um das Göttliche zu begreifen, menschengemacht sind.

Ich begreife die Historizität christlicher Bräuche als Aufforderung, uns immer neu zu fragen, wie wir Jesu Geschichte heute am intensivsten nachempfinden können. Vielleicht stellen wir dabei fest, dass es auch heute wieder an der Zeit ist, über eine Neuerfindung des einen oder anderen liturgischen Elementes nachzudenken – nicht zwingend für die Osterliturgie, sondern ganz allgemein. In jedem Fall wünsche ich Ihnen für das diesjährige Osterfest ein Erleben mit allen Sinnen.

Die Historikerin Miriam Bastian doktoriert derzeit an der Universität Zürich im Fachbereich Alte Geschichte.

Text: Miriam Bastian