Schwerpunkt

Über Nacht

Was wir am Tag nach aussen tun, geschieht über Nacht nach innen: aufnehmen, aussortieren, verarbeiten. Schlafen ist selbstverständlich – solange es gut geht.

«Ich kann nur eines sagen, der Schlaf ist das Wichtigste, was wir haben.» Sascha Gassner stört es nicht, namentlich erwähnt zu werden, denn seine Geschichte könnte anderen helfen. Fünf Monate liegen hinter ihm, in denen er kaum schlafen konnte, plötzlich und unerwartet: «Nach einer Stunde, maximal eineinhalb, wurde ich wach. Jede Nacht. Aufstehen, spazieren gehen. Mit der Zeit bekam ich richtig Panik. Das Schlafdefizit wurde ja auch immer grösser. Ich hatte das Gefühl, als würden Ameisen auf meiner Haut laufen.» Zeit seines Lebens hat Gassner gut geschlafen und viel gearbeitet. «Man hat sich nie Zeit genommen für sich.» Alles war möglich, solange er schlafen konnte.

Wie und warum Menschen schlafen, ist auch für die Forschung noch nicht restlos geklärt. Annkathrin Pöpel, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, nennt ein Beispiel: «Die Funktion von Regeneration und Erholung während des Schlafens ist kaum bekannt.» Die Schlafmedizinerin leitet das Ambulante Zentrum für Psychosomatik des Sanatoriums Kilchberg und hält Sprechstunden für Menschen, die wie Sascha Gassner mit Schlafstörungen kämpfen. Bei Bedarf schickt sie diese in ein Schlaflabor.
Sascha Gassner hat dort Klarheit erhalten. Aber auch die Schlafforschung insgesamt profitiert von diesen Daten. Susanne Jesse, die ein solches Labor am See-Spital Kilchberg leitet, betont: «Schlaf ist nicht einfach ein passiver Prozess, im Schlaf läuft ganz vieles ab.» Sie weiss, wovon sie spricht, denn jeden Morgen wertet sie die Daten ihrer Patienten aus. Daten von Menschen, die eine Nacht lang im Labor geschlafen haben. 

Schlaflabor heisst: Elektroden und Messgeräte werden am Kopf angebracht, am Kinn, am Bauch, auf Händen und Beinen, und eine Infrarotkamera zeichnet die äusseren Bewegungen auf. Labor heisst auch, dass eine Person die ganze Nacht lang im Nebenraum die Aufzeichnungen überwacht und das Verhalten des schlafenden Menschen dokumentiert. Ansonsten ist es im Schlaflabor möglichst unauffällig alltäglich: ein schönes ruhiges Zimmer, ein Fernseher und natürlich ein Bett, im Nebenraum die Toilette, die auch während der Nacht dank kabelloser Datenübertragung jederzeit aufgesucht werden kann. Die Untersuchung, die hier gemacht wird, heisst Polysomnografie und ist die umfangreichste, die es zum Schlaf gibt.

Einblicke ins Schlaflabor.

Einblicke ins Schlaflabor. Foto: Schlafzentrum/zvg

Einblicke ins Schlaflabor.

Einblicke ins Schlaflabor. Foto: Schlafzentrum/zvg

Einblicke ins Schlaflabor.

Einblicke ins Schlaflabor. Foto: Schlafzentrum/zvg

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«Ganz normal» hat Sascha Gassner im Schlaflabor nicht geschlafen, weil die Elektroden natürlich gestört haben. Dafür schläft er seither wieder richtig gut, denn die Untersuchung hat ein Ergebnis gebracht: Sascha Gassner leidet unter Schlaf-Apnoe. Gezeigt hat ihm das Susanne Jesse am Morgen nach dem Aufwachen auf einer Videosequenz, die während der Nacht entstanden war: «Da bin ich wirklich erschrocken. Ich sehe mich auf der linken Seite liegen und schlafen, den Arm nach oben gestreckt und dann fang ich so an …», Gassner macht zwei kurze und einen langen Schnarcher, «… und der ganze Körper bewegt sich. Eine Konfrontation mit der Wahrheit.» Gassner konnte sehen, dass seine Atmung im Schlaf aussetzt, für länger als zehn Sekunden. Das ist es, was ihn immer wieder aufwachen lässt. 

«Darunter leidet ein Grossteil unserer Patienten», sagt Jesse. In ihr Schlaflabor kommen vorwiegend Männer zwischen 40 und 60 Jahren. Männer über 50 gehören der Risikogruppe für Schlafstörungen an, weil im Unterschied zu Frauen die Anatomie im Nacken und Halsbereich die Atmung eher beeinträchtigt. Und weil viele übergewichtig sind. Für Schlaf-Apnoe gibt es Abhilfe. Sascha Gassner schläft nun mit einer Atem-Maske. Durch diese wird normale Zimmerluft mit höherem Druck in die Atemwege geleitet. Das hält die Atemwege offen. «Zuerst hat mich das überfordert. Aber dann hab ich gleich in der ersten Nacht fünfeinhalb Stunden am Stück geschlafen. Ich bin in der Früh aufgestanden – ich war frisch, ich war happy!» Gassners Erleichterung lässt sich gut nachvollziehen. Und auch, dass er nun achtsamer ist, mit seinem Schlaf und mit sich selbst: Fitness-Studio und mehr Zeit für sich, aber auch eine gewisse Schlaf-Hygiene. «Eindeutig, ich lege jetzt Wert auf meinen Schlaf, weil mir bewusst geworden ist: Das ist die Essenz.»

Dass der Schlaf essenziell ist für das Menschsein, ist eine uralte Erfahrung, die sich mit jener von Sascha Gassner deckt. Bis in die griechische Mythologie und in biblische Zeiten können wir sie zurückverfolgen. In der Antike ist Thanatos, der Tod, der Bruder von Hypnos, dem Schlaf. Adam schläft ein, damit Eva entstehen kann. Neues Leben wächst, wie «über Nacht».
Jesus holt seinen Freund Lazarus aus dem Grab und sagt zuvor über ihn: «Lazarus, unser Freund, schläft.» Und wird nicht auch aus Jesus, dem Gekreuzigten, wie «über Nacht» der Auferstandene? 

Die naturwissenschaftliche Erforschung des Schlafs ist recht jung, sie beginnt 1924 mit der Entdeckung der Elektroenzephalografie, kurz EEG. Mit ihr war es erstmals möglich, Hirnströme zu messen. Einer der wichtigsten Schlafforscher lebt übrigens in Zürich: Alexander Borbély, auf den das 1984 erstmals erschienene Standardwerk «Das Geheimnis des Schlafs» zurückgeht. «Nacht für Nacht dem Schlaf zu begegnen, der so selbstverständlich erscheint und von dessen wirklichem Verständnis wir noch so weit entfernt sind, mahnt zur Bescheidenheit», schreibt er.

Einstweilen hat die Wirtschaft im Schlaf ein lukratives Geschäft entdeckt: Mit Trackern sollen wir selbst unseren Schlaf überwachen, Coaches wollen uns zu einem richtigen Biorhythmus verhelfen, atmungsaktive Bettwäsche soll unsere Schlafqualität revolutionieren. Die Schlafmedizinerin Annkathrin Pöpel ist da vorsichtig: «Vieles ist natürlich zunächst eine Geschäftsidee, hinter der nicht unbedingt ein wissenschaftlich überprüftes Konzept steht.» Wahrscheinlich wird Alexander Borbélys Aufruf zur Bescheidenheit noch lange gelten.

Text: Veronika Jehle

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Einige Regeln zur Schlaf-Hygiene

  • Jeden Tag ungefähr zur selben Zeit schlafen gehen
  • Herausfinden, wie viel Schlaf man persönlich braucht
  • In einem ruhigen, dunklen, gut gelüfteten Raum schlafen
  • Kann man nicht schlafen: Aufstehen und sich beschäftigen, bis die Müdigkeit kommt
  • Tagsüber höchstens kurz schlafen, damit der Schlafdruck nicht abnimmt
  • Am Abend alle Anstrengungen vermeiden
  • Am Abend auf Kaffee, Alkohol, Rauchen und schwere Mahlzeiten verzichten