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Unbegreiflich – aber hörbar

Sakrale Musik beschäftigt sich selbstverständlich mit Tod und Auferstehung. Aber die Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit wird auch ausserhalb der Liturgie zu Gehör gebracht.

Auferstehung – vielfältiger Klang

«Erlösung ist für mich ein Albtraum», maulte einst Christoph Schlingensief, der Theatermann und Wagner-Regisseur, als er «Mea Culpa» für das Wiener Burgtheater inszenierte, eine bejubelte «Ready-made-Oper», ein Stück übers Leben und Sterben, über Schuld und Schicksal, gespeist ganz aus der eigenen Krebs-Erkrankung, die Schlingensief konsequent zum öffentlichen Kunstwerk erklärt hat.

Es ist ein Spiel. Mit Erwartungen und Provokationen. Und ob man will oder nicht: Ohne die jahrhundertealte Tradition der Passionsmusiken, die den biblischen Stoff der Leidensgeschichte Jesu einmal als grosses Theater dramatisieren, ein andermal in eine tiefe Meditation auflösen, ohne diese Tradition wären Kompilationen wie Schlingensiefs «Mea Culpa» nicht denkbar. Der zentrale Unterschied: Die Frage nach dem Erlösungswerk Gottes spielt hier keine Rolle mehr. Sie ist dem Zorn über das menschliche Unvermögen zur Selbst-Erlösung gewichen.

Wahrscheinlich ist daran mal wieder Richard Wagner schuld. Kein anderer Komponist hat derart rigoros mit religiösen Versatzstücken jongliert – aus dem Instinkt heraus, dass Musik erst dann zu wahrer Grösse gelangt, wenn sie Welten schafft, wo Worte versagen. Ewig unerlöst irrt sein «Fliegender Holländer» durch Meer und Nebel. Isoldes Liebestod formuliert eine ebenso eingängige wie simple Gleichung: Liebe plus Tod gleich Erlösung. Und Parsifal, der im Herzen reine Tor, bringt den siechen Gralsrittern ausgerechnet am Karfreitag Erlösung: «Das ist Karfreitagszauber, Herr», singt der brave Gurnemanz. Und ergänzt, weil der Heilsbringer nichts kapiert: «Nun freut sich alle Kreatur auf des Erlösers holder Spur, will ihr Gebet ihm weihen.» 

Auferstehung abstrakt…
Ganz anders Edvard Elgar. In jungen Jahren nutzte der Katholik und spätere Pomp-and-Circumstance-Meister langatmige Sonntagspredigten für seine Kompositionen. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang ihm mit seinem Oratorium «The Dream of Gerontius» nach der tiefsinnigen Dichtung von Kardinal John Henry Newman nicht nur ein spätromantisches Meisterwerk, sondern auch eine gewitzte «demonstratio catholica» im anglikanischen England. Der Traum des greisen Gerontius ist die abstrakte Erzählung von Sterben und Auferstehen: Seine Seele wacht an einem Ort ohne Raum und Zeit auf und beginnt – begleitet von einem Schutzengel – eine Reise, vorbei an ungezogenen Dämonen und geordneten Engelschören bis hin zum Jüngsten Gericht.

Elgars monumentales Oratorium ist keine vertonte Enzyklika, sondern ein Traum, eine Meditation über den christlichen Glauben an die Auferstehung. Ein Versuch, das nicht Greifbare mit dem flüchtigen Medium Musik dennoch zu begreifen.
Das sozusagen säkulare Pendant zu Elgars Oratorium stammt von Robert Schumann und wurde 1843 in Leipzig uraufgeführt: Auch in «Das Paradies und die Peri» geht es um Erlösung und darum, den Himmel gnädig zu stimmen. Das orientalische Märchen stellt die Frage nach dem Wert von Opfergaben: Heldenblut? Oder Liebestod? Nichts von alledem. Schliesslich öffnen die Tränen eines Verbrechers die Pforte zum Paradies.

Schumanns Oratorium war zu Lebzeiten des Komponisten gewaltig erfolgreich, wurde später ideologisch missbraucht und schliess-lich als kitschig geschmäht. In jüngerer Zeit erlebt es jedoch wieder häufigere Aufführungen: Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder Simon Rattle versuchen, Schumanns Ton, in dem sich romantische Sehnsucht und orientalische Fantasien mischen, neu zugänglich zu machen.

…und personalisiert
Man muss alles von Ostern her sehen: Ohne die Hoffnung auf Auferstehung ist jedes Requiem sinnlos. Ohne die Zuversicht des Ostermorgens bleibt von der christlichen Leidensgeschichte nur ein Hollywood-Schocker. Natürlich, die Passion ist in ihrer dramatischen Erbarmungslosigkeit ergiebig für jeden Komponisten. Aber es muss auch an einige spannende Oster-Oratorien erinnert werden, an die «Historia der Auferstehung Jesu Christi» von Heinrich Schütz zum Beispiel, ein frühbarockes Meisterwerk musikalischer Textdeutung, das zur Entstehungszeit unglaublich modern war und heute noch in seiner spirituellen Unmittelbarkeit berückt. Oder Carl Philipp Emanuel Bachs «Auferstehung und Himmelfahrt Jesu», die im Niemandsland zwischen Barock und Romantik eine ganz unsentimentale, sehr lyrische Betrachtung über das Osterwunder anstellt. Karl Wilhelm Rammlers wuchtiger Text war nicht nur für den «Hamburger Bach» eine dankbare Vorlage, sondern auch für Kollegen wie Georg Philipp Telemann, den spitzzüngigen Johann Adolf Scheibe oder Goethes Freund Carl Friedrich Zelter.

Einer, der auf der Suche nach einem neuen, zeitgemässen Ausdruck alle Grenzen sprengte, war Gustav Mahler. In seine zweite Sinfonie fügte er Gesangstexte ein: das «Urlicht» aus «Des Knaben Wunderhorn» in den vierten Satz, zu dem Mahler anmerkte, es sei «das Fragen und Ringen der Seele um Gott und die eigene göttliche Existenz über dieses Leben hinaus». Und Klopstocks Gedicht «Auferstehung» im Finale – nichts weniger als eine Verheissung. Diese monumentale Auferstehungssinfonie nannte Mahler selbst bescheiden «meine Totenfeier». In Tat und Wahrheit war sie 1895 ein monumentaler Gegenentwurf zu Wagners Tristan.
Viel intimer versuchte es Alban Berg vierzig Jahre später. Sein Violinkonzert ist «Dem Andenken eines Engels» gewidmet. Es zeichnet das kurze Leben der Manon Gropius nach und mündet in ihre Verklärung. Berg nimmt dafür Bach zu Hilfe: «Es ist genug» aus der Kantate «O Ewigkeit, du Donnerwort». Keine Frage: In seiner Anlage ist das Violinkonzert eigentlich ein traurig-tröstliches Requiem – und sei allen leichtfertigen Verächtern von Zwölftonmusik ans Entdeckerherz gelegt!

Was ist eigentlich Verklärung? Worüber Theologen sich den Kopf zermartern, haben Komponisten vergleichsweise leichtes Spiel. Richard Strauss hat in seiner sinfonischen Dichtung samtig-schmeichelnde Musik für «Tod und Verklärung» erfunden. Olivier Messiaen, der «heilige Franziskus» der Musik, hat nicht nur auf der Orgel immer wieder um den rechten Ausdruck für die Göttlichkeit gerungen. Und mit «Des Engels Anredung an die Seele» hat der junge Klaus Huber einen Exkurs ins Zeitlose gezaubert.

Die unglaublichste Abenteuerreise zur Verklärung der Menschheit hin hat allerdings Karlheinz Stockhausen unternommen: Sein monumentaler Licht-Zyklus schreitet in Siebenmeilenstiefeln durch Universum und Wochentage. Er beginnt buchstäblich bei Adam und Eva und mündet im goldenen Licht des Sonntags. 29 Stunden Musik hat Stockhausen für sein Licht-Werk komponiert. -Zugegeben: Das ist noch nicht ganz die Ewigkeit. Aber nach menschlichem Ermessen doch verdächtig nah dran. 

Clemens Prokop 


Traurig – aber inspiriert 

Der Verlust eines geliebten Menschen löst nicht nur Trauer aus, er inspiriert auch. 1998 verlor Herbert Grönemeyer innerhalb von zwei Tagen seine Frau und seinen Bruder. Das brachte seine künstlerische Tätigkeit zunächst zum Erliegen. Aber sein nächstes Album, das vier Jahre später erschien, ist durchdrungen vom Ringen darum, auf das Erlittene eine Antwort als Künstler zu finden.

«Der Weg» durchläuft nochmals die Stationen der Trauer. «Kann kaum noch glauben» singt Grönemeyer und klagt «das Leben ist nicht fair». Aber auch seine unverbrüchliche Hoffnung an das Weiterleben kommt bereits zögerlich zum Ausdruck: «Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.» Und irgendwie schwingt darin auch der Glaube mit, dass es, wenn auch hier Vorhang fällt, woanders doch zum Wiedersehen kommt.
Eric Clapton hat nach dem Tod seines Sohnes «Tears in Heaven» geschrieben. Und auch er wird von dieser Hoffnung getragen: «Would you know my name if I saw you in heaven?» Werden wir vom geliebten Menschen im Himmel wohl wieder erkannt werden? Clapton hofft es und ist überzeugt: «Beyond the door, there’s peace I’m sure.» – Jenseits des Todes herrscht Friede. Und Tränen gibt es im Himmel keine mehr.

Der Verlust eines geliebten Menschen wird in unzähligen Liedern besungen – fast ebenso oft wie die Liebe. Das ist kein Zufall, denn mit der Liebe wächst die Angst vor dem Verlust. Und nach dem Verlust eines geliebten Menschen fühlt man sich buchstäblich sterbenselend. «Es tropft ins Herz. Mein Kopf unmöbliert und hohl. Fühl mich unbewohnt.» beschreibt Grönemeyer dieses Gefühl.
Auch Reinhard Mey musste wie Eric Clapton den frühen Tod eines Kindes verkraften. Bei ihm vertreibt die Erinnerung die Leere. «Du bist ja immer unter uns, von Zuneigung umgeben. Geborgen und in unsrer Mitte, liebevoll umringt.» singt er in «So lange schon». Gerade weil Mey die Erinnerung an seinen Sohn aushält, mündet die Trauer in eine Feier des Lebens: «Nun kommt, jetzt lasst uns trinken, auf die Liebe, auf das Leben und auf dein Lachen, das für immer in uns weiterklingt.»

Himmelsbilder
Diese Leere wird auch in unzähligen Volksliedern besungen – genauso poetisch, wie wenn es um die grosse Liebe geht. Bereits die Untreue eines geliebten Menschen wird als Tod empfunden, gegen den man mit starken, ewigen Worten ankämpft: «Bis die bärge sich tüe biege u die hügel sänke sich, bis die dischtle trage fyge, solang will i liebe di.» So heisst es in «Stets in truure». Und in «Ich hab die Nacht geträumet» wird der Verlust des geliebten Menschen mit einem Baum verglichen, der seine Blüten verliert. «Die Blüten tät ich sammeln in einem goldnen Krug. Der fiel mir aus den Händen, dass er in Stücke schlug.» 

Wenn es im Volkslied allerdings um den Himmel geht, wird es meist sehr handfest, manchmal sogar derb schwankhaft. Auch der «Schacher Seppli» verwendet das populäre Bild von der Himmelstüre mit Petrus als Concierge. Und der ruft dem Vaganten Sepp zu: «Chum nume ine, chum und leg dis himmelsgwändli a.» Dann endet das Lied mit der Vision eines Himmels, der für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt: «Die arme und verlass’ne lüt müend’s schön im himmel ha.»
Diese bildhafte und konkrete Vorstellung von Tod und Auferstehung ist ein Merkmal, das sich durch sämtliche populären Lieder der alten und jungen Volkskultur zieht. Auch wenn Bob Dylan nicht mehr weiter weiss, stellt er sich als Bittsteller an die Himmelstür – und lässt dem Allerhöchsten mit -seinem fordernden Stakkato keine Ruhe: «Knock, knock, knockin’on heaven’s door».

Reinhard Mey wiederum imaginiert, wie ihn sein Vater dereinst in einem schneeweissen 51er Kapitän abholen werde, jenem legendären Opel-Modell, das sich der Vater immer gewünscht, aber zugunsten der Familie zeitlebens nie geleistet hat. Mey setzt sich in seinen Liedern oft mit dem eigenen Tod auseinander. Er wünscht sich zu sterben, «wie ein Baum, den man fällt» und er schreibt auch schon mal ein Testament mit dem Grabsteinspruch: «Hier liegt einer, der nicht gerne, aber der zufrieden ging.»
Ähnlich wie Mani Matter, der auf seine unnachahmlich lakonische Weise festhielt: «Die strass woni drann wone isch zwar, so dänken i e sackgass, s’isch wahr, hingäge für mi, und i gniesse das, no ke einbahnstrass.»
In «Mein Testament» kehrt Reinhard Mey die Optik um: Er ist nun der Verstorbene, der sich an die Zurückgebliebenen wendet und ihnen in der Trauer beizustehen versucht.

Aus dem Dunkel
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat Bruce Springsteen mit einem Album, das wie ein Aufschrei aus ihm herausbrach, versucht, die allgemeine Trauer, die Verständnislosigkeit und die Angst in Wort und Melodien zu fassen. Und einmal mehr zeigt ein Songwriter, worauf es beim Liedermachen ankommt: Für das Unfassbare und Überwältigende begreifbare Bilder zu finden. In «You’re Missing» beschreibt Springsteen eine Familie, in der plötzlich der Vater fehlt. Alles steht noch für ihn bereit: Kaffeetasse, Jacke, Zeitungen auf der Treppenstufe – «Everything is everything». Aber er fehlt. «Too much room in my bed.»

Die plötzlich hereingebrochene Gegenwart des Todes ist so schockierend und unverständlich, dass Springsteen für einen Moment argwöhnt, der Teufel sei gegenwärtiger als Gott: «God’s drifting in heaven, devil’s in the mailbox.» Der liebe Gott treibt irgendwo in himmlischen Höhen dahin, während der Teufel auf Erden sein Unwesen treibt.
Springsteen benutzt ganz selbstverständlich religiöse Motive – und tut das in aller Ernsthaftigkeit. Er hofft auf Wunder – «Countin’on a Miracle» – und begibt sich in die Hände Gottes. Manche Lieder haben eine Unmittelbarkeit und Kraft, die an biblische Psalmen erinnert. Springsteen schenkt Gott nichts – und erwartet von ihm doch alles. Also ist sein Album nicht zufällig mit «The Rising» überschrieben. Und das gleichnamige Lied klingt tatsächlich wie ein Erweckungsruf, als sei es ein traditioneller Gospel.

Die Fülle an ausdrucksstarken Liedern um Tod und Auferstehung ist gewaltig und unüberschaubar. Jede Auswahl ist daher zwangsläufig das Produkt des Zufalls. Aber ohne die «Beatles» geht es natürlich nicht: «Blackbird» ist eines ihrer schlichtesten und gleichzeitig bewegendsten Lieder. «Blackbird singing in the dead of night, take these broken wings and learn to fly» heisst es darin. Damit fallen Karfreitag und Ostern zusammen. Ausgerechnet dann, wenn die Nacht am dunkelsten ist, sollen wir daran glauben, dass wir zum Fliegen berufen sind: «You were only waiting for this moment to arise.»

Thomas Binotto

Text: Thomas Binotto

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Fast schon im Jenseits

Hörtipps

Richard Strauss: «Tod und Verklärung» Otto Klemperer und New Philharmonia Orchestra (EMI Classics)

Gustav Mahler: «2. Sinfonie» Valery Gergiev und London Symphony Orchestra (LSO Live)

Robert Schumann: «Das Paradies und Die Peri» Nikolaus Harnoncourt und das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks (Sony BMG)

Edvard Elgar: «The Dream of Gerontius» Benjamin Britten und London Symphony Orchestra (Decca, British Music Collection

Heinrich Schütz: «Historia der Auferstehung Jesu Christi» Philippe Pierlot und Ricercar Consort (Ricercar)

Carl Philipp Emanuel Bach: «Auferstehung und Himmelfahrt Jesu» Sigiswald Kuijken, Ex Tempore und La Petite Bande (Hyperion)

Alban Berg: «Violinkonzert» Isaac Stern, Leonard Bernstein und New York Philharmonic (Sony Classical)

Olivier Messiaen: «La Transfiguration de Notre-seigneur jésus-christ» Myung Whun Chung und das Orchestre philharmonique de Radio France (Deutsche Grammophon)

Klaus Huber: «Des Engels Anredung an die Seele» Arturo Tamayo und Ensemble Alternance (Accords)

Karlheinz Stockhausen: «Licht, Ausschnitte» auf der CD «Markus Stockhausen plays Karlheinz Stockhausen» (EMI Music)

Richard Wagner:
«Der Fliegende Holländer» Otto Klemperer und The New Philharmonia Orchestra (EMI Classics), «Tristan und Isolde» Daniel Barenboim und Berliner Philharmoniker (Teldec), «Parsifal» James Levine und Metropolitan Opera Orchestra (Deutsche Grammophon)

Herbert Grönemeyer: «Mensch» (EMI)

Reinhard Mey: «Wie vor Jahr und Tag» (Intercord)

Reinhard Mey: «Mr. Lee» (Oden, Universal Music)

Bruce Springsteen: «The Rising» (CBS)

Zupfgeigenhansel: «Volkslieder I – III» (pläne)