Spiritualität ganz alltäglich

Zahnseide benutzen

Michaele Madu, Pastoralassistentin der Katholischen Pfarrei Volketswil, deckt Parallelen von Spiritualität und Zahnseide auf.

«Die tägliche Verwendung von Zahnseide kann ihr Leben bis zu fünf Jahre verlängern!» Diesen Satz las ich vor einiger Zeit in einer Onlinezeitung. Bei diesem reisserischen Titel vermutete ich eine Werbung für ein Produkt. Doch es stellte sich heraus, dass es sich um einen medizinischen Artikel handelte, der mich anregte. Was hat Zahnseide mit einem längeren Leben zu tun?

Wie vermutet, hängt eine ganze Kette von körperlichen Reaktionen an der Verwendung von Zahnseide. Es geht nicht nur um einen frischen Atem, weil Nahrungsreste entfernt werden. Vor allem geht es darum, zu verhindern, dass sich das Zahnfleisch chronisch entzündet. Eine unerkannte Entzündung würde das Herz und andere Organe schwächen. Sie könnte im Gehirn eine Depression auslösen und viele Stoffwechselvorgänge beeinträchtigen. Wer also Zahnseide verwendet, macht das Risiko für eine Erkrankung kleiner. Wer zu ihr greift, erhöht dadurch mitunter auch seine Lebensqualität im Alter.

Ich bin erleichtert, dass ich schon seit Jahren Bürsten für die Zahnzwischenräume verwende. Sie sollen noch besser sein als Zahnseide. Entscheidend ist aber nicht nur die Qualität des Produkts, sondern die Regelmässigkeit der Anwendung. Stellen Sie sich vor, jemand würde durch den Artikel in der Onlinezeitung wachgerüttelt – und würde Jahre versäumten Putzens nachholen wollen, indem er zwölf Stunden lang Zahnseide benützte. Dann würde er doch wiederum nur sein Zahnfleisch schädigen.

Wir wissen es ja: Bei allem, was gesund ist, kommt es auf die Dosis und die Routine an. Täglich gesund essen, um sich manchmal Kuchen zu gönnen. Täglich eine Stunde laufen, statt seltene extreme Fitness. Wohnt in einem gesunden Körper immer eine gesunde Seele? Auch im geistlichen Leben tut tägliche Routine gut. Es gibt viele Möglichkeiten, die Seele zu heilen und zu bewahren, vom Schweigen über Meditation bis hin zum Gebet. Die Regelmässigkeit im geistlichen Leben muss nicht langweilig sein. Man hat zum Glück viel mehr Varianten als bei Zahnseide.

Auch in der Spiritualität kann übertriebenes Üben schaden, wenn dadurch der Kontakt zur Aussenwelt verloren geht. Ein paar Minuten am Tag genügen für eine erste geistliche Vertiefung, wenn sie nur regelmässig ist. Eine solche Praxis ist ähnlich wie Zahnseide, nur für die Seele – sie verbessert die Lebensqualität.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil