100 Jahre Frauenbund

Christine Sigg-Riegler (76)

Der Katholische Frauenbund Zürich wurde vor 100 Jahren gegründet. Für jedes Jahrzehnt ein Frauenporträt.

Offenheit ist Christine Sigg-Riegler wichtig. Wer vor ihrem Haus auf einer Anhöhe steht, dessen Blick öffnet sich auf die Stadt Kloten hinunter, und wer das Haus einmal betreten hat, sieht sich einem grossen Fenster gegenüber. Offenheit und Weite. Dementsprechend sagt sie, gefragt nach ihrem Wunsch für den Frauenbund: «Offen werden für alle Frauen. Es sollen auch Andersgläubige sein, denn das erleichtert das Verständnis.» Persönlich ist ihr das Katholische wichtig. Während ihrer Zeit beim Frauenbund habe die Religion allerdings «nicht unbedingt» eine Rolle gespielt. «Da war eine grosse Vielfalt an Frauen, und mit denen hat man auskommen gelernt. Das war das eigentlich Interessante daran: zu versuchen, die anderen zu verstehen, warum ist das so und nicht anders.»

2007 trat Christine Sigg-Riegler in den Kantonalvorstand des Katholischen Frauenbunds ein, von 2010 bis 2014 war sie dessen Präsidentin. Sie und die Frauen im Vorstand besuchten Jahr für Jahr möglichst viele Generalversammlungen von Ortsvereinen, rund 50 waren das immerhin. Um sich kennen zu lernen, die Kultur vor Ort zu verstehen, sich zu vernetzen. «Man muss dahintersehen, woher kommen die Situationen, woher kommen die Haltungen.» Ihre Aufgabe als Präsidentin verstand Sigg-Riegler auch als «Ansprechperson nach aussen». Und sie füllte diese Rolle aus: als Frau mit Charme, der einer Wienerin, wie ihr gerne zugeschrieben wird, als Frau, die gerne in Gesellschaft ist, als eine, die «modisches Flair» hat, wie sie von sich selbst sagt. Dass «katholisch sein» oft verbunden wurde mit «hausbacken, nicht up to date und nicht weltgewandt sein» – das störte Sigg-Riegler und das wollte sie als Präsidentin ändern. «Ich wollte zeigen: da sind moderne Frauen dabei, mit viel Wissen, Interesse und Elan.» Dazu gehörte auch, dass sie sich für die Verschönerung der Vereinsräumlichkeiten einsetzte, in denen die Frauen zu Veranstaltungen zusammenkamen.

2018 wurde Christine Sigg-Riegler mit dem Klotener Prix Volontaire für ihr ausserordentliches freiwilliges Engagement ausgezeichnet. Auch wenn sich der Preis nicht direkt auf ihre Arbeit beim Frauenbund bezieht, zeigt er, was eine Frau leisten kann, die selbst auf berufliche Karriere verzichtet hat. «Ich hab mit 18 Jahren geheiratet, mit 24 hab ich vier Kinder gehabt. Mein Mann hat seine Karriere verfolgt, die man ihm angetragen hat. Er war erfolgreich und 30 Jahre lang Chefarzt in Zürich», sagt sie und weiss dabei, dass all das auch ihre Leistung ist. Manchmal überlegt sie, was passieren würde, wenn alle Frauen ein halbes Jahr lang streiken würden. Aber: «Leider Gottes sind Frauen selten solidarisch mit Frauen.»

Text: Veronika Jehle