Ordensleute & Abenteuer

Der schwarze Ring

Von der Unternehmerstochter zur Schwester unter Armen, von der Missionarin zur Befreiungstheologin, von der Europäerin zur Brasilianerin – Schwester Paulina Maria Elsener verbindet Welten.

Schwester Paulina Maria Elsener trägt einen schwarzen Ring an ihrer linken Hand. «Das ist ein Symbol», sagt sie, «wir wollen eine arme Kirche mit dem Volk sein.» Der Ring ist unauffällig. Er ist aus den Nüssen der Tucum-Palme gemacht. Diese wächst im Amazonasgebiet und in den ärmsten Bundesstaaten Brasiliens. Dort kam in den 1960er Jahren die Befreiungstheologie auf: Bischöfe wie Gustavo Gutiérrez setzten sich für die Erneuerung der Kirche ein. 

«Wir studierten die Dokumente der Bischofsversammlungen», erinnert sich Schwester Paulina und lässt spüren, dass derartige Schreiben Begeisterung auslösen können. Arme, unterdrückte, versklavte Menschen schlossen sich innerhalb der Kirche zu sogenannten Basisgemeinden zusammen. Engagierte Christen, auch europäische Missionarinnen, solidarisierten sich – und trugen als Zeichen jenen einfachen, schwarzen Ring. So auch Schwester Paulina Maria. Vierzig Jahre hat sie mit der armen Bevölkerung Brasiliens gelebt. 

Von ihrer Herkunft her ist diese Solidarität nicht selbstverständlich. Sie ist in einer Kirche aufgewachsen, in der noch andere Werte zählten. «Im Katechismus haben wir Kinder gelernt: Wer nicht getauft ist, kommt nicht in den Himmel», erinnert sie sich an die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. «Damals dachte ich, gut, dann gehe ich in die Mission und schaue, dass man Kinder taufen kann.»

Eindrücke aus Brasilien

Eindrücke aus Brasilien Foto: zvg

Eindrücke aus Brasilien

Eindrücke aus Brasilien Foto: zvg

1 | 1

Es war ein weiter Weg vom frommen Kind Annamarie, wie Schwester Paulina Maria ursprünglich hiess, bis zu jener Ordensfrau, die sich in Brasilien für die Ermächtigung der Bevölkerung engagierte. 1933 war sie in die Familie Elsener hineingeboren worden, in jene Familie, die bis heute für die Firma Victorinox steht. 

Nach dem Konzil, im März 1968, kam sie in Salvador an, schockiert von Armut und Unterdrückung. Noch zu jener Zeit seien die Brasilianerinnen und Brasilianer tief geprägt gewesen vom Geist der Kolonialherren: «Pfeffer und Seelen», das war es, was die Europäer bis anhin gewollt hatten, erinnert sich Schwester Paulina. «Die Leute waren Sklaven und überzeugt, dass sie keine eigenen Ideen haben durften. Immer fragten sie uns Schwestern: Was wollen Sie, dass wir tun? Dabei wollten wir sie fördern. Es hat lange gedauert», sagt sie. 

Fünf Schwestern aus Europa waren sie, an verschiedenen Orten, die damals begannen, mit den Menschen zu arbeiten. Waren die Leute bis anhin einfach getauft worden, ohne zu wissen, was das bedeute, bauten die Schwestern die Katechese auf, für Kinder, für Eltern und für Taufpaten. Doch Katechese reichte Paulina Maria nicht. «Ich habe gesagt: Wir müssen uns auch sozial betätigen, wir haben doch zwei Beine, eines für die Religion und eines für das Soziale.» 

Frauengruppen wurden gegründet, man lernte das Nähen und Sticken, das Kochen und die Hygiene, man verkaufte gefertigte Produkte. Immer war auch eine Schwester dabei, um «den geistlichen, christlichen Sinn hineinzugeben», wie Paulina sagt. Es waren die Schwestern, die die Basisgemeinden leiteten, ein Priester kam am Sonntag, um die heilige Messe zu feiern. «Eine neue Pastoral, in der es nicht mehr nur darum ging, Sakramente auszuteilen.»

Ungefährlich war das nicht. Es war die Zeit der Militärdiktatur in Brasilien. «Die guten Christen, die der Bevölkerung helfen wollten, wurden nicht selten gefangen genommen, gemartert, gefoltert. Wir wussten, wir dürfen uns politisch nicht einmischen», erzählt Paulina Maria. Immer wieder klopft sie dabei mit dem Finger auf den Tisch, spricht mit Nachdruck, ihre Augen leuchten. Warum sie ausgehalten hat? «Es war das Wissen, Gott ist für die Armen da. Und Gott verlässt niemanden und Gott ist barmherzig.» 

Die Ordensfrau ist in Fahrt gekommen. Noch nach ihrer Rückkehr in die Schweiz, die 2008 krankheitshalber notwendig war, engagierte sie sich für ihre Arbeit in Brasilien. «Solange es möglich war, habe ich unsere Ordenszeitschrift übersetzt, damit die Leute hier wissen, was dort läuft.» 

Ihre Begeisterung scheint ungebrochen. Schon kommt Schwester Paulina eine neue Erinnerung in den Sinn: vom Säugling, der damals mit einem Hund aus einer Schale essen musste, und von seiner Mutter, die sie in ihr Sozialzentrum in Paripe eingeladen hat. Oder von der Kooperative, die sie gründete, damit mehrere Familien sich gegenseitig beim Bau neuer Häuser helfen konnten. Jahrelang ging es, ehe die Häuser standen – sie stehen bis heute. Die 85-Jährige lebt in Ingenbohl. Aber eigentlich lebt sie immer noch mitten in Brasilien.


Drei Fragen an Sr. Paulina Maria Elsener

Aufbruch: Wer waren Sie damals, als Sie aufgebrochen sind?
«Ich wollte in die Mission, das wusste ich schon als Kind. Wir hatten viele Besuche von Missionaren und ich las alle Missionsblättchen. Als junge Schwester war ich schon am Hindi- Lernen, ich wollte nach Indien. Das Visum bekam ich nicht. Ein Jahr später, 1968, ging es dann nach Brasilien. Mein Vater sagte oft: Wir können nicht genug tun für die Mission. Er war der Leiter von Victorinox, die mein Grossvater gegründet hatte. In den Ferien mussten wir Kinder helfen, beim Einpacken der Taschenmesser. Als Jugendliche machte ich das dreijährige Handelsdiplom. Aber ich wollte in die Mission.»

Initiation: Wer ist aus Ihnen geworden durch die Zeit in der Mission?
«Man ist ganz anders geworden, durch diese Mentalität der Menschen in Brasilien: die Gastfreundschaft und das Vertrauen, das uns entgegengebracht wurde. Die Menschen waren gewohnt, das zu tun, was die Europäer ihnen sagten. Wir haben uns davon abgegrenzt und mit ihnen gearbeitet. So ist viel gewachsen. Wir waren eine Kirche der Armen für und mit den Armen.»

Rückkehr: Wer sind Sie heute, mit Ihren Erfahrungen im Gepäck?
«Es war wunderschön, dort zu arbeiten. Natürlich gab es schlimme Sachen. Am Anfang war es auch schwierig, die armen Leute zu sehen – wir erlebten das wie einen Schock. Vor zehn Jahren musste ich zurück in die Schweiz, krankheitshalber. Seither war alleweil wieder etwas los.»

Text: Veronika Jehle

Angebot laufend

Sr. Paulina Maria Elsener

1933: Geburt in Ibach (SZ)
1960: Profess im Kloster Ingenbohl (SZ)
1960 bis 1966: Primarlehrerin in Chur
1968: Ausreise nach Brasilien
1968 bis 1988: Pfarreiarbeit in Paripe, Salvador
1988 bis 1993: Pfarreiverantwortliche in Governador da Mangabeira und Feira de Santana, Bahia         
1993 bis 1996: Arbeit in der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn (DE) 
1998: Rückkehr nach Brasilien
1998 bis 2008: Pfarreiarbeit in Santa Rita, Rio de Janeiro
2008: Rückkehr in die Schweiz
2008 bis 2018: Mitglied der Generalratsgemeinschaft 
seit 2018: in der Betagten-Gemeinschaft St. Anna Ingenbohl (SZ)