Schwerpunkt

Ein Bau mit Geschichte

Notre-Dame in Paris ist eine Kathedrale, die den Wandel der Zeiten auch architektonisch miterlebt hat. Ihre Baugeschichte reicht von der Frühgotik des 12. Jahrhunderts bis zur Neugotik des 19. Jahrhunderts.

Keine der grossen gotischen Kathedralen erscheint dem heutigen Betrachter in der Form, in der sie ursprünglich geplant wurde. Zum einen ist keines dieser Bauwerke jemals in allen Teilen vollendet worden. Selbst Notre-Dame in Paris ist trotz ihrer höchst ausgewogenen Gesamterscheinung davon betroffen: Es fehlen den Türmen die Helme.
Man kann sich allerdings fragen, ob das Projekt der Westfassade Spitzhelme oder sonstige Bekrönungen für die Türme überhaupt vorgesehen hat. Solche Aufbauten würden die Harmonie der Fassade, die ein perfekter Ausgleich zwischen Vertikalen und Horizontalen kennzeichnet, empfindlich stören. Wahrscheinlich wurden aus dem ursprünglichen Bauprogramm die wohl anfänglich vorgesehenen Helme während des Bauprozesses gestrichen.

Zum anderen wurde an fast allen Kathedralen die Bausubstanz im Laufe der Zeit verändert. Erstens hat man das Bauwerk veränderten liturgischen Bedürfnissen und wechselnden ästhetischen Vorstellungen angepasst. Zweitens hat die Verwitterung der Steine und die Korrosion der Glasfenster immer wieder Reparaturen veranlasst.
Hinzu kamen Zerstörungen und Schäden, die durch Naturgewalten, technisches und menschliches Versagen, Kriege und politische Ereignisse verursachten wurden.Es sei nicht nur an die beiden Weltkriege erinnert, sondern auch an weiter zurückliegende Waffengänge, so etwa an die französischen Religionskriege des 16. Jahrhunderts, denen ganze Kathedralen (beispielsweise in Orléans) zum Opfer fielen, oder die Pfälzer Kriege von Louis XIV, die unter anderem zum Einsturz des Speyrer Doms führten.

Als ebenso katastrophal erwiesen sich die Machthaber der Französischen Revolution, die per Dekret von 1793 die Zerstörung der «christlichen» Bauskulptur an öffentlichen Gebäuden – also Kirchen – in die Wege leiteten, was mancherorts wie in Cambrai, Arras und Valenciennes zum Totalabriss ganzer Kathedralen führte.
Unter den Katastrophen, die über die grossen Kirchen hereinbrachen, sind die Feuersbrünste ein wichtiger Faktor. Sie betrafen aber meistens «nur» die Dachstühle, weil die Gewölbe fast immer den herabstürzenden Balken widerstanden. So fügt sich der Dachbrand von Notre-Dame in eine Reihe ähnlicher Ereignisse beispielsweise in Reims (1481), Chartres (1836), Strassburg (1844) und Nantes (1972) ein.

Wenn heute in Paris immer wieder nach dem «Wiederaufbau» der ganzen Kathedrale gerufen wird, so ist dies eine Übertreibung, denn das steinerne Bauwerk hat den Brand überstanden, auch wenn die oberste Zone des Mittelschiffs durch die grosse Hitze lädiert wurde und somit einer Restaurierung bedarf.


Geschichte der Cathédrale Notre-Dame de Paris


Spuren der Zeit
Es wäre dies allerdings nicht die erste Erneuerung dieses Teils des Bauwerks. Als man sich im frühen 13. Jahrhundert entschloss, alle Fenster des Hochschiffs zu vergrössern, um den Bau heller werden zu lassen, musste einiges von diesem Mauerwerk entfernt werden. Die Gewölbe aber blieben in der alten Form bestehen, und sie widerstanden dem Brand – ausser jenen Teilen, auf die der Dachreiter herabstürzte.
Die Vergrösserung der Fenster war Teil eines Umbaus der von 1163 bis ungefähr 1220 errichteten Kathedrale, der sich über ein Jahrhundert (ca. 1240–1340) erstreckte. Er machte aus einer frühgotischen Kathedrale eine solche der Hochgotik. Frühgotik, das waren die kleinen Fenster, aber auch die Emporen, ein kleinteiliges Element, das ein Erbe der Romanik ist und von der Hochgotik zugunsten einer grösseren Monumentalität des Baukörpers aufgegeben wurde.

Aber nicht nur die Vergrösserung der Fenster ist ein Zeichen der Hochgotik, sondern auch ihre Vergitterung mit Hilfe der so genannten Masswerke, die aus geometrisch geformten Zier-Elementen bestehen. Dank ihnen liessen sich nun riesige Fenster zu leuchtenden Wänden umgestalten. Man errichtete nun rund um die Kathedrale herum zwischen den Strebepfeilern solche «Leuchtwände» und vergrösserte damit nicht nur den Lichteinfall, sondern schuf an der Peripherie der Grosskirche eine Reihe von Kapellen für private Begräbnisse und Stiftungen von Messen.
So stand schliesslich um die Mitte des 14. Jahrhunderts eine Kathedrale da, deren frühgotischer Kernbau von einem hochgotischen Mantel aus gläsernen Wänden restlos verhüllt wird. In diesem Zustand verharrt Notre-Dame bis heute.

Geniale Restaurierung
Heisst das nun, dass die heute vorhandene Bausubstanz restlos aus der Periode der Gotik stammt? Zählen wir auf, was bis zum Vorabend der Brandkatastrophe von der Architektur als original zu gelten hatte: Das waren sämtliche Mauern in ihrer ganzen Dicke, der architektonische Dekor im Inneren (beispielsweise Kapitelle und Gesimse), grossenteils der Dachstuhl und ein Teil der Verglasung der drei grossen Rosen (am meisten davon ist in der nördlichen Querhausrose erhalten).
Eine eigentliche Barockisierung erfuhr Notre-Dame nie, eine solche beschränkte sich auf eine geringfügige Marmorverkleidung im Chor und auf eine Vielzahl von Gemälden sowie Ausstattungsstücke wie Chorgestühl und Statuen. Das meiste davon blieb trotz des Brandes erhalten. Der grösste Verlust ist also in jeder Hinsicht der Dachstuhl. Substanziell gesehen stammt hingegen fast der gesamte Aussenbau – die sogenannte Epidermis – aus dem 19. Jahrhundert.

Dieser Aussenbau ist das Werk der von 1844 bis 1864 dauernden Restaurierungs- und Ergänzungsarbeit, die vom grossen Architekten der Neugotik, Denkmalpfleger und Architekturtheoretiker Viollet-le-Duc (1814–1879) geleistet wurde. Am Aussenbau gehen der gesamte Baudekor und statuarische Schmuck auf Viollet-le-Duc zurück, mit Ausnahme desjenigen der Portale – von denen die Revolution nur die grossen Statuen, nicht aber die Reliefs zerstört hat. Zu Le-Ducs Werk gehören auch die bleiernen Dachflächen und der Dachreiter über der Vierung (Durchkreuzung des Langhauses und Querhauses). Er hat auch alle Strebebogen erneuert, aber nach altem Vorbild. Auch die berühmten kauernden Monster auf der Galerie der Fassade unter den Turmfreigeschossen sind nach seinen Entwürfen gefertigt worden.

Nach dieser oberflächlichen Bestandesaufnahme kann sich der vorurteilsfreie Zuschauer nur fragen, wie es möglich ist, dass laute Stimmen eine «kreative» Wiederherstellung fordern, will sagen eine solche in Formen unserer Zeit, was immer das sein mag.
Wir haben also im Inneren von Notre-Dame eine fast restlos erhaltene originale Substanz aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, die am Aussenbau grösstenteils verloren ist, aber von einem der grössten Architekten des 19. Jahrhunderts nach vorhandenen Bruchstücken reproduziert und zum Teil durch Werke eigener Entwürfe ergänzt wurde.

Will man das alles nach dem Brand zusätzlich zerstören? Der einzige Bauteil, bei dem die Adepten der Repräsentanz unserer Zeit freie Hand hätten, ist der völlig zerstörte Dachreiter. Hier könnte man sich eine moderne Lösung vorstellen.
Andererseits ist der Dachreiter Viollet-le-Ducs sehr gut dokumentiert, eine genaue Replik wäre also möglich. Man muss kein grosser Prophet sein, um voraussagen zu können, dass sich eine heftige Diskussion an der Frage nach der Gestalt des Dachreiters entzünden wird.

Text: Peter Kurmann

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Buchtipps

Bildband
Uta Hasekamp «Gotik 1200 – 1500»
500 Seiten. Koenemann 2019.
ISBN 978-3-7419-2139-1

Sachbuch
Otto Simson «Die gotische Kathedrale»
Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung
372 Seiten. WBG academics 2017
ISBN 978-3-534-26955-6

Notre-Dame
Joseph Doré, André Vingt-Trois «Notre-Dame de Paris»
501 Seiten. Place des victoires 2012
ISBN 978-2-8099-0798-8
nur auf französisch erhältlich

Peter Kurmann
Brigitte Kurmann-Schwarz, Peter Kurmann, Claude Sauvageot «Chartres: Die Kathedrale»
311 Seiten. Schnell & Steiner 2001
ISBN 978-3-7954-1234-0
nur antiquarisch erhältlich

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Der Kunsthistoriker Peter Kurmann (79) war Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte an den Universitäten von Regensburg, Berlin, Genf und Freiburg (Schweiz). Seine Schwerpunkte in der Forschungstätigkeit sind Kunst- und Architekturgeschichte des hohen und späten Mittelalters in Frankreich und Deutschland sowie Geschichte und Theorien der Denkmalpflege. Er war zweimal Gastprofessor in Paris: 2004 an der Ecole de Chartes und 2005 an der Ecole des Hautes Etudes.