Spiritualität ganz alltäglich

Notizen am Abend

Stefan Staubli, Pfarrer St. Peter und Paul Winterthur, erklärt wie das abendliche Sammeln von Notizen mit Spiritualität zusammenhängt.

Es war in einer Phase, als mir das Leben davonlief und ich hinterherhumpelte. Zumindest schien mir, als würde ich mehr «gelebt werden», als selbst zu leben. Da begann ich, mir am Abend täglich eine Zeit zu schenken, um in Ruhe auf den Tag zurückzuschauen: auf Begegnungen und Gespräche, angefangene und vollbrachte Arbeiten, kleinere und grössere Schritte. Ich liess Worte und Bilder vom vergangenen Tag hochkommen und sammelte das eine oder andere auf. Ich schrieb sie nieder in ein kleines Büchlein, das ich überschrieben hatte mit «Auf-Gesammeltes vom Tag».

Schnell füllten sich die ersten Seiten und schon bald freute ich mich täglich auf diese stillen Momente. Nach und nach wandelte sich auch das Empfinden, nur noch gelebt zu werden. Dass ich mir einfach Zeit nehme, mein eigenes Befinden wahrnehme – das liess und lässt mich wieder mehr zu mir finden. Mir ging auf: Der Alltag, der oft im Ruf vom «grauen Alltag» steht, dieser Alltag mit seiner Routine und viel Kleinkram, dieser Alltag birgt Kostbarkeiten. «Wer sucht, der findet», sagt Jesus in der Bergpredigt. Das stimmt wirklich und ist nicht bloss eine fromme Übertreibung oder ein unhaltbares biblisches Versprechen!

«Wer sucht, der findet.» So führt mich meine allabendliche Suche zu einem neuen, erfüllten Befinden. Mein Alltag ist zwar noch der gleiche, aber durch das einfache, geduldige Hinschauen entlocke ich ihm so manches schöne Sammelstück. Mein Leben als kostbaren Fundort zu entdecken, an dem es sich lohnt, hinzuschauen und nach «mehr als allem» zu suchen – das ist wirklich aufregend. Und so endet der kurze tägliche Rückblick regelmässig im Dank und mein Leben wird zum Gesprächsstoff mit Gott. Damit habe ich, en passant, gleich noch eine andere Gebetsform für den Abend gefunden. Nicht dass ich mich für dessen Erfinder halte. Schon Ignatius von Loyola lehrte seine Getreuen das «Gebet der liebenden Aufmerksamkeit», wo Gott das Erlebte vom Tag hingehalten und verdankt wird – mit dem befreienden Nebeneffekt, dass in mir das Vertrauen wachsen kann, dass sich Gott für mein Leben interessiert. Wie wunderbar!

Text: Stefan Staubli, Pfarrer St. Peter und Paul Winterthur