Editorial

Notre-Dame ist ein Resonanzraum

Ich habe mich – auch in diesem Heft – immer wieder mal der Phantasie hingegeben, was wohl wäre, wenn man die Kirchen einfach vom Markt nehmen würde.

In meiner Phantasie hatte ich jeweils die Vorstellung, dass uns erst dann bewusst würde, wie viel unserer Gesellschaft fehlen würde.

Nun ist in Paris um ein Haar das eingetroffen, was ich mir nicht einmal in meiner Phantasie vorgestellt habe: Notre-Dame stand kurz vor der vollständigen Zerstörung. Und die Pariser – ob gläubig oder nicht – standen fassungslos davor, erschüttert, brachen in Tränen aus, weil ihre Kirche beinahe ein Raub der Flammen geworden wäre.

Der kleine, aber nicht unwesentliche Unterschied zwischen Phantasie und Realität besteht darin, dass ich mir in Gedanken ausmale, wie die Reaktion ausfallen würde, wenn die katholische Kirche als Organisation verschwinden würde. Die Pariser jedoch hatten Angst um den Verlust eines Kirchengebäudes. 

Dennoch erlaube ich mir aus den Reaktionen auf den Brand abzuleiten, dass sich viele Menschen in unserer globalisierten, digitalisierten und buchstäblich unter Dauerstrom stehenden Welt nach etwas sehnen, das Ewigkeit, Sicherheit und Beständigkeit verkörpert. Etwas, das einfach da ist.

Auch die Kirchen als Gemeinschaften hätten einen riesigen Resonanzraum. Aber was die katholische Kirche betrifft, so wird sie diesen sicher nicht zum Klingen bringen, wenn sie uns wie gerade jetzt wieder im Bistum Chur am Gängelband führt, im Ungewissen lässt und undurchsichtigem Machtspiel aussetzt. Mein Vertrauen in Notre-Dame – und ich für meinen Teil meine damit auch die Patronin dieser einzigartigen Kirche –, dieses Vertrauen ist nicht erschüttert. Aber mein Vertrauen in die Kirchenleitung leidet schwer.

Text: Thomas Binotto