Spiritualität ganz alltäglich

Backen

Rudolf Vögele, Leiter des Ressorts Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus, erklärt was Backen mit Spiritualität zu tun hat.

Seit mehr als 30 Jahren backe ich Linzertorten. Vor 40 Jahren wurde ich im Bäckerhandwerk ausgebildet, trotzdem gelingt mir der Teig nicht immer. Manchmal liegt es am Mehl bzw. am Kleber weshalb es heute kaum noch reines Mehl ohne biochemische Zusatzstoffe gibt. Manchmal liegt es an der schlechten Verarbeitung oder einfach nur daran, dass ich keine Lust zum Backen habe. Umso grösser ist die Freude, wenn alles gelingt: der Teig sich wunderbar ausrollen lässt, die Streifen sich leicht auf die Marmelade legen lassen und die gebackenen Linzertorten schön glänzen. Und schliesslich, wenn sie beim Kosten als «hervorragend» gelobt werden.

Ob das Backen gelingt oder nicht: Bei mir kommen da immer Assoziationen zu Beziehungen. Auch da: Ob sie gelingen oder nicht, ob aus Bekanntschaften Freundschaften werden, liegt nicht nur in meiner Hand. Es kommt darauf an, ob es einen passenden «Kleber» gibt: gemeinsame Themen, Leidenschaften, Visionen, Aktivitäten. Um Freundschaften zu pflegen, braucht es auch Zeit und Lust. Gerade Zeit gilt heute als Mangelware. «Schweizer sind in der Freizeit am liebsten allein», titulierte eine Gratis-Zeitung die Ergebnisse vom Freizeit-Monitor 2016 der Stiftung für Zukunftsfragen. Nur noch 17 Prozent der Schweizer investieren viel Zeit in Freundschaften. 2011 waren es noch rund 26 Prozent. Mit der Lust verhält es sich ebenso: «Kein Bock auf Familie» ist nicht mehr nur eine pubertäre Phase. Die Konflikte in der Familie oder Grossfamilie an Heilig Abend zum Beispiel erzählen von misslingenden Begegnungen – oft eben auch, weil die Lust dazu von vorneherein fehlte.

Wen wundert’s – im Glaubensleben ist es nicht anders. Ob mir der Glaube, ob mir «Gott» etwas bedeuten, liegt wesentlich daran, ob ich meine Zeit dafür investiere. Denn nicht mit jedem «Gott», der mir angeboten wird, kann ich etwas anfangen. An viele «Götter», die im Umlauf sind, möchte ich gar nicht glauben. Zum Glauben gehört nun einmal unverzichtbar das Suchen und Fragen: Welcher Zuspruch und Anspruch Gottes fasziniert mich? Wo mache ich die Erfahrung, dass die «Weltanschauung Gottes» meiner eigenen Vision entspricht – und umgekehrt?

Ob das Backen, die Freundschaften, der Glaube gelingt, ist ein Geschenk – in Kirchenkreisen sagt man dazu Gnade. Ich kann meinen wesentlichen Beitrag dazu leisten, aber letztlich liegt es nicht allein in meiner Hand. An mir liegt es allerdings, nie aufzuhören.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus