100 Jahre Frauenbund

Evi Kleinöder (66)

Der Katholische Frauenbund Zürich wurde vor 100 Jahren gegründet. Für jedes Jahrzehnt ein Frauenporträt.

Evi Kleinöder hat einen Regenschirm mitgebracht.  Er ist gross, stabil und als Geschenk gedacht. «Der Schirm ist ein Symbol für unseren Frauenverein: Wir lassen einander nicht im Regen stehen», sagt die Präsidentin der «Frauen Richterswil/Samstagern». So heisst der Ortsverein, seit er im Jahr 2006 fusioniert hat, aus dem Katholischen Frauenverein und dem gemeinnützigen Frauenverein. Bewusst ist kein ökumenischer daraus geworden: «Wir haben uns für eine neutrale Vereinsstruktur entschieden, weil die Musliminnen und die Frauen, die nicht kirchlich gebunden sind, einen wesentlichen Teil der Gesellschaft ausmachen.»

Heute stehen die «Frauen Richterswil/Samstagern» gut da, mit 320 Mitgliedern und einem Jahresprogramm, das mit Sprachkursen und Schwimmtraining, Ausflügen und Maiandacht attraktiv gefüllt ist. Höhepunkte des Jahres sind die Generalversammlung, die Seniorenweihnacht sowie die Börsen: der Secondhandverkauf Damenmode und die Kinderkleiderbörse. Zusammen generieren die Börsen fast 10 000.– CHF für gemeinnützige Zwecke, und weil beide im Frühjahr und im Herbst durchgeführt werden, verdoppelt sich die Summe. Evi Kleinöder findet das eine «gute Sache», sieht darin aber nicht den hauptsächlichen Sinn. «Unsere Aufgabe ist in erster Linie, dass Leute zusammenkommen, auch bei den Börsen. Das allerwesentlichste an der Vereinsarbeit ist, dass ganz viele Kontaktmöglichkeiten entstehen.» Vereinsamung sei ein Thema, das alle betreffen könne, auch im Dorf. Da sei der Verein wie ein Netz, ein Schirm eben, damit niemand im Regen stehen müsse. Konsequent spricht Evi Kleinöder auch von «wir», wenn sie von der Vereinsarbeit erzählt, nicht von «ich». «Wir sind ein gutes, altgedientes, eingespieltes Team, darum wird vieles möglich.»

Auch wenn das erste Anliegen der «Frauen Richterswil/Samstagern» der Einsatz vor Ort ist, sind sie Mitglied bei verschiedenen Dachverbänden. Dazu gehört der Katholische Frauenbund. Wichtig sei dessen Arbeit vor allem darum, weil viele Frauenthemen auf der Ebene des Dorfes nicht zu lösen seien. Evi Kleinöder denkt an Lohngleichheit, die Stellung der Frau in der katholischen Kirche und die Beratung für Frauen zu Lebensthemen. «Mein Wunsch ist, dass der Frauenbund die politische Arbeit übernimmt.» 

Politisch ist durchaus auch die Vision, die Evi Kleinöder hat: «dass Leute die Erfahrung machen: Sie können etwas und sie sind jemand.» Ein gutes Beispiel dafür sind die Asylantinnen, die in Richterswil jüngst die Verantwortung für das übernommen haben, was früher interkultureller Frauentreff oder café donna hiess. Einander etwas zutrauen – auch das spannt den Regenschirm weit auf.

Text: Veronika Jehle