Interview

Fisch und Löwe

Rückzug und Auftritt – Barbara Bürer hat beide Seiten in sich, das sagen schon ihr Sternzeichen und ihr Aszendent. Seit ihr Telefon-Talk «nachtwach» auf SRF eingestellt ist, plant sie Neues. Und will eines immer bleiben: Zuhörerin.

forum: Was bedeutet Ihnen das Zuhören?
Barbara Bürer:
Ich habe immer schon lieber zugehört, als selbst zu erzählen. Beim Zuhören kann  ich in eine Welt eintauchen. Ich kann mit meinen Fragen dort hingehen, wo es mich zu interessieren beginnt. Ich bin dankbar, wenn ich Geschichten hören kann.

Sie haben zwölf Jahre lang die Sendung «nachtwach» moderiert. Da riefen Menschen einfach an und erzählten ihre Geschichten. Wie konnten sie so schnell Vertrauen zu Ihnen aufbauen?
Ich glaube, das hat etwas mit Anonymität zu tun. Es ist am Telefon. Es ist in der Nacht. Und Menschen haben das Bedürfnis, zu erzählen. Je länger es die Sendung gegeben hat, desto mehr wussten die Leute auch, wo ich mit ihnen hingehe, wo ich respektvoll bin und wo ich nachfrage.

Welche Rolle spielt der Zeitpunkt: in der Nacht?
Wir hätten diese Sendung nie um sechs Uhr abends machen können. Das Einnachten ist für mich der schönste Moment des Tages. Wenn es langsam hinübergeht in die Stille. Ich glaube, in der Nacht ist man anders drauf, man kann anders erzählen, mehr in sich hineingehen. Die Einsamen sind dann besonders einsam.

Wenn jemand zu erzählen beginnt, wie wissen Sie: Da möchte ich nachfragen? 
Ich frage mich beim Zuhören: Wo geht diese Geschichte weiter? Wenn jemand erzählt, entsteht in mir das Bild eines Baumes. Ein Baum hat Äste. An diesen Ästen sind wieder kleinere Ästli. Wenn ich frage und zuhöre, möchte ich nicht einfach nur «den Baum rauf und runter», sondern hinausgehen. Zumindest auf einen Ast hinaus, eine der vielen Geschichten zu Ende hören oder auch mehrere. Vielleicht sind wir am Schluss gar nicht mehr beim Thema.

Was bekommt man zu hören, wenn man sich auf die «kleinen Ästli» hinauswagt?
Ein weiteres Puzzleteil zur Person, zu ihrer Geschichte. Oft kommt man an die Brüche, die Traurigkeit der Menschen heran – selbst wenn das Thema der Sendung ein positives war. Ich glaube, über das Schwere können die Leute viel mehr erzählen, als übers Glück. Aber das bin natürlich auch ich, weil mich das mehr anzieht.

Drückt sich darin Ihre Lebenshaltung aus, eine gewisse Philosophie, vielleicht sogar Religiosität oder Spiritualität?
Ich merke, dass ich dankbarer geworden bin. Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich weiss, dass es irgendetwas gibt. Und dem irgendetwas, finde ich, kann ich auch danke sagen. Das mache ich jeden Abend. Ich bin ursprünglich katholisch, als Kind musste ich noch in die Kirche, wir mussten auch Beichten gehen.

Welche Reaktionen auf «nachtwach» haben Sie bewegt?
Wenn Leute, die zugehört haben, gesagt haben: «Läck, das ist ja wahnsinnig, die Person, die da erzählt hat, die geht mit einem ähnlichen Problem oder mit einer ähnlichen Traurigkeit um wie ich selbst.» Da hab ich gemerkt, dass ein Austausch stattgefunden hat.

Wann ist der Moment in einem Gespräch, zu sagen, jetzt ist es gut? Zu wissen, jetzt kann ich guten Gewissens abhängen?
Das war für mich am Schwierigsten. Es ist mir auch wirklich nicht immer gelungen. Ich hab mir, wenn es ganz traurig war, angewöhnt, eine Frage zu stellen: «Gibt es denn auch irgendetwas, worüber du dich freuen kannst, gibt es etwas Schönes in deinem Leben?» Ich wollte die Leute im Positiven entlassen, hinaus in die Nacht.

Von «nachtwach» sprechen Sie in der Vergangenheit, der SRF hat die Sendung eingestellt. Nachvollziehbar?
Ich möchte dazu nichts mehr sagen. Es ist erledigt. Was mich am meisten freut: Das ganze ehemalige «nachtwach»-Team und ich, wir sind dran, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Auf privater Basis.

«Barbara Bürers Kosmos». Darf man dazu mehr verraten?
Ja klar, am 14. Juni starten wir ja schon, im Kosmos, dem Kulturhaus in Zürich. Es bleibt beim Telefon-Talk. Neu ist, dass wir es vor Publikum machen, das den Talk mit Funkkopfhörern mitverfolgen kann. Der Talk wird via Live-Stream ausgestrahlt. Uns schwebt vor, dass wir später damit in der Schweiz herumreisen. In einen Wartesaal oder in ein Spital. Wir sind wie die Wahnsinnigen am Schaffen.

Wer steht dahinter?
Wir haben einen Verein gegründet, er heisst «Erzählte Leben». Alles Freiwilligenarbeit. Es gibt natürlich Kosten. Der Kosmos stellt uns vieles zur Verfügung.

Sie sind auch im Patronatskomitee der Dargebotenen Hand, dem Telefon 143. Warum?
Es ist ein ganz wichtiges Angebot, das niederschwellig, anonym und kostenlos ist. Es ist immer jemand da, der einfach zuhört. Unlängst war ich dort. Mich hat beeindruckt, mit welcher Empathie die Freiwilligen mit den Anrufenden umgehen. Die Telefone haben oft geklingelt. Ich habe erfahren, dass beim Telefon 143 manchmal Abend für Abend die gleichen Leute anrufen. Es ist ein Angebot, das es wirklich braucht, das zeigen auch die Zahlen.

Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn so ein Angebot so rege genützt wird?
Ich glaube, es gibt eine grosse Vereinsamung. Viele haben niemanden, mit dem sie reden können. Oder kommen nicht zurande mit sich selbst, sind traurig, ohnmächtig. Als «nachtwach» geendet hat, haben mich viele Leute gefragt, was sie jetzt machen sollen ohne die Sendung. Der Dienstagabend sei der «Höhepunkt» ihrer Woche gewesen. Das waren vielleicht Leute, die nicht mehr hinausgehen, Leute, die in Kliniken sind, die niemanden haben.

Barbara Bürer hat sehr viele Geschichten von sehr vielen Menschen gehört. Wie gehen Sie mit all dem Gehörten um?
Ich habe Rituale. Am Abend gehe ich auf den Balkon. Da hat es ein paar Töpfe mit Erde und dort hinein lege ich das, was mich den Tag hindurch bewegt hat. Und auch die gehörten Geschichten grabe ich dort ein, im übertragenen Sinn, um sie wieder loszulassen. Ich finde, Erde ist etwas extrem Schönes, sie ist warm, dort drin kann alles bleiben. Das entlastet und befreit mich.

Barbara Bürer hört weiter zu. Wird das immer Teil Ihres Lebens bleiben?
Ich glaube, ja. Auf der anderen Seite gibt es auch den Überdruss: Wenn ich unterwegs bin, möchte ich einfach Barbara Bürer sein und nicht die, die beim Fernsehen war, der man alles erzählen kann. Ich brauche auch Zeit für mich.

Würden Sie bei sich selbst anrufen?
Nein. Ich bin eher die, die fragt, als die, die erzählt. Ich bin ein Fisch im Sternzeichen und ein Löwe im Aszendenten. Die beiden bekämpfen sich: Der Fisch schwimmt gern davon. Der Löwe will sich zeigen. So wird es wohl auch bleiben.

Text: Veronika Jehle

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Barbara Bürer (*1955) moderierte von 2007 bis Ende 2018 einmal in der Woche den nächtlichen Telefontalk «nachtwach» für SRF, Schweizer Radio und Fernsehen. In den zwölf Jahren führte sie über 3000 Gespräche mit Menschen aus der Schweiz. Am 14. Juni startet ihr neues Format «Barbara Bürers Kosmos».

Die ausgezeichnete Journalistin arbeitete für verschiedene Medien, darunter die Deutsche Wochenzeitung «Die Zeit», für Radio SRF und für den «Tages-Anzeiger».

www.barbarabuerer.ch