Schwerpunkt

Leidenschaft für Kunstvermittlung

Mit einer Schau zu Spiegeln verabschiedet sich der Ostasien-Kunsthistoriker Albert Lutz vom Museum Rietberg. In ihr reflektiert sich auch das engagierte Wirken eines passionierten Ausstellungsmachers.

«Eternity Now» heisst das Werk der Schweizer Künstlerin Sylvie Fleury, das an diesem letzten Montag im April seit wenigen Stunden in der Eingangshalle zum Zürcher Rietberg-Museum steht. Der überdimensionierte Rückspiegel reflektiert gerade Museumsdirektor Albert Lutz im Gespräch mit seinen Mitarbeitenden über die richtige Position des Werks. Mit dem Titel «Ewigkeit – und zwar sofort» verweist er gleichzeitig auf die schnelllebige Konsumwelt und wird durch seinen ursprünglichen Standort auf einem Genfer Friedhof zum Symbol für Vergänglichkeit und Tod. Auf der Rückseite sind denn auch züngelnde Flammen zu sehen. Eine Anspielung auf das Höllenfeuer?

Diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz der Spiegel interessiert Albert Lutz. Dem Utensil widmet er deshalb eine kulturvergleichende Ausstellung mit Objekten aus allen Kontinenten und Spiegel-Geschichten in unterschiedlichsten Medien wie Kunst, Film, Fotografie, aber auch Literatur und Psychologie.
«Weit mehr als um die optische Reflexion geht es um das Nachdenken des Menschen über sich selbst beim Blick in den Spiegel», sagt er und lächelt verschmitzt. Es ist dieses Spitzbübische – und auch der Bündner Dialekt – mit denen der Kunsthistoriker sein Gegenüber sofort gewinnt. Und dann natürlich mit seiner Fachkompetenz und seinem Gestaltungswillen.

Der Aufbau der Ausstellung hat eben erst begonnen. Schaukästen werden zusammengesetzt, Videos installiert, in einer Ecke steht das weltweit älteste, vollständig erhaltene Gewand eines Schamanen etwas verloren neben seiner Transportkiste. 220 Ausstellungsobjekte werden es insgesamt sein, ein Grossprojekt mit rund 100 Leihgebern. Auch wenn Albert Lutz von jedem einzelnen Objekt fasziniert ist, letztlich geht es ihm um die Kombination, darum, Zusammenhänge zu schaffen und Kunst so zu zeigen, dass sie in der Vielfalt zum Nachdenken anregt. «Im Herzen bin ich weder Sammler noch Wissenschaftler, sondern vor allem ein Museumsmensch, der gern Kunst inszeniert», sagt er von sich selbst.
Im Rietberg-Museum, das ein Fenster sein will, welches sich in Zürich auf die Welt hin öffnet und verschiedenste Kulturen in die Limmatstadt bringt, hat er dazu ein ideales Betätigungsfeld gefunden. «Ich möchte den Menschen meine persönliche Wertschätzung fremden Welten gegenüber vermitteln und dabei auch kleineren Kulturen eine Nische bieten. Es gibt ja auch heute noch so viel zu entdecken.»

Während seiner 36-jährigen Tätigkeit am Museum Rietberg – erst als Kurator, seit 1998 als Direktor – hat Albert Lutz das Museum, das sich der Kunst der traditionellen, aber auch der zeitgenössischen Kulturen Asiens, Afrikas, Amerikas und Ozeaniens widmet, neu positioniert und zu einem der grossen Kunstmuseen der Schweiz und einem der aktivsten Weltkunst-Museen Europas gemacht.
Über 30 Ausstellungen hat er in dieser Zeit kuratiert und mit Themen wie «Mystik», «Liebe», «Kosmos», «Gärten» oder jetzt «Spiegel» das traditionelle Spektrum des Hauses für aktuelle Fragestellungen geöffnet. Unter seiner Ägide wurde 2007 der «Smaragd» genannte Erweiterungsbau eröffnet, ein Höhepunkt seines Schaffens. Ein Jahr später richtete das Museum Rietberg als eines der ersten Museen der Schweiz eine eigene Stelle für Provenienzforschung ein.
Sicher Grund, stolz zu sein. Stolz? Albert Lutz zögert. Der Erfolg erfülle ihn eher mit Genugtuung und Freude, meint er bescheiden und fügt – ganz Teamplayer – an: «Es ist alles ein Gemeinschaftswerk, an dem sehr viele Menschen aus unterschiedlichen Bereichen beteiligt waren – Mitarbeitende, Sponsoren, Politiker.»

Ursprünglich wollte der in Chur geborene Bündner ja eigentlich die Familientradition fortsetzen und wie sein Vater und seine zwei Brüder Bauingenieur werden. Das ETH-Studium jedoch sagte ihm nicht zu. Dafür entdeckte er auf einer Weltreise, die ihn nach Japan, Korea und Taiwan führte, seine Liebe zu Asien. «Ich war beeindruckt von den Menschen, den alten Tempeln – und dem herrlichen Essen.» Zurück in Zürich schrieb er sich an der Universität für das Studium ostasiatischer und europäischer Kunstgeschichte ein und verfasste seine Doktorarbeit über einen buddhistischen Tempel in der chinesischen Provinz Yunnan. Die häufigen Besuche in China und die vier Monate, die er 1987 mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Reich der Mitte arbeitete, haben ihn geprägt. Bis heute ist China sein Spezialgebiet geblieben. Seine Kenntnisse der chinesischen Sprache hat er zwar etwas verloren, den engen Austausch und die Beziehungen zu verschiedenen Museen jedoch pflegt er noch immer. «Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen auf der ganzen Welt wird in Zukunft immer wichtiger werden. Kooperationen auf Augenhöhe sind für alle interessant.»

Sylvie Fleurys Rückspiegel hat inzwischen seinen Platz gefunden. Er spiegelt nun auch das mosaikartige Glasdach des Museums: Grünweisse Farbtupfer beleben das Bild.

Neue Tupfer wird es wohl bald auch im Leben von Albert Lutz geben. Ende November geht der Kunsthistoriker in Pension. Dann wird er mehr Zeit für sein Privatleben haben, mit seiner Frau, die sich als Kunsthistorikerin der Gegenwartskunst verschrieben hat, die Welt bereisen, Bücher schreiben und sich ausgiebiger seinem Hobby Filmen widmen.
«Natürlich bin ich froh, die Verantwortung für das Museum nach über zwanzig Jahren abgeben zu können» sagt er. «Was ich aber – neben dem Ausstellungsmachen – sicher vermissen werde, ist die Möglichkeit, immer wieder gut qualifizierte und höchst motivierte Menschen in allen Bereichen, sei es im Café, im Kuratorium, im Marketing oder sonst wo an unser Haus zu binden. Es ist für mich jedes Mal eine Freude, Praktikantinnen und Praktikanten anzustellen und zu beobachten, wie diese jungen Frauen und Männer frischen Wind und gute Ideen ins Museum bringen.»

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Zur Ausstellung «Spiegel»

«Wie sehe ich aus, was sagt mir mein Gesicht?» Tag für Tag dient uns der Spiegel als Instanz zur Prüfung unseres Aussehens und Empfindens. Er begleitet uns ein Leben lang und wir pflegen mit ihm eine meist innige, mitunter auch selbstvergessene und distanzierte Beziehung. Aber was wissen wir über ihn, und was erzählt der Spiegel über uns?
Die Ausstellung im RietbergMuseum präsentiert erstmals die jahrtausendealte Kulturgeschichte des Spiegels umfassend. Ob im alten Ägypten, bei den Maya in Mexiko, in Japan, in Venedig oder in der Kunst und im Spielfilm von heute – Zivilisationen rund um den Globus haben Spiegel hergestellt und ihnen unterschiedliche Bedeutungen und Wirkkräfte zugeschrieben.
Mit 220 Kunstwerken aus 95 Museen und Sammlungen weltweit, werden die wechselvolle handwerkliche und technologische Entwicklung wie auch die kulturelle und gesellschaftliche Tragweite dieses reflektierenden Mediums beleuchtet. Es geht um Spiegel als Artefakte, aber auch um Selbsterkenntnis, um Eitelkeit und Weisheit, Schönheit, Mystik und Magie und nicht zuletzt um das Spiegelmedium unserer Zeit – das Selfie.

«Spiegel – Der Mensch im Widerschein» 
17. Mai bis 22. September 2019. 
Di bis So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr.
Museum Rietberg, Gablerstrasse 15, Zürich;
044 415 31 31. 

Öffentliche Führungen:
Mi 18.30 Uhr, Do 12.15 Uhr, Sa 14 Uhr, So 11 Uhr /14 Uhr (ausser 29./30.6.)

Sommerfest im Rieterpark:
Sa, 29.6., 10–21 Uhr;  So, 30.6., 10 – 18 Uhr.

www.rietberg.ch

Ausserdem und anderswo…

«Spiegeleien» – Einzigartige Spiegelbilder aus Kunst und Wissenschaft.
Täglich: 10 – 17 Uhr. Technoramastrasse 1, Winterthur; 052 244 08 44, www.technorama.ch