Editorial

Spiegelungen

Neulich beim Friseur, da hat es mich beim Blick in den Spiegel erfasst: das «metaphysische Gruseln», das einst Mani Matter besang.

Sicher erinnern Sie sich an den Song «Bim Coiffeur» von Mani Matter: Im Friseurstuhl sitzend sieht sich der Liedermacher im Spiegel vor und hinter sich hundertfach reflektiert – und entkommt diesem Schreckenskorridor nur durch Flucht aus dem Salon.

Oder an die Schlusssequenz von Orson Welles' Film «The Lady from Shanghai»: In einem Spiegellabyrinth erschiesst Elsa ihren Ehemann Bannister, und dieser wiederum erschiesst im selben Moment seine Mörderin. Ein furios inszenierter Showdown.

Oder an den Mythos vom Jüngling Narziss, der sich in sein Spiegelbild im Wasser verliebt und schmerzhaft erfahren muss, dass die ersehnte Umarmung des Ebenbildes unmöglich ist. «Ich bin es selbst», erkennt er zutiefst enttäuscht. Diese Einsicht treibt ihn in den Tod.

Und ganz sicher kennen Sie Alice, die durch einen Spiegel in ihr Wunderland gelangt.

Spiegel sind eine faszinierende Sache. Hinter ihrer glatten, strahlenden Oberfläche, in der sich nach einfachen physikalischen Gesetzen die Lichtstrahlen reflektieren, eröffnen sich metaphorische Welten. Sie haben Künste und Wissenschaften seit Menschengedenken inspiriert und begleitet.

Wir widmen den Schwerpunkt dieser Ausgabe daher dem Thema Spiegel: Mit einem Porträt des Kunsthistorikers Albert Lutz, der sich mit einer Ausstellung zur Kulturgeschichte des Spiegels als Direktor des Museums Rietberg verabschiedet, und einem Gespräch mit dem Mystikforscher Alois Haas über die Bedeutung des Spiegels in Religion und Philosophie.

Mani Matter stand nach seinem Spiegel-Erlebnis Coiffeur-Besuchen skeptisch gegenüber. Ich meinerseits werde in Zukunft zumindest bei der Wahl des Coiffeurstuhles vorsichtiger sein.

Text: Pia Stadler