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Von der Gottesebenbildlichkeit zum Selfie

Spiegel spielen in Religion und Philosophie seit jeher eine grosse Rolle. Der Mystikforscher Alois Haas weiss, warum.

forum: Alois Haas, erzählen Sie uns bitte Ihre liebste Spiegel-Geschichte.
Alois Haas:
Die für mich eindrücklichste Spiegelung findet sich in der Göttlichen Komödie von Dante, wo sich im Paradies die ganze Schöpfung spiegelt. Dies wiederum geht zurück auf eine Szene aus der Ilias von Homer, bei der die Götter eine goldene Kette vom Himmel bis zur Erde bilden. Die Kette hält zusammen, weil sich ein Wesen im andern und in allen zusammen die Schöpfung spiegelt.

Gott offenbart sich uns nur durch seine Spiegelung in seiner Schöpfung?
Genau. Schon Apostel Paulus beschreibt deshalb unsere Gotteserkenntnis als reine Spiegel-Erkenntnis, die damit auch eingeschränkt ist: «Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. (Kor 1.13)»
Und andernorts heisst es: «Wir alle (…) schauen mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.»

Welche Bedeutung kommt dem Spiegel in den Religionen sonst noch zu?
Spiegel gelten auch als Metapher für die Seele: Sie muss rein und immer blank geputzt sein, kein Staub darf sich auf sie legen. Ist die Seele ein Spiegel, so kann sich Gott in ihr spiegeln und wirksam werden.
Eine zusätzliche Pointe zur Spiegelbetrachtung liefert der Wüstenmönch Philotheus (zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert), wenn er schreibt: «Mit aller Wachsamkeit (…) wollen wir zu jeder Stunde unser Herz und wenigstens den winzigen Spiegel unserer Seele vor finsteren Gedanken bewahren. In ihm wird ja Christus, die Weisheit und Kraft des Vaters, von Natur aus abgebildet und lichtvoll gezeichnet (photographeisthai = sich lichtvoll einschreiben).»
Ohne die historische Tragweite seiner frommen Ausdrucksweise zu erahnen, erfand Philotheus das Verb fotografieren, das für die medialen Spiegelungstechniken der digitalen Moderne von höchster Bedeutung werden sollte. Seine Absicht war, die Ebenbildlichkeit der Menschenseele mit dem göttlichen Urbild zu signalisieren. Im narzisstischen Kult der heutigen Selfies verbindet sich so ein Rest der uralten Thematik der Gottesebenbildlichkeit mit modernsten Abbildungstechniken.

Spiegel haben Menschen offensichtlich seit Urzeiten fasziniert. Warum eigentlich?
Weil es komplexe Phänomene sind, die immer ein Stück rätselhaft bleiben. Der Spiegel ist auch eine Metapher der Überschreitung des sinnlich Wahrnehmbaren. Denn im Blick in den Spiegel geschieht Zauberhaftes: Das darin Abgebildete erscheint – wenn auch seitenverkehrt, so doch aufs Genaueste nachgezeichnet – als Verdoppelung des Urbildes. Und doch zeigt er nur ein Bild eines Sachverhaltes und nicht dessen Realität. Wenn ich den Spiegel zerstöre, löst sich die Reflexion auf. Das Spiegelbild an sich ist nichts und doch genau das Abbild von mir – ein Paradox.

Dann ist der Spiegel auch sehr ambivalent?
Natürlich. Wie kaum ein anderes Bild eignet sich der Spiegel, sowohl zum Guten wie zum Schlechten hin interpretiert zu werden. Im Christentum gilt er sowohl als Symbol der Weisheit und Klugheit – denn weise ist, wer sich selbst erkennt und mit kluger Voraussicht den Weg in die Zukunft bedenkt –, als auch des Hochmuts und der Eitelkeit – denn hochmütig, stolz und eitel ist, wer sich oft selbstverliebt im Spiegel anschaut, weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft denkt und selbstvergessen dahinlebt.

Um mich selbst zu erkennen, muss ich mich also spiegeln?
Ja. So wie das Auge unfähig ist, sich selbst zu sehen und sich am besten in der Spiegelung im Auge des Gegenübers erkennt, so spiegelt, wer sich selbst erkennen will, sein Eigenes im Blick hinüber zum Anderen in dessen Seele. So erfasst er das Göttliche in der Seele des Anderen und findet zu sich selbst.

Text: Pia Stadler

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Alois Maria Haas ist Germanist, Philosoph und Mystikforscher. Bis zu seiner Emeritierung 1999 lehrte und forschte er als Professor an der Universität Zürich. Er ist verheiratet und wohnt in Uitikon Waldegg.