Spiritualität ganz alltäglich

Beim Coiffeur warten

Warten ist eigentlich nicht meine Stärke. Ausser bei Jamal, meinem libanesischen Coiffeur.

Ich gehe zwar nicht oft zum Haareschneiden, vielleicht alle vier Wochen, denn in meinem Alter wird das Kopfhaar immer spärlicher (und wertvoller). Aber in Jamals Coiffeur-Salon ist gute Stimmung, da macht das Warten meistens sogar Spass.

Ich muss dazusagen, dass ich Orient-Fan bin: Von vielen biblischen Studienreisen in Länder wie Israel, Ägypten, die Türkei und Jordanien ist mir die Atmosphäre beim Barbier vertraut und ich betrachte es als Errungenschaft, dass ich dieses Flair jetzt auch bei uns erleben kann. Zwar serviert mir Jamal nicht jedes Mal einen ay, einen Schwarztee mit Pfefferminzblatt. Aber ein Stück Fernweh erwacht in mir immer beim Coiffeur. 

In Jamals Salon mache ich eine interreligiöse Erfahrung: Neben mir sitzt Ernst und wartet, und dann Mehmed, ein gelernter Krankenpfleger, der mit elf Jahren aus Marokko in die Schweiz kam. Er geht jede Woche zu Jamal, den sie auch «Sheriff» nennen. Vor dem Moschee-Besuch gehe es eben zum Haare- und Bartschneiden, das sei Tradition, sagt er. Die meisten Kunden hier sind Muslime, aber sie bezeichnen sich nicht als religiös. Freitags zum Coiffeur geht Mehmed aber doch. Nach einer Woche spüre er eben, dass es wieder Zeit sei. 

Es ist laut hier. Ausnahmsweise stört es mich nicht, dass es lauter Männer sind. Sie klopfen Sprüche und es wird viel gelacht. Sie trinken ay und Energy-drinks, einer tippt auf seinem Smartphone herum und an der Wand hängt ein Bildschirm, von dem ein Musiksender seine Videos in die kleine Welt des Coiffeur-Salons schickt.

So wie er von jedem seiner Kunden die Frisur in Erinnerung hat, so kennt Jamal auch ihre Lieblingsthemen. Er weiss, dass ich christlicher Theologe bin und mir ein Miteinander der Religionen vorstelle, ein Zusammenleben in Frieden, Toleranz und Respekt. Einmal habe ich Jamal meine Coiffeur-Version von Lessings Ringparabel erzählt und erklärt, dass Nathan jüdisch war. Da sagte Jamal, die Geschichte sei so schön, dass er den nächsten jüdischen oder christlichen Kunden, der in seinen Salon komme, gratis schneiden würde. Ich empfahl ihm, schon mal bei mir anzufangen. Und dachte: Wie schade, dass solche interreligiösen Alltagserfahrungen viel zu selten sind.  

Christian Cebulj
Rektor der Theologischen Hochschule Chur und Professor für Religionspädagogik und Katechetik

Text: Christian Cebulj