Editorial

Pfingstwünsche fürs Bistum

Der apostolische Administrator Pierre Bürcher will zuhören. Darauf setze ich grosse Hoffnungen.

Denn wenn Pierre Bürcher wirklich allen zuhört, dann wird er erkennen, dass der vielbeschworene Graben zwischen den Gläubigen im Bistum Chur in Wirklichkeit ein Graben zwischen einer kleinen Führungseinheit im Ordinariat und einer überwältigenden Mehrheit im Bistum ist. Einer Mehrheit, zu der zwei Generalvikare, gegen 80 Priester, fast alle kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die grosse Mehrheit der Gläubigen – und zwar im gesamten Bistumsgebiet – gehören.

Der vermeintlich so tiefe Graben zu den vermeintlich so unkatholischen Gläubigen im Bistum Chur, das alles ist eine gezielte Inszenierung, die Bischof Vitus Huonder während seiner Amtszeit mutwillig betrieben hat. Immer heftiger hat er damit fast alle Mitglieder des Bistums – vom sogenannt konservativen bis zum sogenannt progressiven Rand – in die Ecke der nicht vertrauenswürdigen Katholiken gedrängt – und ist so selbst zum Geisterfahrer geworden. Dass er nun seinen Ruhestand ausgerechnet bei den schismatischen Piusbrüdern verbringen will, kommt einer Selbstdemaskierung gleich.

Wenn Huonders Entourage die Forderung nach einem neuen Bischof, der Brücken baut, desavouiert oder gar lächerlich macht, dann gebe ich ihr in Bezug auf die Überbrückung des real existierenden Grabens recht: Zu dieser Führung brauche ich tatsächlich keinen Brückenbauer.

Für mich selbst habe ich keine übertriebenen oder gar revolutionären Erwartungen an einen neuen Bischof. Inzwischen wäre ich schon glücklich, wenn er mich als Katholiken guten Willens wertschätzen würde. – Für das gesamte Bistum hoffe ich, dass für die Kirchenleitung «vox populi – vox Dei» (Stimme des Volks – Stimme Gottes) nicht bloss eine fromme Predigtfloskel ist.

Text: Thomas Binotto