Impuls zum Pfingstfest

Tröstende Anwesenheit Gottes

Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes. Was ist dieser Geist? Wo weht er und woher kommt er?

Der Ursprung des Geistes ist bis heute ein brisanter Streitpunkt zwischen den orthodoxen Kirchen einerseits und der katholischen sowie den protestantischen Kirchen andererseits. Ausgerechnet der Heilige Geist, der die Jünger an Pfingsten zur Verständigung mit allen Nationen befähigte, ist und bleibt ein Verständigungshindernis. Nicht ungewollt ist von daher die Auswahl einer der ältesten überlieferten Pfingstdarstellungen als Abbildung zum heutigen Impuls. Sie entstammt dem syrischen Rabbula- Evangeliar aus dem Jahr 586. Die Darstellungen in dieser Handschrift sind stilistisch an Vorbilder aus Syrien und Armenien angelehnt. Der Text der Evangelien entspricht der Übersetzung, wie sie bis heute in der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien gelesen wird.

Der Ursprung des Heiligen Geistes stand im Mittelpunkt des sogenannten Filioque-Streites, der die Auseinanderentwicklung der Kirchen im Westen und Osten vorantrieb und einer Einigung noch immer im Wege steht. Ausgangspunkt war der lateinische Zusatz «filioque» zum grossen Glaubensbekenntnis, der den Text so veränderte, dass der Heilige Geist nicht mehr nur aus dem Vater, sondern aus Vater und Sohn hervorgeht. Der Zusatz wurde ohne das Einverständnis der übrigen vier Patriarchate vom Patriarchen von Rom in das Glaubensbekenntnis aufgenommen. Abgesehen von diesem Zusatz vereint die katholische, die orthodoxen und die protestantischen Kirchen das gleiche Glaubensbekenntnis.

Ganz gleich, wie genau sich Gott Heiliger Geist in den einen Gott einfügt, er ist für alle christlichen Kirchen Lebensspender und die tröstende Anwesenheit Gottes. Es wäre schön, wenn alle Christinnen und Christen dies irgendwann wieder gemeinsam feiern könnten – vereint wie die Jünger Jesu, die am Pfingsttag alle zusammenkamen, um das jüdische Schawuot zu feiern. Ich bin sicher, dann werden wir wie die Jünger das Wehen des Heiligen Geistes als ein Brausen um uns spüren. Vielleicht können wir einen ersten Schritt tun und zu Pfingsten auch einen Gottesdienst in einer unserer Schwesterkirchen besuchen.

Text: Miriam Bastian

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Die Historikerin Miriam Bastian doktoriert derzeit an der Universität Zürich im Fachbereich Alte Geschichte.

Die Illustration zeigt eine Pfingst-Darstellung aus dem Rabbula-Evangeliar von 568. Sie befindet sich heute in der Biblioteca Mediceo Laurenziana in Florenz.