Gott und die Welt

Zum Glauben hinführen

Kinderbibeln werden nach wie vor in grosser Zahl und Vielfalt produziert. Der Theologe Alois Schaller, ein Sammler und Kenner von Kinderbibeln, erklärt, worauf es in diesem Genre ankommt.

Jährlich erscheinen neue Kinderbibeln. Zu meinen gut 800 deutschsprachigen Kinderbibeln kämen bestimmt noch mal so viele hinzu, wollte ich alle besitzen.

Die Kinderbibel schlechthin gibt es in dieser riesigen Auswahl nicht. Sie unterscheiden sich im Urtyp – Bilderbibel, Erzählbibel, Schulbibel –, in der Situation ihrer Anwendung – selber lesen, vorlesen, anschauen, lehren, feiern – und im Alter der Zielgruppe. 

Kinderbibeln streben unterschiedliche Ziele an: wollen zum christlichen Glauben hinführen, zum besseren Verständnis der christlich-abendländischen Kultur beitragen, über Lebensfragen nachdenken – Freundschaft, Liebe, Tod, Schuld und Vergebung –, auf die Vollbibel hinführen oder besonders in der heutigen Multikulti-Welt den Dialog mit anderen Religionen, beispielsweise dem Islam oder dem Judentum, pflegen.

Kinderbibeln sind ein Verkaufsschlager

Kinderbibeln scheinen im Büchermarkt ein hart umkämpftes Feld zu sein. Die Verlage zielen in erster Linie auf gewinnbringenden Verkauf ab, statt darauf, gute Kinderbibeln in verbesserter Form neu aufzulegen. Ein Trend sind aussergewöhnliche Formen der Aufmachung, wie Puzzle-Bibeln, 3D-Bibeln, Klapp-Buch-Bibeln, Tast-/Fühl-Bibel, oder zweisprachige Bibeln. Ein zweiter Trend ist, bekannte Persönlichkeiten als Autorinnen und Autoren zu gewinnen. Dabei scheint der Werbeeffekt wichtiger als Texttreue.

«Die Bibel für Kinder erzählt von Margot Käßmann» beispielsweise lässt Jona unter einem Weinstock statt unter einem Rizinus Schatten finden und der Apostel Paulus soll seinen Namen geändert haben – obwohl er in der Bibel seit jeher zwei Namen hat: Saulus und Paulus. Im gleichen Verlag wurde «Die gros-
se Herder Kinderbibel» unter dem Namen des bekannten Anselm Grün herausgegeben, der eher in einer theologischen statt in kindgemäs-ser Sprache schreibt: «Heiliger Geist», «Sohn Gottes», «du Begnadete». Und nach Anselm Grün gab Gott Eva ihren Namen, während es im Urtext Adam ist.

Auch eine Frucht der Reformation

Mit dem Erscheinen des «Passional» von Martin Luther im Jahr 1529 beginnt die Geschichte der deutschsprachigen Kinderbibeln. Das Passional war eine in deutscher Sprache verfasste illustrierte Bibel für Kinder und ungebildete Erwachsene mit allerdings geringer Nachhaltigkeit.

Den Begriff «Kinderbibel» gebrauchte erstmals der Lutherschüler Johannes Mathesius 1562 in einer Postille (Andachtsbuch) für Bergleute.

1714 entstand das nachhaltigste Werk seiner Zeit: Johann Hübners «Zwei mal zwei und fünfzig auserlesene Biblische Historien aus dem Alten und Neuen Testament, der Jugend zum Besten abgefasst». Sein Konzept: «Bibeltext“ – «Deutliche Fragen» – «Nützliche Lehren» – «Gottselige Gedanken». Hübners Historienbibel erlebte über 230 Auflagen und wurde in mindestens 15 Sprachen übersetzt. Mit der Auflage aus dem Jahr 1751 ist dieser erste Bestseller die älteste Kinderbibel in meiner privaten Sammlung.

Die erste eigentliche Kinderbibel der Neuzeit verfasste der holländische Volkschullehrer Anne de Vries 1948. Sie erschien 1955 erstmals in deutscher Sprache unter dem Titel «Die Kinderbibel». Von zahlreichen Experten wird diese Kinderbibel als «Pionierleistung» und gar als «Meilenstein der Entwicklung» bezeichnet. Endlich eine Kinderbibel, die lesbar war und von Kindern auch verstanden wurde. Allein von der deutschsprachigen Ausgabe wurden bis 2004 ganze 1,725 Millionen Exemplare gedruckt.

Heute ist diese «Kinderbibel» – obwohl immer noch im Verkauf – ausgesprochen bedenklich und nicht mehr verantwortbar. So wird darin beispielsweise Eva als Verführerin Adams zum Verderben ihres Mannes. Anne de Vries nutzte seine Kinderbibel als moralisches Erziehungsmittel und verfälschte dafür teilweise die biblische Botschaft.

Wie beurteilt man Kinderbibeln?

Die Bibel ist kein Kinderbuch. Aber eine Kinderbibel soll für Kinder verständlich sein, in einer Sprache mit kurzen Sätzen und viel direkter Anrede. Theologische Fachbegriffe wie «Heiliger Geist» oder «Gnade» müssen kindgerecht übersetzt werden – je nach Zusammenhang etwa mit «Kraft Gottes» und «Geschenk». Problematisch sind Verniedlichungen und zu starke Vereinfachungen, die bis zur platten Verflachung und banalen Belanglosigkeit verkommen können. Andererseits soll auf Ausschmückungen und Dramatisieren sowie auf Drohungen und Moralisieren verzichtet werden. Wertvoll ist ein Vor- oder Nachwort.

Neben den pädagogischen Anforderungen muss eine Kinderbibel auch theologischen Ansprüchen genügen. Die wichtigen Kontrollfragen dafür:

Sind genügend Texte aus dem Alten Testament ausgewählt? – Kommen auch Frauen vor? – Werden schwierige Texte ausgespart? – Wird die Vielfalt an literarischen Gattungen aufgenommen (Gebete, Psalmen, Lieder, Lehr-erzählungen, Mythen, Gesetze, Paulusbriefe)? – Werden beide Schöpfungsberichte zu einem harmonisiert? – Werden Erzählabsichten dem Wort Gottes untergejubelt? – Werden Lehr-
erzählungen (beispielsweise Jona) als historischer Bericht wiedergegeben? – Steht das Berichtete auch tatsächlich in der Bibel? – Wird die biblische Botschaft verkürzt oder gar falsch erzählt? – Welches Gottesbild wird vermittelt?  – Wie wird Jesus vermittelt? – Welches Menschenbild wird vermittelt: Mann und Frau gleichwertig, arme Sünder, eigenverantwortlich, von Natur aus schlecht?

Bilder äusserst wichtig

Zudem sind Bilder in Kinderbibeln äusserst wichtig. Meist sind sie es, die nachhaltig in Erinnerung bleiben. Grundsätzlich sprechen Kleinkinder auf flächige Bilder an, wie sie beispielweise Kees de Kort gemalt hat. Schulkinder mögen realistische Bilder mit Details. Vorbildlich sind etwa Constanza Droops Bilder in «Meine ersten Jesus Geschichten». 

Ältere Kinder und Jugendliche verstehen auch symbolische Darstellungen. Bei Kunstbildern sind Kinder dankbar für hilfreiche Zugänge. Bilder dürfen auch Humor ausstrahlen wie Rüdiger Pfeffers Comic-Bibeln oder meditative Akzente setzen und zum Denken anstossen wie Štěpán Zavřel. Selbstverständlich müssen Text und Bild übereinstimmen. Wenn also David blond beschrieben wird, darf er nicht mit schwarzen Haaren dargestellt sein.

Wohl sind es Erwachsene, die Kinderbibeln kaufen. Das Vorlesen und das Erzählen für Kinder im Vorschulalter gehören aber zwingend dazu. Weihnachten, Ostern, Pfingsten – all diese Festtage haben ihren Ursprung in der Bibel. Auch unsere Sprache, Literatur, die bildenden Künste, Musik und Film – die gesamte christlich-abendländische Tradition ist ohne Bibelkenntnisse kaum oder nur begrenzt verständlich. Dieses Wissen gilt es auch unseren Kindern weiterzugeben. Gerade Grosseltern, die in der Schweiz jährlich während geschätzten 100 Millionen Stunden ihre Enkel betreuen, wären dazu bestens geeignet.


Text: Alois Schaller

Angebot laufend

Alois Schaller lebt in Gossau SG. Er ist Präsident des Bibelwerks St. Gallen. Im Rahmen der Uzwiler Bibelwoche vom 17. bis 21. September 2019 wird eine Ausstellung seiner Sammlung von Kinderbibeln gezeigt.

Alois Schaller empfiehlt drei Kinderbibeln:

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Vorschulalter/Unterstufe

Neukirchener Vorlese-Bibel
Bilder: Kees de Kort / Autorin: Irmgard Werth
Kalenderverlag des Erziehungsvereins Neukirchen, 2008

Methodisch äusserst geschickt werden mit einem Bild Fragen an das Kind gerichtet, um dann den Text (32 Geschichten aus dem AT und NT) zu erzählen. 

Ideal zur Taufe oder zum Kindergarten- und Schuleintritt.

Angebot laufend

Mittelstufe – Lesealter

Die grosse Bibel für Kinder
Bilder: Marijke ten Cate / Text:  Tanja Jeschke
Deutsche Bibelgesellschaft, 2012

32 Kapitel bieten einen reichhaltigen Querschnitt durch das AT und NT –in einfühlsamer und kindgemässer Sprache und mit ansprechender Illustration in intensiver Leuchtkraft. 

Ideal für Erstkommunionkinder und die ganze Familie.


Angebot laufend

Oberstufe/Jugend

Gütersloher Erzählbibel
Bilder: Juliana Heidenreich / Text: Diana Klöpper und Kerstin Schiffner
Gütersloh, 2004

Für mich die beste Bibel für Jugendliche, sozusagen eine Vorwegnahme der «Bibel in gerechter Sprache». Der Text ist in Teilen eigens aus dem hebräischen beziehungsweise griechischen Urtext neu übersetzt worden. Die über 200 ausdrucksstarken Bilder sind genial, oft in Collagetechnik gehalten und in enger Zusammenarbeit mit den Autorinnen entstanden.