Schlusstakt

Farblose Zuverlässigkeit

Es gibt Tugenden, die sind einfach nur gähn. «Zuverlässigkeit» ist gähn und schnarch im Quadrat, denn Routine, Alltagstrott, Langeweile sind ihre Nebenwirkungen. Funktionales Wachkoma!

Kein Wort strahlt weniger Sexyness aus als «Zuverlässigkeit». Mag sein, dass wir uns in einem schwachen Moment zuverlässige Partner oder Partnerinnen wünschen. Bis wir sie haben und selbst die Libido auf Snoozer schaltet. 

Jemand sei zuverlässig im Bett, das bringt unsere Phantasie nicht in Wallung, weil damit wahrscheinlich gemeint ist, dass er oder sie zuverlässig um 22 Uhr ins Bett geht und dieses zuverlässig um 6 Uhr wieder verlässt.
Aber auch fern jeglicher erotischen Spannung hat Zuverlässigkeit einen einschläfernden Ruf. Für zuverlässige Fussballer werden keine horrenden Transfersummen hingeblättert. Reisebüros werben nicht mit zuverlässigen Vertragserfüllungstagen.
Selbst die Jünger wären keinem Jesus gefolgt, der absolut zuverlässig immer das zu Erwartende erzählt und getan hätte.

Und doch. Obwohl wir all das wissen, träumen wir manchmal noch immer von schnarch und gähn. Entwerfen Visionen von Computern, die ohne Update und Exorzismus ihren Dienst tun. Von Zügen, die mit bünzliger Genauigkeit ein und ausfahren. Oder von Klimaanlagen, die auch dann funktionieren, wenn man sie braucht. Irgendwo in uns schlummert eine unerklärliche, unzerstörbare Sehnsucht nach der grossen Ereignislosigkeit.

Weil eigentlich wäre es ja schon noch ganz nett, wenn man sich darauf verlassen könnte, dass geladenen Gäste am Ende tatsächlich erscheinen. Irgendwo tief in uns drin, fänden wir es okay, wenn eine Abmachung eine Abmachung bliebe. Und wenn uns im Job mehr Zuverlässigkeit als Herausforderung erwarten würde, wären wir nicht nur enttäuscht.

Deshalb jubelten wir, als das Phone smart wurde. Vielleicht würden Abenteuer und Zuverlässigkeit nun doch noch zum perfekten Paar, weil uns ein Haufen wunderbarer Apps spontan und zuverlässig zugleich connecten.
Das Paradies hielt sechs Tage, bis wir am siebten Tag erkennen mussten, dass es doch nicht so gut war. Meine Community zuverlässig per Whatsapp erreichen? – Vergiss es! – Mit einem Doodle einen Termin fixieren, der auch tatsächlich fix ist? – Sei kein Träumer! – Dem Navi blind folgen? – Hals und Beinbruch! – Die Partnerwahl ebenso zuverlässig wie atemberaubend matchen? – Kniffliger als berechnet!

Am Ende sind wir wieder so smart wie zuvor: Die Zuverlässigkeit bleibt das Schaf unter den Tugenden. Die Spontaneität ihr Wolf. Und manchmal ihr Weckmümpfeli.

Text: Thomas Binotto