Editorial

Kirche braucht Öffentlichkeit

Ich bin nicht für grosse Kundgebungen gemacht. Eher so der Einzeldemo-Typ. Und trotzdem begreife ich, dass es auch den öffentlichen Aufstand braucht.

Wenn ich beispielsweise aufgerufen werde, am 29. Juni an einer Kundgebung gegen kirchlichen Missbrauch in Bern teilzunehmen, dann bin ich nicht fast schon auf halbem Weg, obwohl ich das Anliegen der Kundgebung teile.

Aber auch solche Zurückhaltung muss in unserer Kirche Platz haben. Ich erwarte, dass Individualisten ihrem Naturell treu bleiben dürfen. Und dass Engagement in ganz unterschiedlichen Formen – selbst in unscheinbaren oder eigenwilligen – respektiert wird.

Dennoch ist es mir wichtig, dass in der Kirche die öffentlichen Kundgebungen ihren Platz haben. Dazu gehört für mich eine Papstmesse in Genf genauso wie eine besorgte Kundgebung in Bern. Die Organisatorinnen und Organisatoren der Kundgebung «Zeichen gegen Missbrauch» mögen ein anderes Naturell haben als ich, aber ihre echte Sorge um die Kirche und das Evangelium stehen ausser Frage.

Auch dass sie laut werden, kann ich gut verstehen. Mit der geschwisterlich intern vorgetragenen Kritik passiert in der katholischen Kirche nämlich leider allzu oft, was niemals passieren darf: Dass sie einfach übergangen und ad acta gelegt wird. Dass Vertraulichkeit benutzt wird, die Kritik tot zu schweigen, weiter zu vertuschen und nichts zu tun. Das ist ein Missbrauch von Geschwisterlichkeit, bei dem am Ende nur der lautstarke Weg in die Öffentlichkeit bleibt.

Text: Thomas Binotto