Schwerpunkt

Kirchenrecht muss sich bewegen

Joseph Bonnemain, Offizial der Diözese Chur, über angedachte und notwendige Veränderungen im Kirchenrecht.

Das apostolische Schreiben (motu proprio) des Papstes vom 9. Mai 2019 setzt neue Massstäbe und kann durchaus als Meilenstein betrachtet werden. Zum ersten Mal spricht nämlich ein päpstliches Dokument von «abuso di autorità». Das bedeutet: Es werden nicht nur Übergriffe an Minderjährigen berücksichtigt, sondern alle Missbräuche von Macht und Autorität; auch die Gewissensmissbräuche und die spirituellen Missbräuche.

In dieser Hinsicht war die Schweiz Vorreiterin und das Thema ein lang gewünschtes Anliegen. Zudem werden in der päpstlichen Verfügung konkrete Normen erlassen, um Bischöfe zur Rechenschaft zu ziehen. Es bleibt die Frage, ob die Erzbischöfe überall in der Welt in der Lage sein werden, dafür auch die notwendigen professionelle Stellen zu schaffen.

Gewaltentrennung notwendig

Weiterhin hängig ist die Überarbeitung der kirchlichen Strafgesetze. Wir brauchen verbindliche Normen, welche alle Straftaten in diesem Bereich festlegen und auch die entsprechenden verbindlichen Strafen. Die Zeiten, um Prozesse durchzuführen, müssen kürzer werden. Die Transparenz, die Aktenoffenlegung und eine so weit wie mögliche Gewaltentrennung müssen noch erreicht werden. 

Gewaltentrennung bedeutet auch hier, dass die drei Leitungsvollmachten: Gesetze erlassen (Legislative) anordnen und leiten (Exekutive) – sowie richten (Judikative) von verschiedenen Instanzen wahrgenommen werden, also nicht von derselben Person oder vom selben Amt. Gerichte und Richter müssen unabhängig von der kirchlichen Hierarchie und mit eigener Vollmacht entscheiden können.

Staatliches und kirchliches Recht durchsetzen

Die kirchlichen Strafgesetze und Strafprozesse sollen die Anzeige bei den Strafverfolgungsbehörden des Staates allerdings nicht ersetzen. Dort, wo eine Straftat nach staatlichem Recht vorliegt, wird der Täter von den Ordinarien angezeigt. Parallel dazu wird aber ein kirchlicher Strafprozess angestrengt, um zusätzlich die kirchlichen Folgen des Missbrauchs festzulegen: Suspension, Tätigkeitsverbot, Entlassung aus dem Klerikerstand, Ortsverbot und andere, vom Kirchenrecht vorgesehene Sanktionen.

Zu beachten gilt es aber auch Fehlverhalten in der Wahrnehmung von Nähe und Distanz, die sich in einer Grauzone bewegen und nach staatlichem Recht keine Straftat darstellen: zweideutige Äusserungen, unerwünschte Annäherungsversuche, unangemessene Vertrautheit sowie spiritueller Machtmissbrauch. Auch diese Vergehen will die Kirche nicht tolerieren.

Dass sich das Volk Gottes und nicht zuletzt die Seelsorgenden dafür öffentlich und mit Nachdruck einsetzen, kann ich nur begrüssen.

Text: Joseph Bonnemain, Bischöflicher Offizial und Domherr im Bistum Chur