Schwerpunkt

Protest aus Liebe

Pfarreiseiten im forum mit blaugrünen Querbalken versehen – Mahnwachen – offene Briefe… In den Zürcher Pfarreien wächst der Protest gegen Missbrauch in der Kirche. Es ist ein Protest aus Sorge. Und auch aus Liebe zur Kirche.

«Es war so schlimm, dass wir nicht schweigen konnten. Uns wurde klar: wie könnten wir Ostern feiern, ohne darüber zu sprechen?» Der Anfang März ausgestrahlte Film «Gottes missbrauchte Dienerinnen» hat nicht nur Patricia Machill, Pastoralassistentin in Pfäffikon, erschüttert.

Der Dokumentarfilm zeigt die systematische, geistliche und sexuelle Gewalt von Priestern an Ordensfrauen und deren versuchte Vertuschung – bei uns in der Schweiz. Und so hat Patricia Machill in der Osternacht mit brennendem Herzen gepredigt. «Beschlossen habe ich meine Predigt mit: ‹wenn nicht heute, wann dann stehen wir auf gegen den Missbrauch in der Kirche?› – In diesem Moment standen alle in der Kirche auf. Es war völlig still. Ein ganz starker Moment.»

Für Seelsorgende ist ihr kirchliches Engagement mehr als ein Job. Umso stärker das Bedürfnis, hinzustehen und zu sagen: «Wir sind Teil der Katholischen Kirche und uns liegt viel an ihr.» So steht es im offenen Brief der Pfarrei St. Benignus in Pfäffikon.

Gerade weil den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an der Kirche viel liegt, müsse man das Schreckliche offen ansprechen und tiefgreifende Veränderungen fordern, ist Gemeindeleiter Ludwig Widmann überzeugt. Die Fahnen, die vom Kirchturm hingen, die Website der Pfarrei und der offene Brief zum Unterschreiben an den Stellwänden in der Kirche waren sichtbare Zeichen dafür.

Die Reaktionen der Pfarreimitglieder seien durchwegs positiv, berichtet Widmann. Sie seien dankbar gewesen, den offenen Brief unterschreiben zu können – bislang über 137 Personen. Lediglich im Internet hätten unbekannte Stimmen ausserhalb der Pfarrei in Frage gestellt, ob Ostern der richtige Moment für die Thematisierung des Missbrauchs sei. Insgesamt aber hätten die vielen Gespräche das Seelsorgeteam und die ganze Pfarrei gestärkt.

In der Pfarrei Johannes XXIII. in Greifensee-Nänikon haben sich Pfarreimitglieder «Gottes missbrauchte Dienerinnen» gemeinsam angeschaut. Franziska Wenzinger, freiwillig Engagierte in der Pfarrei, kam erst später dazu: «Die Bilder hätten mich zu sehr verfolgt», hatte sie befürchtet. «Doch nach dem Film bin ich zum Austausch dazugekommen, das Thema ist so wichtig.» Gut 30 Pfarreimitglieder haben in dieser Runde ihre Erschütterung auf ganz persönliche Weise zum Ausdruck gebracht.

Am Ende dieses Abends war klar: Man kann nicht nichts tun. «Ich muss vor meinen Kindern geradestehen», sagt Wenzinger mit Nachdruck. «Wenn ich nicht aufstehe gegen diesen Missbrauch und gegen kirchliche Strukturen, die ihn fördern und vertuschen, dann bin ich für meine Kinder nicht mehr glaubwürdig.»

Viele Ideen wurden an diesem Abend in der Pfarrei Johannes XXIII. diskutiert. Dabei wurde der Missbrauchsskandal als symptomatisch für die Kirchenkrise und die Komplexität ihrer Ursachen wahrgenommen. Schliesslich entschied man sich für einen offenen Brief und sammelte dafür gemeinsam die Themen, die eine Gruppe von Pfarreiangehörigen dann formulierte.

Negative Reaktionen auf dieses Engagement seien ihr nicht bekannt, sagt Gemeindeleiterin Hella Sodies. Einzig jemand habe sich daran gestört, dass nur vom Missbrauch in der Kirche die Rede sei – dieser passiere doch überall. «Aber da wir selber Kirche sind, müssen wir zuerst mal bei uns selbst hinschauen und etwas unternehmen», betont Sodies.

«Wir wollten nicht Forderungen an die Kirche stellen, sondern von unseren eigenen Erfahrungen ausgehen», fährt sie fort. «In unserer Pfarrei leben wir eine flache Hierarchie und erfahren eine grosse Beteiligung der Pfarreiangehörigen. All das Gute und Lebensstarke der Kirche darf doch nicht untergehen, nur weil einige nicht fähig sind, Kirche neu zu denken und die nötigen Strukturreformen umzusetzen!»

Der offene Brief wurde ab Ostern zwei Wochen lang im Pfarreizentrum aufgelegt. 147 Pfarreimitglieder oder mit der Pfarrei verbundene Personen haben unterschrieben. Er wurde bereits an verschiedene Entscheidungsträger der Katholischen Kirche in Zürich und der Schweiz verschickt. Der Brief wurde von Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding auf Facebook gelikt, von Nuntius Thomas E. Gullickson und von Generalvikar Josef Annen bekam die Pfarrei eine Antwort. Hella Sodies freut sich, «dass unser Brief Thema in der Geschäftsleitungssitzung im Generalvikariat war und Pastoralamtsleiter Rudolf Vögele zu einem offenen Gespräch in der Pfarrei bereit ist».

Über die Reaktion des Nuntius kann sie dagegen nur den Kopf schütteln. «Wir fühlen uns von ihm überhaupt nicht verstanden mit unseren Anliegen. Und dass wir mit dem, für das wir in und mit unserer Pfarrei einstehen, die Kirche zerstören würden, diese Unterstellung verletzt uns sehr.»

Generalvikar Josef Annen und Synodalratspräsidentin Franziska Driessen haben bereits in ihrem offenen Brief an Papst Franziskus am 2. April gefordert: «Es braucht in der Kirche unabhängige Gerichte, vor denen Grundrechte eingeklagt werden können. Frauen müssen in der Kirche Leitungsverantwortung wahrnehmen können. Es braucht in der katholischen Kirche synodale Prozesse, in denen die Zugangsbedingungen zu den kirchlichen Ämtern (Pflichtzölibat, Ausschluss von Frauen) regional entschieden werden können.»

Auf die Proteste und offenen Briefe aus den Pfarreien angesprochen, sagt der Generalvikar: «All diese Stimmen zeugen von einer tiefen Betroffenheit, drücken Empörung aus und stellen Forderungen auf. Das ist gut so.» Einige Forderungen seien auch bereits erfüllt. Er nennt die verschärften Richtlinien der Schweizer Bischofskonferenz und das Schutzkonzept des Bistums Chur.

Er habe allen Verantwortlichen in der Seelsorge dringend empfohlen, die gegenseitige Verpflichtung «Begegnung in Verantwortung» im Team zu thematisieren und zu unterzeichnen. Auch Annen ist überzeugt: «Es wäre fahrlässig zu behaupten, wir hätten alles im Griff. Wir sind – und bleiben – gefordert.»

Jugendseelsorgerin Judith Schiele aus der Pfarrei Bruder Klaus in Volketswil war am Filmabend in Greifensee mit dabei. Daraufhin hat sie mit fünf weiteren Frauen am 23. Mai eine Mahnwache auf dem Gemeindehausplatz in Volketswil organisiert. «Nach der Werktagsmesse am Morgen hatten wir noch Diskussionen», erzählt sie. Jemand habe sich beispielsweise daran gestört, dass die Mahnwache draussen auf dem Platz stattfinden sollte und nicht in der Kirche. «Wir wollten aber bewusst an die Öffentlichkeit treten», betont die Seelsorgerin.

Sie habe sich sehr gefreut, dass auch diese kritische Person an der Mahnwache mit dabei war. Ein anderes Pfarreimitglied habe argumentiert, eine solche öffentliche Aktion schade der Kirche, denn die Missbrauchstäter seien einzelne Personen. «Ich habe ihm geantwortet, dass diese massiven Missbrauchsfälle für mich als kirchliche Mitarbeiterin nicht mehr tragbar sind. Deshalb will ich zeigen, dass wir für eine offene, transparente Kirche einstehen, eine Kirche, die in der Nachfolge Jesu steht. Wir lieben die Kirche, aber wir sehen auch strukturellen Veränderungsbedarf über die einzelnen Täter hinaus.»

Schiele hatte mit maximal zwanzig Teilnehmenden gerechnet und sich dann sehr darüber gefreut, dass sich vierzig Personen zur Mahnwache einfanden. «Der Abend war sehr stimmig. Die Leute kamen auf uns zu und bedankten sich für unsere persönlichen Statements. Wir haben den Bogen von Wut, Empörung und Verletzung bis hin zur Solidarität mit den Opfern und unserer Vision von Kirche schlagen können.» Die sechs Organisatorinnen blieben bis spät in die Nacht da, bis auch die letzte Kerze verlosch.

Was beim Blick in den Kanton Zürich auffällt: Das Engagement der Basis ist vielfältig. Auch die blaugrünen Balken im forum gehören dazu. Mehrere Pfarreien haben damit ihre Pfarreiseite versehen. Blaugrün ist die Farbe der Bewegung «sexual assault awareness», die sich in verschiedenen Ländern mit von sexueller Ausbeutung Betroffenen solidarisiert, das Bewusstsein für sexuelle Gewalt schärft und Anstrengungen unternimmt, um solche zu verhindern.

Es mag überraschen, aber als Erste protestierten im Raum Zürich die Nonnen im Kloster Fahr. Mit einem stillen und doch starken Zeichen: Seit Februar beten sie jeden Donnerstag ein Gebet, das «in dieser Zeit der Veränderung Mut und Zuversicht schenken will», sagt Priorin Irene Gassmann. Ihre Initiative besitzt Strahlkraft: in Deutschland, Luxemburg und in vielen Schweizer Pfarreien wird dieses Gebet nun in unterschiedlichem Rhythmus gebetet.

Aufstehen und für Veränderungen einstehen – diese Bewegung breitet sich ohne zentrale Orchestrierung aus. Und gerade das macht sie vielleicht so stark. Sie wird getragen von einer Vielfalt kirchennaher Menschen, die sich nicht in einer Schublade ablegen lassen. Und diese Kirchenmitglieder wollen sich nicht mit einem einmaligen Protest begnügen.

In Volketswil ist angedacht, sich dem «Gebet am Donnerstag» anzuschliessen. In Pfäffikon ist eine Veranstaltung für alle Pfarreimitglieder mit «Castagna» geplant, einer Beratungsstelle bei sexueller Gewalt. In einem Jahr soll das Thema wieder breiter aufgenommen werden.

Und in Greifensee will man das Gespräch mit weiteren Adressaten des offenen Briefes voranbringen. Für die Gemeindeleiterin geht es um viel: «Wie vor 500 Jahren ist auch heute wieder eine tiefgreifende Reformation vonnöten.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

Angebot laufend

Nationale Kundgebung

Katholische Theologinnen und Theologen aus dem Kanton Zürich haben sich zum Aktionsbündnis «Zeichen gegen Missbrauch» zusammengeschlossen. Sie laden in Solidarität mit den Opfern und aus Sorge um die Kirche zu einer nationalen Kundgebung nach Bern ein. Gast bei der Kundgebung wird Doris Wagner sein, ehemalige Ordensfrau und Betroffene, Autorin der Bücher «Nicht mehr ich» und «Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche».

Samstag, 29. Juni, 12.05 Uhr, Helvetiaplatz Bern

www.zeichen-gegen-missbrauch.ch

Angebot laufend

Veranstaltung

«Für Gleichberechtigung in der Kirche»

Lisa Kötter von Maria 2.0 und ihre Mitstreiterinnen zu Gast im Pfarreizentrum Herz Jesu Zürich-
Wiedikon. Sie verbinden sich mit dem pfarreilichen «Gebet am Donnerstag». 

Mittwoch, 26. Juni, 19.30 Uhr

www.herzjesu-wiedikon.ch