Schwerpunkt

Auf Stadtsafari

Wo zeigt Zürich seine wilden Seiten? Eine Spurensuche mit Wildtierbiologin Sandra Gloor zwischen Central und Josefwiese.

Die Wildnis beginnt vor der Redaktionstüre – mitten in Zürich. Im Hirschengraben, wo einst im mittelalterlichen Befestigungsring Huftiere grasten, gehen wir auf Pirsch mit Sandra Gloor. «Obwohl das Siedlungsgebiet expandiert und die Verdichtung zunimmt, ist in Zürich eine vielfältige Stadtnatur zu entdecken», erklärt die Wildtierbiologin und bleibt vor einer neu angesäten Blumenwiese stehen, die in eine Wildstauden-Pflanzung übergeht. «Mehr als Grün» heisst das Projekt, mit dem Grün Stadt Zürich Lebensräume für Tiere und Pflanzen schaffen will. «Diese Wildnisecken bieten gute Lebensbedingungen für Insekten und setzen farbige Akzente, welche auch uns Menschen erfreuen», sagt Gloor. Während sich am Central der Morgenverkehr staut, beobachten wir, wie die ersten Wildbienen aus ihren Nestern im Lehmboden fliegen und bis hoch an die nahe Efeu-Wand schwirren.

Zwischen den Autos hindurch bahnen wir uns unseren Weg Richtung Hauptbahnhof. Nachts sollen sich doch tatsächlich auch Füchse oder gar Dachse hierherwagen. Dies zeigen Fotofallen-Bilder. Und auch für Fledermäuse scheint die Innenstadt ein gutes Jagdrevier zu sein.

Beobachtet von Stockenten und Schwänen tauchen wir ein in den Blätterwald am Platzspitz. Wo in den 1980er- und 1990er-Jahren die Drogenszene für Schlagzeilen sorgte, flanieren heute naturliebende Städter zwischen den fast 250 Jahre alten Platanen – Zürichs ältester Baumbestand –, den Linden und Eiben. Es riecht nach Bärlauch. Über unseren Köpfen fliegen Alpen- und Mauersegler, das Gezwitscher von Buchfinken, Meisen und Spatzen übertönt den Lärm des Stadtverkehrs. Während uns Sandra Gloor hier auf ein Kraut hinweist und dort einen Schmetterling zeigt, lassen wir die Hektik hinter uns.

Schon sind wir beim Letten. Zürichs Partymeile döst noch vor sich hin. Auf dem Brachland gedeiht eine Vielzahl einheimischer Pflanzen, umgeben von alten Obstbäumen und Sträuchern. «Gestaltete Wildnis», sagt Sandra Gloor, denn auch was hier so ursprünglich und ungezähmt aussieht, wird von Grün Stadt Zürich gepflegt.

Eine ausladende Steinmauer bietet Lebensraum für die grösste Mauereidechsenpopulation nördlich der Alpen. Noch ist es etwas kühl für die wechselwarmen Tiere, bald jedoch werden sie sich zu Hunderten auf den warmen Quadern sonnen, versichert uns die Biologin. Die Trockensteinmauern und Hecken bieten auch Blindschleichen und Käfern Unterschlupf. Und bunte Graffitis zeugen von der wilden Energie von Zürichs Jugend.

Wir folgen dem Lettenweg übers Viadukt – auch für Tiere ein wichtiger Verbindungsweg durch die Stadt, erklärt die Wildtierbiologin. Am Hochkamin der Kehrrichtverbrennungsanlage herrscht gerade Hochbetrieb: Ein Turmfalkenpaar bringt seinen drei Jungen, die im Nistkasten die hungrigen Mäuler recken, nährende Beute. Bald werden die Jungfalken ausfliegen und in unseren Stras-
senschluchten ihren Felsersatz finden.

Unser Spaziergang endet an der Josefwiese, einer ausladender grünen Oase, in der auf kurzgeschnittenem Rasen Kinder spielen und in hochgewachsener Wiese Grillen zirpen. Fast schon idyllisch mutet dieser Platz an, auf dem Mensch und Natur ein erquickliches Miteinander gefunden haben.

«Alles, was die Biodiversität einer Region fördert, verbessert auch die Lebensqualität ihrer Bewohner», betont Sandra Gloor. Und fügt zum Abschied an: «Die Stadt steht hier in der Verantwortung.»

Auch wenn sich Zürichs Wildnis nicht gar so wild anfühlt, und man sich auf einer Safari vielleicht mehr Begegnungen mit grossen Tieren wünscht: Wir haben gelernt, Zürich mit dem Blick für die Natur zu sehen – und wir ahnen, dass es auf weiteren Streifzügen mit Musse noch so viel mehr zu entdecken gibt.

Text: Pia Stadler

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Wildtiere in der Stadt

Gemeinsam mit der Bevölkerung sammelt der Verein StadtNatur Zürich Beobachtungen von Wildtieren in der Stadt. Diese Beobachtungen werden auf einer Internetplattform zusammengeführt und auf Karten dargestellt. Alle Interessierten können sich beteiligen. Zusätzlich kann man sich als StadtNaturbeobachterin und -beobachter engagieren und erhält dabei viele praktische Beobachtungstipps, Informationen zur Förderung von Wildtieren und anderes mehr.


www.stadtwildtiere.ch