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Wie Darwin alles erschütterte

Welche Knacknüsse hat uns Darwin hinterlassen? Welchen Herausforderungen müssen sich auch gläubige ­Menschen stellen? Diesen Fragen stellt sich der Philosoph und Biologe Christian Illies.

Zwei Vollbärtige haben die Welt verändert: Karl Marx und Charles Darwin. Beide lebten sie zur selben Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, nur wenige Meilen voneinander entfernt in England – und doch hätten sie nicht verschiedener sein können: Während der Deutsche Marx im politischen Exil fieberhaft am Projekt einer umfassenden Revolution arbeitete, um so seine politisch-ökonomische Visionen umzusetzen, war Darwin ganz Privatgelehrter.

Zurückgezogen und kränkelnd lebte er fast 40 Jahre mit seiner Frau (und 10 Kindern) in Down, einem ländlichen Vorort Londons. Er arbeitete jeden Tag genau vier Stunden und ging zweimal mit seinem Hund spazieren – sofern es ihm seine kränkelnde Konstitution erlaubte. Oft fand man ihn im Billardraum, den er im alten Speisezimmer eingerichtet hatte, um mit dem Hausdiener eine Partie zu spielen, und abends las er seiner Frau vor dem Kamin Romane vor. Weltveränderer stellt man sich gemeinhin anders vor. 

Dennoch: In dieser viktorianischen Beschaulichkeit entstand sein 1859 erschienenes, zweibändiges Hauptwerk: «On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.

Über die Entstehung der ARten

Das Buch schlug trotz des sperrigen Titels wie ein Blitz ein. Nach wenigen Wochen war es bereits ausverkauft und Neuauflagen und Übersetzungen folgten rasch. Bereits 1860 auch als deutsche Ausgabe: «Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl.»

Das Buch wurde schliesslich zum Grundtext der modernen Evolutionstheorie. Darwin hat darin einen Gedanken entwickelt, der die gesamte Biologie und Anthropologie neu begründet hat. Nur einen einzigen Gedanken? Ja, denn das Buch sei eigentlich nur «ein langes Argument», bemerkt Darwin mit typisch englischem Understatement. Aber was für ein Argument!, können wir heute, im Zeitalter der Biologie, hinzufügen.

Die Annahme, dass es eine Evolution der Lebensformen gibt, also dass Tier- und Pflanzenarten nicht unveränderlich sind, sondern sich stammesgeschichtlich wandeln und alle Arten daher in einem entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang stehen, hatte schon zu Darwins Zeiten einen langen Bart. Sie war weder originell noch ungewöhnlich. Seit dem 18. Jahrhundert wurde sie in gebildeten Kreisen des Abendlandes diskutiert, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts war sie Allgemeingut. Johann Gottfried Herder vertritt sie ebenso wie Johann Wolfgang von Goethe, die beide sogar schon den Menschen in diese Entwicklungsgeschichte einreihen. Auch Erasmus Darwin, der Gross-vater von Charles, hatte in seinem Buch «Zoonomia» (1794 – 1796) eine Evolutionstheorie entwickelt. 

Die abgestuften Ähnlichkeiten zwischen Tier- und Pflanzenarten, die Darwin auf einer langen Forschungsreise in seiner Jugend entdeckt hatte (1831 – 1836), bestärkten auch ihn darin, eine Evolution der Lebewesen anzunehmen. Dazu kamen die zahlreichen Fossilien, die eine ganz eigene, längst vergangene Lebenswelt aus uralten Zeitaltern zu zeigen scheinen. Warum sollte Gott sie geschaffen haben? Aus Schabernack, oder um unseren Glauben auf die Probe zu stellen? Das wäre ein seltsamer Gott, wie Darwin, übrigens studierter Theologe, notierte. Liegt es nicht so viel näher, hier Spuren ausgestorbener urtümlicherer Tier- und Pflanzenarten zu vermuten? 

Aber auch wenn all das für eine Evolution sprach, blieb die eigentliche Frage ungelöst: Wie lässt sich diese Entwicklung wissenschaftlich erklären? Die verschiedenen Vorschläge vor Darwin konnten allesamt nicht überzeugen: Herder hatte von einem Streben gesprochen, welche das Leben zu immer höheren Entwicklungen treibe. Der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck meinte, dass allen Lebewesen eine Tendenz zur Höherentwicklung innewohne.

All das waren Erklärungen, die mit der modernen Naturwissenschaft nicht in Einklang zu bringen sind. Erklärungen suchen nach kausalen Zusammenhängen, das heisst nach mechanischen Ursachen, die etwas ohne Ziel, also «blind» bewirken. Paradebeispiele naturwissenschaftlicher Erklärungen sind physikalische Gesetze, die mathematisch exakt Wirkzusammenhänge beschreiben. Die Wirkung der Schwerkraft erklärt, warum der Stein im Teich versinkt – und es gibt dabei kein «Streben» des Steines nach seinem natürlichen Ort, wie es Aristoteles angenommen hatte. Doch weder Gottes Schöpfungshandlung, noch ein Streben nach Höherentwicklung lassen sich zu diesem Typ naturwissenschaftlicher Erklärungen zählen, denn beides sollen ja zielgerichtete Kräfte sein. Auf ihrer Grundlage blieb die Evolutionstheorie unwissenschaftliche Spekulation. 

Darwins grosse Einsicht

Darwins Leistung war es, für die Evolution erstmals eine nicht zielgerichtete Erklärung anzubieten. Wie sieht diese aus?

Er geht davon aus, dass alle Lebewesen mehr Nachkommen haben, als letztlich überleben können. Man stelle sich vor, aus allen Kaulquappen eines Teiches würden Frösche oder alle Kastanien wüchsen selbst wieder zu Bäumen heran. In kürzester Zeit wäre die ganze Welt ein einziges Quacken in einem endlosen Kastanienwald.

Das geht natürlich nicht – einfach, weil es nicht genug Raum und Nahrung gibt. Zwischen den Nachkommen der Frösche, Kastanien wie allen anderen Tier- oder Pflanzenarten gibt es deswegen eine unerbittliche Konkurrenzsituation, den «Kampf ums Dasein», den man vielleicht besser Wettstreit um begrenzte Ressourcen nennen sollte. Nur ganz wenige überleben – die meisten Nachkommen verhungern, finden kein Licht um zu keimen, werden von einem Fisch gefressen oder was immer die Welt für sie Verderbliches bereit hält. 

Aber ist es reiner Zufall, welche Kaulquappe zu einem Frosch heranwächst? Nein, wendet Darwin ein. Denn wir müssen auch bedenken, dass niemals alle Nachkommen einander ganz gleich seien: So wie ihre Kinder manchmal eher blond oder braun sind, mal mehr dem Vater oder der Mutter ähneln, so «variieren» auch die Nachkommen aller anderen Lebewesen: Die eine Kastanie wächst etwas schneller, die andere kommt mit weniger Licht aus, die dritte kann einen saureren Boden vertragen. 

Wenn wir nun diese beiden Einsichten verbinden, ist der Kern von Darwins Erklärung fast vollständig: Im Wettstreit um Ressourcen wird sich das Individuum durchsetzen, dessen Eigenschaften ihm gewisse Vorteile gegenüber Konkurrenten geben. Also zum Beispiel die etwas schneller wachsende Kastanie, die anderen mit ihren Blättern das Licht wegnimmt, oder die flinkere Kaulquappe, die den Fischen besser entfliehen kann. Wenn nun diese vorteilhaften Eigenschaften erblich sind, dann hat die flinkere Kaulquappe auch flinkere Kinder und von denen wird wieder das flinkeste überleben und seinerseits Nachkommen haben. So entsteht in Jahrtausenden aus der ersten trägen Urkaulquappe jenes rasche, schwanzschlagende Wesen, das wir kennen. 

Damit hat Darwin eine Erklärung entwickelt, die verständlich macht, warum es eine lange Geschichte von sich in grossen Zeiträumen ändernden Tier- und Pflanzenarten gibt, die alle so vortrefflich ihrem jeweiligen Lebensraum angepasst sind. Und weshalb ihre Vorfahren, die nicht angepasst waren, längst ausgestorben sind.

Variation und Auslese

Als Erklärung dienen hier keine zielgerichteten Kräfte, sondern alles folgt zwei ungelenkten Ereignisketten. Es ist das Zusammenspiel von zufällig auftretenden Varia-tionen einerseits und der Auslese, auch Selektion genannt, andererseits, die durch hohe Reproduktionsrate angesichts der knappen Ressourcen, aber auch durch Fressfeinde entsteht.

Darwins Theorie schlug ein. Hier hatte man eine Erklärung, die nicht nur naturwissenschaftlich anerkannt werden konnte, sondern auch die Ergebnisse der verschiedensten Zweige der Biologie zusammenführte. Die fossilen Befunde, die Systematik der Tier- und Pflanzenarten, aber auch Entwicklungsbiologie und im 20. Jahrhundert dann die Vererbungslehre fügten sich alle bestätigend zusammen.

Dass Darwin das Paradigma der modernen Biologie ersonnen hat, lässt sich nicht bestreiten. Der Biologe Theodosius Dobzhansky prägte 1937 die viel zitierte Formulierung: «Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn ausser im Licht der Evolution.»

Aber reicht die Erklärung Darwins? Auch 150 Jahre nach dem Erscheinen seines Buches wird die Frage diskutiert, ob Zufallsvariation und Auslese genügen, um die Fülle der Arten hervorzubringen. Eingewandt wird, dass sich die Entstehung gerade komplexer Eigenschaften (wie Flügel oder Auge) nicht durch kleine Anpassungsschritte erklären lasse, da diese kleinen Schritt keine Vorteile brächten.

Und auch die grundsätzliche Frage wird gestellt, ob es nicht immer wieder grosse Sprünge in der Evolution gegeben habe, für die Darwins Erklärung nicht hinreiche. Beispielsweise die Entstehung des ersten Lebewesens und des bewussten Wesens Mensch. Aber selbst wer hier weitere, über Darwin hinausgehende Erklärungen fordert, wird anerkennen müssen, dass der Rauschebärtige die Evolutionstheorie erstmals zu einer wissenschaftlich ernst zu nehmenden Theorie gemacht hat, an der niemand mehr vorbei kommt. 

Die Abstammung des Menschen 

Wenn alle Tiere aus einer langen Entwicklungsgeschichte stammen, warum nicht auch der Mensch, dieses ganz besondere Tier? Das anzunehmen lag derart auf der Hand, dass man sich wundern durfte, warum Darwin in seinem berühmten Buch fast nichts dazu sagt – nur am Ende steht der berühmte Satz, es werde auch auf die Entstehung des Menschen Licht fallen. War es ängstliche Vorsicht, nicht zu viel zu sagen? (In der ersten deutschen Übersetzung wurde dieser Satz sogar weggelassen.)

Aber einige Jahre später wandte sich Darwin in zwei Büchern eigens dem Menschen zu. Es gebe eine Kontinuität zwischen Mensch und Tier, ist die erste Kernthese seiner Werke zur Abstammung des Menschen. Wir stünden in einer engen Verwandtschaftsbeziehung mit anderen Lebewesen.

Und die zweite Kernthese: Die biologische Evolution erkläre nicht nur äussere Merkmale als Anpassung – wie den aufrechten Gang und Handform – sondern auch Verhaltensweisen. Mehr noch, sogar im intellektuellen, emotionalen und moralischen Bereich hätten wir starke biologische Anlagen.

Dass manche Gefühle angelegt sein könnten, mag man hinnehmen: Das Ekelgefühl angesichts von verdorbenen und schlechten Speisen hat ja grosse biologische Vorteile: Wer es besitzt, wird sich gesünder ernähren. Das stört unser Menschenbild nicht. Aber sollte auch die Moral eine Art Anpassung des Menschen sein? Darwin sieht sie als Ausdruck sozialer Instinkte des Menschen, eine angeborene natürliche Geselligkeit, in Verbindung mit seinem Sprachvermögen – so kommt es zu einer sozialen Kontrolle der Instinkte, die wir dann Moral nennen. Die Religiosität findet eine ähnliche Erklärung: Zentral mit ihr verbundene Gefühle wie Liebe, Unterwerfung, Abhängigkeit, Furcht und Dankbarkeit seien natürlich angelegt – und schon ansatzweise beim Hund gegenüber seinem Herrn zu finden.

Zwar betont Darwin immer wieder, dass die Instinkte des Menschen wesentlich schwächer seien als die der Tiere, aber die Behauptung blieb ungeheuerlich, dass hinter den edelsten und höchsten Vermögen des Menschen das Tierhafte hervorschimmere. 

Überlegt Gott Darwin?

Was bleibt da noch von Gott? Darwin selbst ist vorsichtig: Dass wir biologische Anlagen hätten, bedeute nicht, dass es keinen Gott geben könne, schreibt er. Der zurückhaltende Gentleman will keine voreiligen Schlüsse ziehen und seine geliebte Frau nicht verletzen. So lehnt er auch ab, als ihn Marx in einem Brief fragt – begegnet sind sie sich nie –, ob er ihm den zweiten Band des «Kapitals» widmen dürfe. Lieber nicht, antwortet Darwin, «möglicherweise bin ich zu sehr beeinflusst von dem Gedanken an die Beunruhigung, die es bei einigen meiner Familienmitgliedern hervorrufen würde, wenn ich meine Unterstützung für direkte Angriffe auf die Religion gäbe».

Aber auch wenn Darwin lieber gemächlich auf den Pfaden seines Anwesens schritt, als Gott vom Thron zu stürzen, hat er Gedanken und Erklärungen in die Welt gesetzt, die von Down aus wahre Erdbeben ausgelöst haben.

Sind wir durch und durch Natur? Sind unsere höchsten Gefühle und Möglichkeiten nichts als besonders raffinierte Anpassungen, um den evolutionären Kampf ums Dasein gut zu bestehen? Ist Gott ein Trick, um Überlebensvorteile zu haben? 

Es wird nicht einfach sein, gegen diese scheinbar zwingenden Schlüsse aufzuzeigen, dass beides zugleich denkbar ist: Etwas kann aus der Natur hervorgegangen sein, also eine Funktion haben, und ausserdem an eine Wahrheit rühren. Nur wenn wir das zeigen können, werden wir der Herausforderung durch Darwin begegnen, die auch nach 150 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat.

 

Text: Christian Illies