Editorial

Wilde Vielfalt mitten in der Stadt

Stadt und Natur gehören zusammen – seit jeher. Allerdings offenbart sich in der Urbanität das ursprünglich Wilde oft erst auf den zweiten Blick. Doch genau hinschauen lohnt sich.

Ich erinnere mich noch genau an den Fuchs, der eines nachts mit seinen zwei Jungen auf unserem Sitzplatz sass. Und an die Glühwürmchen, die an Sommerabenden die Magie auf unsere Terrasse brachten. Das war nicht etwa auf dem Land, sondern an Zürichs Stadtgrenze. Und obwohl die Begegnungen inzwischen einige Jahre her sind, bin ich noch so bezaubert, als sei’s gestern gewesen.

Inzwischen sind die Füchse in Zürich zahlreicher und die Glühwürmchen wohl weniger geworden. Die Anziehungskraft der Natur auf uns Menschen ist geblieben. Sie bringt etwas Archaisches, Ungezähmtes in unsere durchstrukturierte und digitalisierte Welt. Sie ist unser Paradiesgarten im betonierten Alltag.

Die Natur vor unserer Haustüre fasziniert zumindest so lange, wie sie uns nicht stört. Wie sie genauso wild ist, wie wir es ihr erlauben. Der Fuchs, der nachts beim Bellevue in die Fotofalle läuft? Spannend! Willkommen. Solange er unsere Abfallsäcke nicht aufreisst oder gar den Bandwurm in die Stuben bringt.

Und die hochgewachsene Blumenwiese? Wie prächtig farbenfroh, und wie wertvoll für die Insekten. Aber bitte mit einem gemähten Rand, damit’s dann doch ordentlich aussieht – und bei Regen unsere Schuhe nicht nässt.

In Zeiten schwindender Biodiversität tun wir gut daran, uns auf ein gegenseitig förderliches Zusammenleben mit unseren tierischen und pflanzlichen Nachbarn einzustellen. Auch wenn es illusorisch wäre, zu glauben, wir könnten die Stadt zur Arche Noah machen für Arten, die ausserhalb der Stadtgrenzen an den Rand ihrer Existenz oder darüber hinaus gedrängt werden, sollten wir die Stadtnatur nicht unterschätzen. Und ihr den Raum geben, der ihr gebührt. Als Stadtplaner, als Architektin – und als Stadtbewohner.

Text: Pia Stadler