Editorial

Achtung Masslosigkeit!

Was macht mich süchtig? Was macht mich abhängig? – Was macht mich unfrei? – Diesen Fragen muss sich jeder Mensch immer wieder stellen.

Aus fachlich-medizinischer Sicht ist es sicher sinnvoll, den Suchtbegriff nicht in die komplette Beliebigkeit zu erweitern. Aus persönlicher Sicht ist es dennoch heilsam, den selbstkritischen Blick nicht auf die klassischen Suchtmittel zu beschränken.

Und da helfen mir doch tatsächlich die verpönten sieben Todsünden erstaunlich weit. Ihnen allen ist nämlich die Masslosigkeit gemeinsam. Wenn ich also spüre, dass ich jedes Mass verliere, dann wache ich hoffentlich gerade noch rechtzeitig auf.

Je tiefer ich in Masslosigkeit verfalle, desto exklusiver sehe ich nur noch dieses Eine, um das sich nun alles dreht. Mein Horizont verengt sich, meine Wahrnehmung wird eingeschränkt, ich blende die Umwelt aus, meine Empfänglichkeit wird reduziert. Bis ich mit meiner Masslosigkeit ganz allein bin.

Dann wird mir das, was ich einst als Genuss erlebt habe, schlecht bekommen. In der Masslosigkeit wird selbst aus einem Segen ein Fluch. Sogar masslos zu lieben, ist ungesund.

Ich bin überzeugt, dass Spiritualität und Glaube zur Bekämpfung meiner Masslosigkeit beitragen können. Genauso sicher bin ich aber auch, dass auch eine masslose Spiritualität, die selbstsüchtig nur noch um sich selbst kreist, krank macht. Wer die Masslosigkeit fürchtet, der hüte sich auch vor einem masslosen Glauben.

Text: Thomas Binotto