Synodalrat

«Etwas wagen lohnt sich»

Nach drei Amtsperioden verabschiedet sich Synodalrätin Ruth Thalmann – zusammen mit Zeno Cavigelli und André Füglister.

Kinder lassen Riesen-Seifenblasen schweben, Erwachsene sitzen in den Cafés vor den Viaduktbögen. Bunt und fröhlich präsentiert sich die Josefswiese an diesem Sommertag. Bunt und lebendig wie die Projekte, welche Ruth Thalmann in den vergangenen zwölf Jahren als Synodalrätin betreut hat. Der Caritas-Laden unter dem Viaduktbogen C ist eins ihrer «Herzensprojekte». Auf der Josefswiese hat schon die Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende gefeiert, eine jener Stellen, deren Mitarbeitende «stille Schaffer sind und viel bewirken», wie auch die DFA (kirchliche Fachstelle bei Arbeitslosigkeit), das Telefon 143 der «Dargebotenen Hand» oder «kabel» für Lehrlinge. «Es war faszinierend, zu sehen, was alles hinter diesen von der Kirche unterstützen Projekten steckt. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden, sie sind wirklich nötig.»

«Ich bin ein Glückspilz», sagt Ruth Thalmann – und das sowohl rück- wie auch ausblickend. Als Kirchenpflegepräsidentin habe sie beim Erarbeiten der neuen Kirchenordnung mit der damaligen Zentralkommission – heute Synodalrat – zu tun gehabt und zu ihrem Mann gesagt: «Das wäre ein Traum, mich hier zu engagieren.» Wenige Monate später kommt ein Telefon, die Synoden-Fraktion Oberland wollte sie in die Zentralkommission schicken, die sonst nur aus Männern zusammengesetzt geblieben wäre. «Das war im August – im September wurde ich gewählt.» 

Als Erstes wird ihr das Projekt «Jugendkirche» vorgestellt. Der Start des Projektes hatte in Kürze Schiffbruch erlitten. Es lag an ihr, das Ganze zu begraben oder neu aufzugleisen. Sie arbeitet sich in die Materie ein und überlegt: «Es geht um unsere Jugend, um ein zukunftweisendes Projekt. Manchmal muss man etwas wagen, auch wenn wir nicht wissen, wie es herauskommt.» Ihre ersten zwei Amtsperioden, insgesamt acht Jahre, hat sich Ruth Thalmann für dieses Projekt engagiert: zuerst im Ladenlokal an der Cramerstrasse, dann im Neubau unter dem Namen «jenseits im Viadukt» in den Bögen 11 und 12 – auch deshalb sind wir heute auf der Josefswiese. «Schon vor zehn Jahren sprachen sie im ‹jenseits› von Nachhaltigkeit und Foodwaste und setzten entsprechende Projekte um. Auch bei spirituellen Angeboten sind sie manchmal Vorreiter oder provozieren. Das ist gut so, denn das eine oder andere können wir dann übernehmen.» Oft musste sie auf kritische Fragen des Kirchenparlamentes antworten, welches das Geld sprechen musste. Da kam ihr zugute, dass das, was sie sagt, jeweils wohlüberlegt ist und «Hand und Fuss hat», wie ihr beim Abschied in der Synode bescheinigt wurde.

Bereits wartet der nächste Traum auf seine Verwirklichung. Seit ihrer Primarlehrerinnen-Ausbildung wollte Ruth Thalmann in einer kleinen Bergschule unterrichten. Und wo startet sie nach den Sommerferien? In Sternenberg, bekannt aus dem Gnädinger-Film und nahe ihrem Wohnort Bauma. Die Stelle sei wie ein Sechser im Lotto, freut sie sich. Bunt und lebendig, wie sie es liebt.


Spannende und herausfordernde Odyssee

Dichte und ehrliche Kommunikation ist laut Zeno Cavigelli – 12 Jahre Synodalrat – Voraussetzung für jede Zusammenarbeit.

forum: Was war die grösste Herausforderung Ihrer Amtszeit?
Zeno Cavigelli: Die grösste Herausforderung stellte für alle Beteiligten der Neubau an der Pfingstweidstrasse mit dem mehrjährigen erzwungenen Baustopp dar. 2009 bis 2015 war es das dominante Projekt in meinem damaligen Ressort «Bauwesen und Liegenschaften». Wir sollten auch die Vorgeschichte dieses Neubaus mit einer ganzen Reihe von Versuchen, die Paulus-Akademie neu und besser zu platzieren, sowie die gegenwärtige Phase, wo es darum geht, das Gebäude als gastfreundliches und leistungsfähiges Haus fertigzustellen und in Betrieb zu nehmen, betrachten: Für mich persönlich kommen da etwa zwei Jahrzehnte einer spannenden und herausfordernden Odyssee zusammen – mit einem in der Summe und in unzähligen Einzelereignissen positiven Ergebnis.

Was hat Ihnen besonders Freude gemacht?
Sehr befriedigend war die Arbeit im Team, in den letzten vier Jahren mit dem Kommunikationsteam, vorher mit der Liegenschaftenkommission und im Bauausschuss. In allen diesen Teams kann man sich auf eine hohe Professionalität und auf den guten Willen aller verlassen. Mit der Liegenschaftenkommission durchforsteten wir zusammen mit Externen unsere eigenen Liegenschaften und ihre Stärken und Schwächen, der Bauausschuss steht in regem Kontakt mit den Bauverantwortlichen der Kirchgemeinden.
Die Zusammenarbeit mit Ordensgemeinschaften, mit den andern Konfessionen und Religionen hat in den letzten Jahren an Leben zugelegt. Das lässt doch trotz gelegentlichen Rückschlägen hoffen. Voraussetzung ist eine dichte und ehrliche Kommunikation untereinander.

Was nehmen Sie mit von der Zeit als Synodalrat?
Man kann lernen, mit Misserfolgen zu leben. Aber das blüht allen irgendwann. Bleiben werden sicher besondere Beziehungen, sowohl zu Menschen in der Kirche als auch z. B. zu Kulturschaffenden. Und es gibt doch Spuren der Hoffnung für die römisch-katholische Kirche.


Staatsschiff und Arche

Nach vier Jahren als Synodalrat verabschiedet sich André Füglister – ganz Altphilologe – mit einer Allegorie.

«Seit alter Zeit vergleicht der Mensch die Geschicke einer Stadt oder eines Volkes mit einer Seefahrt: Ein gubernator (Steuermann) weiss und hält die Richtung, die Übrigen leisten Dienste an Bord oder sind Passagiere. Das Ziel kann geografischer oder wirtschaftlicher Art sein; falls es erreicht wird, kann man es durch Karteneinträge oder Wirtschaftsstatistiken dokumentieren. Aus dem gubernator wird ein Gouverneur.

Unsere Kirche ist in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Vom Schiff erzählen auch unsere Schriften, von der Arche bis zum zweimaligen Schiffbruch des Apostels Paulus. Über den Steuermann schweigen sie freilich, ausser im Falle des Versagens. Ein Ziel wird weder für die Arche noch auf dem See Genesareth bestimmt. Das Schiff der Gläubigen bewegt sich auf dem risikohaften Strom der Geschichte, ohne dass jemand weiss, wohin dieser führt. Es dümpelt aber nicht dahin, sondern seine Besatzung ortet Gefahren und umschifft sie, es trägt die Schwachen und nimmt Gefährdete an Bord; es ist der Stolz der Mutigen und Rettung ist sein genereller Auftrag.

Was steht in seinem Logbuch für die Jahre 2015 bis 2019? Die Gottesdienstbesucher haben Zuversicht gewonnen, Kranke wurden getröstet, Gefangene besucht, Bedürftige unterstützt. Wir haben mit Andersdenkenden geredet und Fremde aufgenommen, wir haben gebaut und neue Verkünder des Glaubens ausgebildet. Der Bergpredigt Genüge zu tun, wird kaum je gelingen, aber sie war unser Kompass. Unsere Sorge bleibt, dass immer weniger junge Menschen an Bord kommen. Kyrie eleison!»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

Angebot laufend

Zeno Cavigelli ist seit 2007 im Synodalrat (zuerst mit dem Ressort Bauwesen und Liegenschaften, seit 2015 Kommunikation und Kultur) und arbeitet als Pastoralassistent im Seelsorgeraum Dübendorf-Fällanden-Schwerzenbach.

Angebot laufend

André Füglister war 2011–2015 Präsident der Synode, des Parlaments der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Im Synodalrat war er 2015–2019 für das Ressort Bildung zuständig. Vorher unterrichtete er am Gymnasium Latein, Griechisch, Wirtschaft und Recht sowie Informatik.