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Kopieren und pervertieren

Von der frommen Sprache der Politik und der kriegerischen Sprache der Religion.

Man nehme ein bekanntes biblisches Wort, beispielsweise «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen» (Matthäus 7,16), ersetze «Früchte» durch «Worte», und fertig ist die bibeltümelnde Schlagzeile. Genauso – und raffinierter – nimmt der gewiefte Staatsmann die Religion in seine Dienste. Genauso – und raffinierter – macht sich der kämpferische Theologe die Erkenntnisse des Militärs zu nutze.
«Liebi Fraue und Manne», diese einst harmlos alltägliche Anrede wurde zum Signet Christoph Blochers, zur Chiffre für ein mit Pathos vorgetragenes Glaubensbekenntnis von fast schon paulinischem Ausmass. Blochers Vorbild Winston Churchill hat an den Rand seiner Konzepte für Parlamentsreden jeweils das Kürzel «Fit A.G. in!» gesetzt. Für den Adjutanten, der die Rede dann ausformulieren musste, bedeutete das: «Fit All-powerfull God in!» – Sinngemäss: «Sorg für religiöses Ambiente und erhabenes Pathos!»
Und kein geringerer als der Kirchenvater Augustinus hat den Begriff vom «militanten Christen» geprägt: «Steht die Fähigkeit des beredten Vortrags, die beim Überzeugen vom Unrechten wie vom Rechten das Meiste vermag, beiden Seiten zur Verfügung, warum eignen die Guten sie sich nicht voller Eifer an, damit sie Kriegsdienst leiste für die Wahrheit, wenn doch die Schlechten sie in der Verfechtung verdrehter und windiger Sachen zum Nutzen der Ungerechtigkeit und des Irrtums ausnutzen?!»

Militär trifft Glaube
Napoleon gab vor dem Staatsrat zu Protokoll: «Ich habe den Krieg in der Vendée beendet, indem ich katholisch wurde, in Ägypten habe ich dadurch Fuss gefasst, dass ich mich zum Mohammedaner machte, und die italienischen Priester gewann ich, indem ich ultramontan wurde. Wenn ich über das jüdische Volk herrschte, würde ich den Salomonischen Tempel wiederaufbauen lassen.»
Der Ordensgründer Ignatius dagegen beschreibt in seinen Exerzitien, wie man sich unter dem Banner des höchsten Heerführers Jesus zu versammeln habe. Seine Anleitungen zum geistlichen Leben nehmen fast alles vorweg, was wir glaubten, mit dem autogenen Training entdeckt zu haben, und ergänzt es durch die Erkenntnis, dass militärischer Drill nicht schaden kann – ein Trainingsprogramm für kirchliche Spitzenathleten. Ignatius  war es übrigens auch, der etwas erfunden hat, was wir allgemein für genuin militärisch halten, den Kadavergehorsam. Seinen Ordensmitgliedern befahl er gegenüber ihren Oberen unbedingten Gehorsam, als «wären sie ein Leichnam, der sich überallhin tragen und auf jede Weise behandeln lässt».

Uralte Wechselwirkung
Was war zuerst: Machtansprüche religiös zu verbrämen oder Wahrheitsansprüche gewaltsam durchzusetzen? Diese Frage wird nie zu beantworten sein. Schon in der Bibel werden mal Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet und dann wieder Pflugscharen zu Schwertern. Noch heute tragen Päpste Insignien, die einst für den römischen Kaiserkult «erfunden» wurden.
Die Kreuzzüge wurden mit dem Ruf «Dieu le veut» propagiert. Aber auch das war nur scheinbar eine rein kirchliche Angelegenheit. Dahinter verbarg sich religiöses Sendungsbewusstsein genauso wie gierige Eroberungsgelüste.
Für eines der düstersten Kapitel der Aneignung und Pervertierung christlichen Gedankenguts steht der Nationalsozialismus. Victor Klemperer spricht von der «furchtbaren Prostituierung der Evangeliensprache». Einer von unzähligen Belegen dafür stammt von Hermann Göring, der jubelte: «Wir alle, vom einfachen SA-Mann bis zum Ministerpräsidenten, sind von Adolf Hitler und durch Adolf Hitler!» Inhaltlich wie rhetorisch bediente er sich ungeniert im Römerbrief und der katholischen Liturgie. Oder ein Schuldiktat von 1934, in dem es zu schreiben galt: «Wie Jesus die Menschen von der Sünde und Hölle befreite, so rettete Hitler das deutsche Volk vor dem Verderben. Jesus und Hitler wurden verfolgt, aber während Jesus gekreuzigt wurde, wurde Hitler zum Kanzler erhoben. [...] Jesus baute für den Himmel, Hitler für die deutsche Erde.»

Katholische Propaganda
Es war Papst Gregor XV., der die katholische Propaganda offizialisiert hat. Am 22. Juni 1622 gründete er die «Sacra Congregratio de Propaganda Fide» zur Verbreitung des katholischen Glaubens. Immerhin gab er damals an, die Waffen des Krieges durch jene der Rhetorik ersetzen zu wollen: «Sanfte und liebevolle Mittel wie Predigt, Belehrung, Ermahnung, Gebet, Fasten, Almosen, Sakramente, Bitten und Tränen, ohne Geräusch und mit sanftem Schweigen.» Aber schon in der Gründungsbulle schlägt Gregor Töne an, von denen der Schritt zurück zum Krieg nicht mehr weit war: «Wo aber im Abendland durch Unsere Schuld der böse Feind nach dem guten Samen den Unglauben ausgestreut hat, da ist diese unselige Saat schon so hochgeschossen, dass zahlreiche Seelen verdorben und dem Reiche Christi ganze Provinzen entrissen und unter die Herrschaft des Bösen gebracht worden sind.»
Gegründet wurde das vatikanische Propagandaministerium, um den Protestantismus zu bekämpfen. Natürlich taten das die Theologen in ihren gelehrten Schriften längst, aber jetzt ging es darum, dieses Gedankengut unters Volk zu bringen. Wie aber sollte das gelingen? Durch das Singen von Liedern! Beispielsweise von «In gotes namen fara wir», das ursprünglich bei der Abreise zu den Kreuzzügen gesungen wurde, also schon propagandistisch wirkte, bevor noch der Begriff dafür erfunden war. Dieser Kreuzzugsruf, eines der ersten volkstümlichen Kirchenlieder überhaupt, wurde von den Reformatoren nicht etwa abgelehnt, sondern für ihre Zwecke umfunktioniert. Indem sie die bekannte Melodie mit einem neuen Text unterlegten, schufen sie einen eigentlichen Protest(anten)song, was wiederum die Fantasie der katholischen Gegen-Propaganda zum einprägsamen Slogan «halt rein die Kirch von falscher Lehr» anregte – und der hat sich bis vor wenigen Jahren im Katholischen Kirchengesangbuch halten können.

Musterschüler USA
Dass Anverwandlung oft schneller zum Ziel führt als Frontalangriffe, das haben später auch die französischen Revolutionäre und die Gründerväter der USA erkannt. Ihnen verdanken wir die Zivilreligion und damit etwas, was heute noch kaum wahrgenommen wird und doch viel wirkungsmächtiger ist als die Säkularisierung der Religion: Die Sakralisierung der Politik. – Mit Churchills Worten: «Fit A.G. in!»
Ein historisches Ereignis, das als Symbol für die Sakralisierung der Politik stehen könnte, ist die Selbstkrönung Napoleons. Zwar gehörte der Papst noch zu den geladenen Gästen, aber er, der einst die Erde in eine spanische und eine portugiesische Hemisphäre einteilen konnte, hatte als Legitimator der Mächtigen abgedankt.
Heute wird die Sakralisierung der Politik in der westlichen Welt nirgends deutlicher als in den USA. Und ganz besonders nach 9/11. (Bereits das Weglassen der Jahrzahl ist im Grunde eine Form der Sakralisierung.) Auf den Dollarnoten steht zwar «In God we trust», aber die eigentliche Religion des Amerikaners ist Amerika selbst ist, oder um es zivilreligiös zu sagen, der «american way of life». Und das sind sie, die Merkmale sakralisierter Politik:

Auserwählung: Auf der Eindollarnote steht zu lesen: «Novus ordo seculorum». Ausgerechnet lateinisch wird damit verdeutlicht, dass der weltumspannende Segen, der einst – und für ein paar unentwegte Katholiken noch heute – «Urbi et orbi» hiess, nun von den USA gespendet wird. Sie sind der Garant für die neue Weltordnung, von der schon 1787 James Madison überzeugt war, dass sie nirgendwo anders, wenn überhaupt gelingen könne. Selbst wenn in Hollywoods populären Actionfilmen die ganze Welt bedroht sein mag, die Erlösung von dem Bösen ist eine amerikanische Angelegenheit, und wenn sich jemand schart, dann die ganze Welt hinter dem amerikanischen Präsidenten.

Sendungsbewusstsein: Den Krieg in Afghanistan und im Irak führten die USA stellvertretend für alle Nationen, ja sogar für die Afghanen und Iraki selbst. Wie schon Woodrow Wilson, der 1917 von einem «Kreuzzug für die Freiheit» sprach und davon, diesen Krieg für die Freiheit aller Nationen einschliesslich der Deutschen zu führen, hat auch George W. Bush unaufhörlich betont: «Dies ist nicht nur ein Kampf Amerikas. Und es geht hier nicht nur um die Freiheit Amerikas. Dies ist der Kampf der gesamten Welt.»
Und William Gladstone sagte: «Bedenket, dass das Leben in den Dörfern Afghanistans auf schneebedeckten Bergen in den Augen des allmächtigen Gottes heilig und ebenso unverletzlich ist, wie das eure nur sein kann. Bedenket, dass Er, der euch als menschliches Wesen aus demselben Fleisch und Blut geschaffen hat, euch auch das Gesetz der Nächstenliebe gegeben hat, dass dieses Gebot der Nächstenliebe nicht an den Gestaden dieser Insel seine Grenzen findet!» Allerdings war Gladstone kein republikanischer Abgeordneter des Kongresses, sondern ein englischer Parlamentarier, der 1879 mit diesem Votum für die militärische Intervention der Engländer in Afghanistan warb. Selbst die Auszeichnung Barack Obamas mit dem Friedensnobelpreis passt in dieses Schema. Zwar wurde hier der Kriegsgott durch den Friedensengel ersetzt – der Anspruch jedoch bleibt global.

Mission: In den Krieg zieht man nur mit den hehrsten Motiven im Gepäck. Wörter wie «Rache» oder «Vergeltung» werden von Politikern im Zusammenhang mit Kriegen tunlichst vermieden. Nochmals George W. Bush: «Uns ist grosser Schaden zugefügt worden. Wir haben einen grossen Verlust erlitten. Und in unserer Trauer und Wut haben wir unseren Auftrag und unsere Bewährungsprobe gefunden. Freiheit und Furcht führen Krieg. Die Verbreitung der menschlichen Freiheit – die große Errungenschaft unserer Zeit und die grosse Hoffnung jeder Ära – hängt jetzt von uns ab. Unsere Nation – diese Generation – wird unsere Menschen und unsere Zukunft von einer dunklen Bedrohung durch Gewalt befreien.»

Sinnsprüche: Franklin D. Roosevelt war ein Meister der Losung. In seinen legendären Radioansprachen an das amerikanische Volk wimmelt es von einprägsamen Merksprüchen. Sentenzen wie «Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst» erinnern nicht zufällig an die berühmteste Merkrede aller Zeiten, an die Bergpredigt.
Was griffig formuliert ist, das repetiert sich gerne und zeigt so jene Wirkung, die 1937 in einem Lehrbuch für Prediger folgendermassen beschrieben wurde: «Der Mensch ist eine Gummimasse. Er nimmt Eindrücke ebenso leicht auf, als er sie wieder verliert. Man rechne eben mit dieser Gegebenheit und hämmere darauflos. Immer wieder. Mit dem gleichen Hammer auf die gleiche Stelle. Mögen immer die Menschen wie Gummi sein! Das ewige Hämmern wird doch einmal Wirkung tun. Bleibende Wirkung.»

Symbole: In der hinreissenden Politsatire «Wag the Dog» wird ein Krieg dadurch popularisiert, dass man starke Symbole kreiert und einen Gänsehaut erzeugenden Song komponiert. Genau das tat auch Georg W. Bush, als er in seiner Rede vor den beiden Häusern des Kongresses eine Polizeimarke hervorholte und den Abgeordneten mit folgenden Worten zeigte: «Und ich werde dies bei mir tragen. Es ist die Polizeimarke eines Mannes mit dem Namen George Howard, der beim Versuch, anderen zu helfen, am World Trade Center starb. Ich habe sie von seiner Mutter, Arlene, bekommen, als stolzes Andenken an ihren Sohn. Dies ist mein Andenken an Leben, die zu Ende gingen, und an eine Aufgabe, die nicht zu Ende geht.»

Sinnstiftung: Die USA bezeichnen sich selber gerne als «one nation under God» und bringen damit zum Ausdruck, was Sidney E. Mead als «eine Nation mit der Seele einer Kirche» bezeichnet hat. Am originellsten hat dieses Credo Franklin D. Roosevelt in ein einziges Wort gefasst: «Interdependence», was «Voneinander-abhängig-sein» bedeutet und gleichzeitig das Wort «Independence», also Unabhängigkeit, einschliesst. Selbst Tragödien wie jene vom 11. September zeigen sinnstiftende Wirkung, indem sie die Nation näher zusammenrücken lassen. Noch einmal George W. Bush: «Wir haben gesehen, wie Flaggen gehisst, Kerzen angezündet, Blut gespendet und gebetet wurde - auf Englisch, Hebräisch und Arabisch. Wir haben das Mitgefühl eines liebevollen und hilfsbereiten Volks gesehen, das den Schmerz von Fremden zu seinem eigenen machte.»

Gottgewollt: Ob es einen gerechten Krieg gibt, hat sich Augustinus einst gefragt, und zur Antwort gegeben: «Die Ungerechtigkeit des Feindes nötigt den Weisen, gerechte Kriege zu führen.» Thomas von Aquin hat später die Gründe weiter ausformuliert, die einen Krieg zu einem gerechten machen: Legitimität des Kriegsführenden, Angriff des wirklich Schuldigen und die Verhinderung von etwas Schlechtem oder das Erreichen von etwas Gutem.
Während die katholische Kirche heute offiziell nicht mehr vom gerechten Krieg, sondern nur noch von legitimer Verteidigung spricht, war sich George W. Bush immer sicher: «Wir wissen, dass Gott nicht neutral zwischen ihnen steht.» Und er fährt fort: «In allen Dingen, die vor uns liegen, hoffen wir darauf, dass Gott uns Weisheit gibt und die Vereinigten Staaten von Amerika schützt.»
Einen Krieg damit zu rechtfertigen, dass man Gott als Verbündeten benennt, ist wahrscheinlich so alt wie der Krieg selbst. Kaiser Wilhelm II. sprach vom «grossen Alliierten, der noch nie die Deutschen verlassen hat». Und der spanische Dikator Franco war überzeugt: «Der Krieg ist leichter, wenn man Gott zum Verbündeten hat.»
Bezeichnenderweise werden jedoch nur die Siege als gottgewollt betrachtet und niemals die Niederlagen. Die Gottergebenheit, sich in die Entmachtung zu schicken, hält sich bei Machthabern jeglicher Couleur in engen Grenzen. In Europas Kriegen wurden jeweils hüben wie drüben die Kanonen im Namen desselben Gottes gesegnet. Dass es dann aber doch immer Sieger und Besiegte aber nur selten Unentschieden gab, wurde weder als empirischer Beweis für die Nichtexistenz Gottes noch für sein Desinteresse am Kriegswesen gedeutet.

Gehorsam: Wenn es um den Kampf zwischen Gut und Böse geht, gibt es keine Halbheiten. George W. Bush hat nach dem 11. September mehrmals unmissverständlich klargemacht, dass man in der nun bevorstehenden Auseinandersetzung «entweder für uns ist, oder auf der Seite der Terroristen».
Und weil niemand auf der Seite der Terroristen sein will, erzwingt Bush damit praktisch die unbedingte Gefolgstreue. Solche Entweder-Oder-Situationen zu schaffen, wird auch in der katholischen Kirche oft als Disziplinierungsmittel verwendet. Man folgt dabei einem fatalen Dreisatz: Kritik in der Sache ist Kritik am Amtsträger. Kritik am Amtsträger ist Kritik am Amt. Ergo: Wer in einer Sachdiskussion Kritik äussert, wendet sich gegen die kirchlichen Strukturen.

Definitionsmacht: Als Gott Adam und Eva damit beauftragt hat, die Wesen der Schöpfung zu benennen, war das ein Akt der Machtübertragung und -abtretung. Einer Sache ihren Namen zu geben, bedeutet auch, sie zu beherrschen. Das ist im Märchen so, wenn Rumpelstilzchen in dem Moment besiegt ist, wo jemand seinen Namen errät. Und es ist im Krieg nicht anders, den man benennt, um ihn als den seinen zu markieren, ihn zu beherrschen, selbst über Anfang und Ende zu entscheiden. «Infinite Justice» heisst der Krieg in Afghanistan, «Desert Storm» jener am Golf – und es ist wohl kein Zufall, dass da ein Hauch von biblischer Ewigkeit durch die Geschichte weht.

George W. Bush ist nach wie vor ein dankbares Objekt, um die Benutzung religiöser Sprache und Symbolik durch die Politik zu illustrieren. Aber Barack Obama versteht diese Kunst genauso gut, selbst wenn dies öffentlich viel weniger kritisch gewertet wird, weil er es für die «richtige» Sache tut und als «Friedensengel» den «Kriegsgott» ersetzt hat. Ihm gegenüber steht nun die «Tea Party»-Bewegung, die ihr Handwerk ebenfalls beherrscht. Die gegenwärtige politische Auseinandersetzung in den USA wird deshalb mit Sicherheit auch ein Kampffeld der religiös unterfütterten Rhetorik sein. Am Schluss dürfte allerdings in jedem Fall sowohl für die Kirche wie für die Politik der biblische Originalton gelten: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Erstmals erschienen 2010 im forum Nr. 24

Text: Thomas Binotto