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Schnelle Lösungen sind Teil des Problems

Schokoladesucht, Seriensucht, Sammelsucht – der Katalog ist lang. Kann Sucht jeden treffen? Sind wir gar eine Gesellschaft von Süchtigen?

Zu den altbekannten Abhängigkeiten von Alkohol, Heroin oder Tabak kommen immer wieder neue dazu, wie Handy-, Ess- oder Sportsucht. Auch der exzessive Wunsch nach Selbstoptimierung durch Schönheitsoperationen oder Computerprogramme ist weit verbreitet.

Tatsächlich hat «Sucht» im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel durchlaufen: Aus einer Symptombezeichnung im 19. Jahrhundert – man denke an Schwind- oder Fettsucht – wurde ein komplexes Krankheitsbild. Durch alle Zeiten geblieben ist die Verknüpfung des Begriffs mit Masslosigkeit, mit dem «Mehr-als-einem-gut-tut». Nur, wo ist die Grenze zwischen Gewohnheit und Abhängigkeit? Zwischen harmlosem Genuss und krank machender Masslosigkeit?

Ob ein Verhalten im Bereich des Normalen liegt oder nicht, hängt laut der Weltgesundheitsorganisation WHO von verschiedenen Kriterien ab. Zu diesen zählen einerseits die Intensität, Häufigkeit, Dauerhaftigkeit, Schädlichkeit und Steigerung des Konsums; andererseits auftretende Entzugserscheinungen bei Abstinenz.

Alkoholkonsum,

Alkoholkonsum, Foto: Simone Juon, Quelle: suchtschweiz.ch

Tabakkonsum,

Tabakkonsum, Foto: Simone Juon, Quelle: suchtschweiz.ch

Mediennutzung,

Mediennutzung, Foto: Simone Juon, Quelle: suchtschweiz.ch

Geldspiel,

Geldspiel, Foto: Simone Juon, Quelle: suchtschweiz.ch

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Solche Kriterien mögen hilfreich sein, um Standards für den Vergleich zu erhalten. Doch der St. Galler Psychiater und Suchtspezialist Walter Heuberger betont: «Die Grenze von Gewohnheit zu Abhängigkeit ist individuell und fliessend.» Zeichen für eine Abhängigkeit könne beispielsweise sein, dass die betroffene Person selbst das Verhalten als problematisch einstuft, oder dass sie von Dritten darauf angesprochen wird. «Allerdings», räumt Heuberger ein, «zur Sucht gehört oft auch das Leugnen des problematischen Verhaltens. Der Süchtige ist überzeugt, dass er jederzeit aufhören kann.» Süchtige, die in die Behandlung kommen, leiden deshalb meist schon an einer ausgeprägten Sucht. Das heisst, dass körperliche und psychische Symptome zu Funktionseinschränkungen bei der Arbeit und zum sozialen Rückzug geführt haben.

Ursachen von Suchtverhalten
Die Ursachen von Suchtverhalten sieht Heuberger differenziert: «Oft liegen tieferliegende Schwierigkeiten wie Stress, Angst, problematische Familienverhältnisse oder Schicksalsschläge zugrunde.» Menschen in solchen Notlagen seien grundsätzlich anfälliger für Suchtverhalten. Als weitere Ursachen zählt Heuberger kindliche Prägungen, biologische Anlagen sowie die Kultur, in der eine betroffene Person lebt, auf.

In der Forschungsarbeit von «Sucht Schweiz», dem Kompetenzzentrum für Suchtfragen, sieht man das wie Heuberger und definiert Abhängigkeit deshalb als Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Individuelle Voraussetzungen einer betroffenen Person beeinflussen demnach die Entwicklung von Suchtverhalten ebenso wie das soziale Umfeld und die Verfügbarkeit einer Droge beziehungsweise, wie bei der Spielsucht, die
Gelegenheit.

Eine Sucht entwickelt sich also im Dreieck von Umwelt, Individuum und Substanz beziehungsweise Gelegenheit. Deshalb ist Walter Heuberger überzeugt: «Süchtige spiegeln die Gesellschaft.» Um das zu verdeutlichen, zieht er den Vergleich zur Konsumgesellschaft, in der man abhängig ist vom Erdöl und vom stetigen Wirtschaftswachstum. Und weiter: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der Bedürfnisse schnell durch Konsum gestillt werden.» Demgegenüber kämen aber die existenziellen philosophischen Bedürfnisse der Menschen zu kurz.

Die Rolle der Gesellschaft
Die Forschung ist sich heute einig: Suchterkrankungen basieren auf dem Mechanismus, für jedes Problem eine rasche Lösung bereitzustellen. Als besonders fragwürdig taxiert Heuberger deshalb die Tendenz in unserer Gesellschaft, Befindlichkeitsstörungen sofort mit einem entsprechenden Medikament – und seien es nur ein paar Globuli – aus der Welt schaffen zu wollen. «Anstatt eine gewisse Frustrationstoleranz zu entwickeln, lernen bereits Kinder, dass bei Schwierigkeiten oder schlechten Gefühlen die richtige Substanz diesem Zustand abhilft.»

Ähnlich sieht das auch Silvia Steiner, Fachfrau für Prävention bei «Sucht Schweiz». Sie betont, dass Suchtprävention bereits im Kleinkindalter beginne, indem Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit und Lebenskompetenz gefördert würden. «Kinder, die lernen ‹Nein› zu sagen, können sich besser dem Gruppendruck wiedersetzen.»

Für wichtig hält sie zudem, dass Eltern gerade in der kritischen Phase der Pubertät mit ihrem Nachwuchs im Dialog bleiben, Grenzen setzen und auch durch ihr Vorbild wirken. Verharmlosungen wie «Es kiffen, rauchen, trinken ja eh alle» oder «Heute sind ohnehin alle immer online» seien erwiesenermassen suchtfördernd. Für die Präventionsexpertin ist zudem klar, dass wirksame Rahmenbedingungen auf politischer Ebene durchgesetzt werden müssen: «Hohe Preise, Werbeverbote für Suchtmittel und Altersbeschränkungen zeigen nachweislich Wirkung.»

Suchtverhalten verlernen
Wie aber gestaltet sich die Hilfe für Abhängige? «Suchtverhalten kann verlernt werden», ist Walter Heuberger überzeugt. Dazu müssten Betroffene aber etwas Neues lernen, nämlich mit Frustration umzugehen und mit ihren positiven wie negativen Gefühlen zu leben. In der Therapie stellten sich Betroffene ihren existenziellen Bedürfnissen. Insbesondere gehe es um die Frage: Was ist nötig für ein gelingendes Leben? Auch Gruppengespräche haben einen festen Platz in der Behandlung. Sie fördern die Solidarität unter den Betroffenen und die Einsicht: Ich bin nicht allein mit meinem Leiden. Aus seiner langjährigen Tätigkeit weiss Walter Heuberger aber auch: «Wir können nur Hilfe anbieten. Den Weg aus der Sucht muss jeder einzelne Mensch selber gehen.»

Text: Sibylle Zambon

Angebot laufend

Walter Heuberger ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 15 Jahren ist er in der Suchttherapie tätig und seit 2015 Oberarzt für Suchttherapie an der psychiatrischen Klinik in Wil SG. Dabei verfolgt er einen ganzheitlichen Ansatz, der Medikation, Einzel- und Gruppentherapie anwendet.

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Sucht Schweiz ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung. Sie wurde 1902 gegründet und hat ihren Sitz in Lausanne. Sie zählt aktuell 45 Mitarbeitende. Als nationales Kompetenzzentrum ist Sucht Schweiz in der Prävention, Wissensvermittlung und Forschung tätig und unterstützt betroffene Personen und Angehörige mit einem Beratungsdienst und Direkthilfe.

www.suchtschweiz.ch