Spiritualität ganz alltäglich

Stehen

Stefan Staubli, Pfarrer der Katholischen Pfarrei St. Peter und Paul Winterthur, zeigt auf, was das «Stehen» mit Spiritualität zu tun hat.

Stehen will gelernt sein. Dem Stehen geht bei jedem Menschen das Strampeln voraus. Und auf dem Weg zum Stehen bleibt niemandem das Hinfallen erspart. Später, wenn das Stehen längst keine Mühe mehr macht, fängt das persönliche Hinstehen an: für eine Sache oder für eine Beziehung, das verbindliche Zusammenstehen in einer Freundschaft zum Beispiel.

Jeder Mensch hat so seine «Aufsteller». Eben erzählte mir eine Frau, dass bei ihr nichts ohne Musik läuft. Immer wieder war und ist es die Musik, die sie auf die Beine bringt. Was lässt mich aufstehen? Was macht mir Beine? Interessant scheint mir die Beobachtung, dass Jesus im Evangelium wiederholt Menschen zuruft, sie sollten aufstehen. «Steh auf und nimm deine Tragbahre», sagt er zu einem Gelähmten. «Steh auf und komm heraus», wird er sogar zu einem Toten ins Grab hineinrufen. Ich kenne keine Stelle, wo Jesus einem Menschen gebietet, sich in einer Ecke zu verkriechen und endlich still zu sein. Zu schweigen, das befiehlt er bloss dem Sturm – worauf sich dieser legt und die Jünger im Boot aufatmen können.

Stehen will gelernt sein. Am schwierigsten ist wohl das Ver-stehen von anderen Meinungen und Positionen, wie auch das Ein-gestehen von eigenen Fehlern und Fehleinschätzungen. Mit anderen Worten: zu mir zu stehen! Oft sind wir uns selbst die ärgsten Feinde statt die besten Freunde. Ja, zu sich selbst zu stehen, das braucht viel. Manchmal muss der Körper arg mithelfen und erst einmal zusammenbrechen, bis wir es wieder wissen. Mein Körper erträgt es zum Beispiel gar nicht gut, allzu lange am selben Ort stehen zu bleiben. Dann bekomme ich schwere Beine und meine angeschlagenen Venen machen sich bemerkbar. So werde ich gleichsam gezwungen, mich zu bewegen oder mich einmal zu setzen – auf jeden Fall beim Treten nicht am Ort zu bleiben.

Dazu kommt mir das Lebenszeugnis eines gewissen Willibrord entgegen, der im achten Jahrhundert lebte und die hochberühmte Abtei Echternach gegründet hat. Als Erzbischof von Utrecht rief er zur sogenannten Springprozession auf, die sich bis heute grosser Beliebtheit erfreut. Was für ein Bild einer freudig bewegten Kirche, die sich nicht bloss brav im Kreise dreht oder bei den ewig gleichen Themen stehen bleibt! Glaubensfestigkeit zeigt sich nicht im Stillstehen, sondern in einem österlichen Aufstehen für das Leben – und gegen alles Todbringende.

Text: Stefan Staubli, Pfarrer Katholische Pfarrei St. Peter und Paul Winterthur