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Wegweiser

Noch trotzen unsere Wegweiser den Navigationsgeräten. Und noch sind wir dankbar, dass sie so unverrückbar analog in der Landschaft stehen. Gerade in den Ferien, sei es nun auf einer Wanderung durch unbekannte Landschaft oder auf der verwirrenden Pfadsuche durchs Strassenlabyrinth.

Was ein Wegweiser ist, das glauben wir alle zu wissen. Undurchschaubar kommt er uns selten vor. Ausser wenn er uns «Alle Richtungen» anzeigt. Aber selbst an der übersichtlichsten und eindeutigsten Weggabelung können wir über den Wegweiser und seinen Sinn ins Grübeln kommen. Wohin will er uns eigentlich führen? Wozu hält er uns an?

Der Wegweiser ist in seinem Wesen paradox: Er lässt uns anhalten, damit wir weitergehen. Der Wegweiser ist nicht unser Ziel, sondern ein Orientierungshalt. Er will uns eine Entscheidung ermöglichen – mehr noch, er verlangt sogar mit Nachdruck danach.

Die schwierigsten Kunden für einen Wegweiser sind deshalb jene Menschen, die sich immer alle Möglichkeiten offen- halten. Sie machen es dem Wegweiser unmöglich, seinen Auftrag zu erfüllen, weil sie vor ihm zum Stillstand kommen, anstatt weiterzugehen.

Nur solange sie stehen bleiben, erscheinen ihnen alle Wege offen. Kaum entscheiden sie sich für eine der Möglichkeiten, die ihnen der Wegweiser anbietet, schlagen sie andere Möglichkeiten aus. Jeder Entscheid vor dem Wegweiser führt zu mindestens einer Einschränkung. Wer den einen Weg geht, der geht den anderen Weg nicht.

Für Menschen, die sich nicht entscheiden, wird der Wegweiser zur Endstation. Sie erstarren in untätigem Stillstand. Und was ihnen zunächst als ein Wunschkonzert von Möglichkeiten erschienen ist, wird zu monotonem Grundrauschen. Es stimmt: Wer einen Weg wählt, verpasst damit immer einige Chancen. Aber wer sich krampfhaft alle Möglichkeiten offenlassen will, der verpasst sämtliche Chancen.

Der Einzige, der an einer Weggabelung stehen bleiben sollte, ist deshalb der Wegweiser selbst. Er hat seine Aufgabe erfüllt. Er kommt nicht mit. Er will uns nicht in eine bestimmte Richtung drängen. Er geht uns auch nicht voran.

Der bodenständige Wegweiser gibt uns lediglich vorläufige Ziele an. Wohin wir laufen, das liegt ganz bei uns. Nur eines möchte der Wegweiser mit aller Autorität erreichen: dass wir ihn verlassen. Deshalb weist er uns nicht nur den Weg – er weist uns auch weg.

Text: Thomas Binotto

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weisen

mittelhochdeutsch, althochdeutsch wīsen, zu weise, eigentlich = wissend machen