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«Alle können mitmachen»

Zürich feiert: 500 Jahre Reformation. Weil ohne sie in Zürich nichts so wäre, wie es ist, soll es ein Fest für alle sein. Res Peter, Pfarrer am Neumünster, über das Reformationsjubiläum und über das, was heute reformiert wird.

forum: Herr Peter, sind Sie auch schon müde vom Feiern des Jubiläums?
Res Peter: Keinesfalls! 500 Jahre Reformation, das ist eine Geschichte von Revolution und Erneuerung. Das ist ja wohl ein grosser Grund zu feiern. Natürlich ist es auch eine Erinnerung daran, dass wir von den Katholiken getrennt sind. Das fördert die Sehnsucht, dass wir irgendwann einmal wieder zusammenkommen.

Glauben Sie daran?
Ja. Ich hoffe einfach, dass es nicht erst passiert, wenn der Herr Jesus am Ende der Tage wiederkommt. Wir arbeiten ja weiter an der Ökumene. Vor über zwanzig Jahren haben Ruedi Reich, der Reformierte, und Peter Henrici, der Katholik, in Zürich gesagt: Es soll der Normalfall sein, dass die Kirchen zusammenarbeiten. Heute ist das selbstverständlich bei uns im Quartier. Und dennoch: Eigentlich müssten wir viel mehr machen – und könnten es auch.

Das Reformationsjubiläum hat viel geboten. Was hat Sie persönlich erreicht?
Der «Zwingli»-Film. Für mich ist es das nationale Ereignis im Reformationsjahr. Er bringt uns Schweizer zusammen. Das zeigt der Film ja auch: Zwingli wollte nicht trennen, er wollte reformieren.

Der katholische Bischof kommt darin ja nicht gut weg.
Das stimmt, der Bischof von Konstanz wird karikiert und muss die Rolle des Bösen spielen. Leider war es aber in Wirklichkeit wohl nicht viel anders.

Welches ist Ihre Lieblingsszene?
Am Anfang, als Zwingli zu Anna Reinhart kommt. Er sagt ihr, sie müsse keine Messe für ihren verstorbenen Mann lesen lassen, damit dieser in den Himmel komme. Da haben sich Menschen an das Evangelium erinnert, an das Menschliche.

Ist das der Kern des Evangeliums: das Menschliche?
Ja, ganz klar. Heute lebt das auch selbstverständlich in der katholischen Kirche.

Ausstellungen, Musik, Comics, ein Computerspiel: Gab es im Reformationsjubiläum etwas, das 
«typisch reformiert» ist?
Typisch reformiert ist sicher, dass das Jubiläum ein Prozess ist, an dem alle mitmachen können. Es gibt auch keine Zentrale, die die Parole durchgibt. Es ist einfach bunt und vielfältig. Die Kirche hat die Menschen der Stadt, der Schweiz und der Welt in einer Sprache angesprochen, die sie verstehen.

Was war die Botschaft?
Vielleicht die Ermutigung, sich nicht nur um sich selbst zu drehen. Es gibt die Gnade, ein Geschenk Gottes, das den Blick frei macht für den Nächsten. Das hat die Kirche einzubringen in die Gesellschaft, und das haben wir gemacht. Auf verschiedenen Kanälen.

Die Geldgeber dafür sind sicher kein Geheimnis?
Finanziert hat das die Landeskirche, zusammen mit der Stadt und Akteuren aus Kunst, Kultur und Tourismus. Im Detail kommt es auf das Projekt an. Diese Zusammenarbeit ist übrigens einzigartig.

Zwingli hat im Jubiläumsjahr eine grosse Rolle gespielt. Was hätte er vermisst?
Meiner Meinung nach klare Statements zu aktuellen politischen Themen. Zwingli hätte die Leute überzeugt, hinzustehen und zu sagen: Es ist Zeit für die Einhaltung der Menschenrechte, weltweit und in der Schweiz. Ich denke an die Konzernverantwortungsinitiative. An die Klimademonstrationen. An Flüchtlinge und Sans-Papiers.

Weniger Kunstgenuss und mehr politisches Engagement?
Beides. Noch genauer hinschauen und noch mutiger sein. Die Relevanz der Kirche beschränkt sich nicht auf Spiritualität. Die Menschen erwarten von uns, dass wir uns einsetzen.

Einsatz erwarten die Menschen auch, wenn es heute um Reformen innerhalb der Kirche geht. Manche sehen da ja eher einen Reformstau, auch bei reformierten.
Stau haben wir keinen – eher einen Reform-Stress. Ich meine damit, dass wir vieles verändert haben und es schnell gegangen ist. Immerhin sind 32 Kirchgemeinden in Zürich eine einzige geworden. Wir brauchen jetzt Seelsorge an den Strukturen.

Was meinen Sie damit?
Die Strukturen sind für die Menschen da. Was wir in einem langen Prozess erarbeitet haben, muss nun langsam greifen. Es ist wie ein Fluss, der fliesst, der aber richtig kanalisiert werden muss.

Ein grosser Fluss fliesst auch schnell und reisst manches mit. Wo sind Ängste da?
Die grösste Angst ist, dass die Menschen in den Pfarreien ihre konkreten Ansprechpersonen verlieren. Kirchliche Mitarbeitende, die sie kennen und die sie begleiten. Da müssen wir stark hinschauen und Wert darauf legen, dass das erhalten bleibt. Die persönliche Beziehung ist natürlich etwas vom Wichtigsten.

Was läuft zum Beispiel gut?
Unser Kirchenkreis 7 und 8 waren vorher vier Kirchgemeinden. Seit diesem Jahr sitzen die Sekretariatspersonen in einem Raum zusammen. Natürlich gab es anfänglich Schwierigkeiten und verschiedene Kulturen. Ich habe nachgefragt: Jetzt ist ein sachlicher, fachlicher und persönlicher Austausch möglich. So ist es viel besser als früher.

Neu gibt es eine einzige reformierte Kirchenpflege. Sie kandidieren als Präsident. Sind Sie so begeistert von dieser neuen Struktur?
Ja, weil sie ungeahnte Möglichkeiten bringt. Die Stadtbevölkerung darf abstimmen, ab 16 Jahren und auch Menschen, die nicht Schweizer sind. Es sind 60 000 Stimmberechtigte. Zu Zwinglis Zeiten durften die Bürger abstimmen, heute ist die Basis der demokratischen Entscheide breit. Das spannt für mich einen grossen Bogen zur Reformation.

Zurück zum Stichwort Reformation: Was wünschen Sie uns Katholikinnen und Katholiken?
Dass wir zusammen Abendmahl feiern können. Es tut mir jedes Mal weh, wenn ich nicht eingeladen bin, offiziell. Obwohl ich vor Ort immer eingeladen werde. Ich wünsche den Katholiken im Bistum Chur auch einen guten neuen Bischof, dieses Anliegen schliessen wir in unser Gebet ein. Ich wünsche mir, dass wir uns gemeinsam sozial engagieren. Dass wir uns einsetzen gegen Missbrauch. Was geschehen ist, ist grauenhaft, wir leiden mit den Katholiken. Dass wir uns stark machen für Gleichberechtigung und für einen anderen Stil zu leiten. Das betrifft ja beide Kirchen.

Was hat Zwingli erreicht, von dem wir in Zürich heute noch etwas haben?
Er hat die Sozialhilfe begründet. Er hat sich für Bildung eingesetzt: lesen und denken lernen. Vergessen Sie nicht, Lesen ist heute bei uns selbstverständlich. Beim selber Denken bin ich mir da nicht immer sicher. Zwingli war ausserdem einer, für den Religion und Vernunft zusammengehörten. Er hat mit den Bürgern gesprochen, er hat Demokratie gelebt. Das strahlt bis heute aus, selbst auf Gemeinschaften, die weniger demokratisch sind.

Text: Veronika Jehle

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Res Peter, Jahrgang 1964, ist reformierter Pfarrer am Zürcher Neumünster sowie Vizedekan des Pfarrkapitels Zürich. Er ist zudem Notfallseelsorger und stellvertretender Flughafenpfarrer. Res Peter lebt mit seiner Partnerin in einer Patchworkfamilie in der Stadt Zürich.