Langstrasse

Er suchte Zeitgeschichte und fand Menschen

Mit einem Magazin setzt ein junger Polydesigner zum Abschluss seiner Ausbildung den Menschen in der Langstrasse ein Denkmal.

Wer in der Schweiz eine Berufslehre macht, schliesst diese mit einer Vertiefungsarbeit ab. So auch Elio Müller. Doch der 20-jährige 3D-Polydesigner wusste, er wollte keine Arbeit für die Schublade schreiben, sondern etwas gestalten, an dem er auch in Zukunft noch Freude haben würde.

Das Thema fand Elio Müller sozusagen auf der Strasse – der Langstrasse. Sie faszinierte den Zürcher Unterländer, seit er zum ersten Mal den Fuss daraufgesetzt hatte: die unterschiedlichen Kulturen, denen man begegnet, die Freiräume, die es noch gibt, das pulsierende Nachtleben. Zugleich stellte er aber fest, wie sich das Strassenbild zu wandeln begann. Tatsächlich greift die Gentrifizierung von der Europa-Allee her auf den «Chreis Cheib» über, dessen Hauptschlagader die Langstrasse ist. Kleine individuelle Geschäfte weichen Filialen grosser Ladenketten, die Mieten steigen. Das Nachsehen haben all jene, die im Langstrassenquartier noch bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum fanden. Elio Müller ist sich sicher, dass es die Langstrasse, wie sie heute ist, bald nicht mehr gibt. Für ihn war klar: Dieser Strasse und ihren Menschen wollte er ein Magazin widmen, gleichsam eine Bestandesaufnahme in Wort und Bild.

Mit der analogen Kamera – auf Celluloid-Film – hat Elio Müller Stimmungen entlang der Langstrasse eingefangen.
Foto: Elio Müller

Für das Bild wählte Müller eine Minolta, und zwar eine der ersten vollautomatischen analogen Kameras. Ein Apparat also, mit dem man nicht einfach knipsen und digital nachbearbeiten kann. Nein, diese Kamera funktioniert mit dem guten alten Celluloid-Film. «Beim Abdrücken weisst du, jedes Bild kostet einen Franken fünfzig.» Warum dieses Risiko eingehen und nicht einfach digital fotografieren? Wegen des künstlerischen Anspruchs, so Müller. «Wer ganz bewusst fotografiert und auf die Bildkomposition achtet, kann mit der analogen Kamera Stimmungen einfangen, die man mit digitaler Technik nie erreicht.» Und schliesslich war da noch der Nervenkitzel: «Ob die Fotos gelungen sind, weisst du erst, wenn der Film entwickelt ist.»

Und das Wort? Das hatte sich der junge Polydesigner, der sich selbst als kommunikativ bezeichnet, einfacher vorgestellt. Mit Fremden über ihr Leben zu sprechen, erwies sich als unerwartete Herausforderung. «Ich habe dann eine Art Technik entwickelt.» Vorerst habe er die avisierte Person unauffällig beobachtet und sich gefragt: Hat sie Zeit oder ist sie im Stress? In welche Richtung könnte das Gespräch gehen? Einige klärte er von Anfang an auf, worum es ging. Bei andern brauchte es viel Gespür und Geduld. «Manchmal habe ich mich einfach neben Menschen gesetzt und mit Small Talk angefangen, dann das Gespräch allmählich vertieft, und schliesslich hatte ich eine Story.» Ein anderes Mal reagierte ein Angesprochener unfreundlich. Erst nachdem Elio Müller ihn ein Stück weit begleitet hatte, begann er zu erzählen. «Er freute sich, dass ihm jemand zuhörte, posierte gerne für das Foto – und lächelte sogar.»

Womit Elio Müller im Vorfeld seiner Arbeit nicht gerechnet hatte: Zwischen ihm und den Befragten entwickelte sich eine Beziehung. «Ich hatte eine Lebensgeschichte gehört und ein Foto gemacht und musste immer wieder an die Personen denken.» Besonders die Begegnung mit einer Gruppe Drogenabhängiger ist ihm nahegegangen. Über eine Stunde hatte er gebraucht, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Situation war prekär: «Zuerst stösst du auf Ablehnung, du weisst nicht, ob einer ein Messer dabeihat, und du siehst, wie sie dealen oder sich einen Schuss geben.» Einer habe ihn gepackt und wollte wissen, ob er filme. Da brauche es Feingefühl, damit die Situation nicht eskaliert. Dann sei einer auf ihn zugekommen und habe mit ihm gesprochen. «Es war sehr berührend.»

Drei Wochen lang war Elio Müller nach der Arbeit oder an Wochenenden unterwegs, um Menschen zu begegnen. 17 Porträts entstanden so, die er als Heft herausgab. Er habe viel gelernt, sagt er. Nicht nur technisch, auch menschlich. Und er konnte zu den Porträtierten sagen: «Schau, hinter deinem bescheidenen Leben steckt eine interessante Geschichte.»


Die Geschichte von Lili

Das Moseskind

«Ich kam spät von der Arbeit nach Hause und freute mich aufs Ausschlafen und einen gemütlichen Sonntag. Ich hatte mich zu früh gefreut. Um neun Uhr morgens klingelte es an meiner Haustür. Ich schaute aus meinem Fenster, konnte jedoch niemanden sehen. Ich verkroch mich zurück ins Bett. Es ging keine Minute, bis es wieder klingelte. Genervt riss ich das Fenster auf und rief einem vorbeilaufenden Passanten zu, ob er sehe, was da unten los sei. Auf meinen Hauseingang zeigend erklärte er mir, dass dort ein Besoffener liege. Mir blieb nichts anderes übrig, als hinunterzugehen und den Läutteufel zu verscheuchen.

Ich machte die Eingangstüre auf: Auf dem Boden kauerte ein verwahrloster Mann. Sein Shirt war vom strömenden Regen durchnässt. Zittrig umklammerte er seine Beine und versuchte, sich vor der Kälte zu schützen. Mit seinem Kopf stiess er dabei ständig an meine Klingel. Ich stupste ihn vorsichtig an und fragte, ob er nicht woanders hingehen könne. Die Antwort war bloss ein schwaches: «Es tut mir leid, es tut mir leid, ich muss mich nur ein wenig erholen. Ich schaffe es nicht mehr nach Hause.» Ich setzte ihn auf die andere Seite des Eingangs, um meinen Bettfrieden wiederherzustellen. 

Doch zurück unter meiner warmen Decke liess mich mein Gewissen nicht in Ruhe. Das Schicksal des jungen Mannes beschäftigte mich. Ich ging wieder runter und bot ihm an, in meine Wohnung zu kommen. Er wirkte verängstigt, lehnte sofort ab. Nach einer kurzen Diskussion liess er sich dann zu einem Kaffee überreden. In meiner Wohnung angekommen, setzte er sich auf einen Stuhl und schlief auf der Stelle ein. Aus seiner Kleidung tropfte Wasser auf den Boden und durchnässte meinen weissen Loungestuhl. Ich deckte den Mann zu und liess ihn schlafen. Als er nach ein paar Stunden aufwachte, kochte ich ihm etwas zu essen. Danach fuhr ich ihn nach Hause. Ich nenne ihn das Moseskind, der Regen hat ihn zu mir geschwemmt.»               

aufgezeichnet von Elio Müller

Text: Sibylle Zambon, freie Journalistin