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Nicht so herb, wie vermutet

Zum Calvinjahr 2009 gab es sogar «Calvin-Schokolade». Was den spöttischen Kommentar provozierte: Diese Schokolade enthalte besondere Bitterstoffe, denn Johannes Calvin sei ein strenger, humorloser Reformator. Besser als Vorurteilen anzuhängen wäre es, die Schokolade zu probieren, und die Begegnung mit Calvin zu wagen.

Bei dieser Begegnung trifft man zunächst auf eine unruhige Existenz. Der in Noyon (Nordfrankreich) geborene Calvin wird als junger Mann von seinem Vater zum Theologiestudium nach Paris geschickt, damit er eine kirchliche Laufbahn einschlagen kann. Bald jedoch scheint dem Vater – der mit den örtlichen Kirchenbehörden in Konflikt gekommen ist – ein Jurastudium zukunftsträchtiger. Neben der Juristerei widmet sich der junge Mann humanistischen Studien und gefällt sich als literarisch auftretender Gelehrter.

Dann aber ändert die Situation nochmals. Calvin wird in Unruhen um reformatorisches Gedankengut hineingezogen, positioniert sich dabei anscheinend auch selbst (rückblickend spricht er von einer «unerwarteten Bekehrung») und muss Paris verlassen. Zu dieser Zeit entsteht die erste Fassung seines berühmten Hauptwerkes, der «Institutio christianae religionis» (Unterricht in der christlichen Religion). Auch als reformatorisch gesinnter Denker, der sich nun autodidaktisch der Theologie widmet, strebt Calvin die Existenz eines beschaulich arbeitenden Intellektuellen an. Als er dafür 1536 Strassburg aufsuchen möchte, muss er einen Umweg über Genf nehmen und wird dort durch den ersten Reformator dieser Stadt, Guillaume Farel, vor dem Angesicht Gottes beschworen, beim Aufbau der reformierten Kirche in Genf mitzuhelfen.
Erschrocken ob der Wucht dieser Aufforderung bleibt Calvin in Genf und wird dort, mit kurzer Unterbrechung, bis zu seinem Tod 1564 ein Vierteljahrhundert wirken – zum Wohl der Glaubenden in Genf, aber auch in steter Sorge um die verfolgten Reformierten in Frankreich und das Ergehen der reformatorischen Bewegung europaweit.

Zum Reformator geworden
Mit Hinweis auf den Bestseller «Wie man Freunde gewinnt» legt Christopher Elwood den Gedanken nahe, Calvin könne als geeigneter Autor für ein Buch unter dem Titel «Wie man Freunde verliert und andere gegen sich aufbringt» gelten.
Es ist nicht zu leugnen, Calvin ist vermutlich auch eine schwierige Person gewesen. Wie aber hätte er sich als Reformator, der eine Kirche aufzubauen und zu gestalten hatte, nicht unbeliebt machen sollen? Wer Gewohnheiten verändern, Ordnungen entwerfen und durchsetzen muss, kommt nicht um Spannungen und Widerstand herum. Eben dies aber ist Kern des Selbstverständnisses Calvins: Er sieht sich nicht befugt, wie er sich selbst erträumt hatte, am Schreibtisch selbstzweckhaft der theologischen Wahrheit nachzusinnen, sondern weiss sich berufen, dem Aufbau der Kirche zu dienen.

Diese Erfahrung des Verpflichtetseins lässt ihn unnachgiebig erscheinen, wenn es um Fragen der Ordnung und des authentischen Gottesdienstes geht. Hier liegt für ihn der entscheidende Punkt der Reformation: Die Kirche ist in ihre gottgemässe Gestalt zu führen. Mit dem wahren Gottesdienst soll Gott die Ehre gegeben werden; der Massstab der Frömmigkeit und des kirchlichen Lebens muss aus dem Wort Gottes genommen werden. Es geht um den Aufbau der «nach Gottes Wort reformierten Kirche».
Dieses Anliegen lässt Calvin zuweilen kompromisslos auftreten. Andererseits beschreibt er den Dienst kirchlicher Amtsträger immer wieder als von Milde und Nachsicht geprägt. Es gibt nicht nur den strengen Calvin, sondern auch jenen, der die Amtsträger mahnt, es sei eher an ihnen, bei sich selbst zu weinen als andere zum Weinen zu bringen.

Zum Gotteslob berufen
Auch ohne Rückzug in beschauliche Gefilde wird Calvin Autor von zahlreichen Schriften. Neben verschiedenen Fassungen der Institutio entstehen andere systematische Abhandlungen, Streitschriften, katechetische Texte und vor allem Kommentare zu den biblischen Büchern.
Kennzeichnend für Calvins Theologie ist, dass er wissenschaftliche Genauigkeit mit der Absicht fruchtbringender Lehre verbindet. Nicht umsonst beginnt die Institutio mit einem «weisheitlichen Wort», das Erkenntnis Gottes und Selbsterkenntnis zusammenbindet. Calvin geht es nicht um Lehren, sondern um Einsichten, die sich in die Herzen einwurzeln können.

Von sich selbst bezeugt er, ihm habe in der Zeit vor seiner Wende zur reformatorischen Bewegung die innerliche Erfahrung der Bedeutsamkeit des Glaubens gefehlt. Die Erlösung sei ein «Traumbild» gewesen, dessen Wirklichkeit nicht bis zu ihm selbst hingelangt sei. Deswegen kommt Calvin immer wieder darauf zurück: Ausschliesslich lehrmässig festgehaltene Wahrheit ist noch nicht bedeutungsvolle Wahrheit.
Calvin schreibt: «Es ist nicht genügend, dass wir von Gott geliebt werden, wenn die Erfahrung dieser Liebe nicht auch bis zu uns durchdringt.» Calvins Schreiben, Lehren und Predigen ist von dem Ziel geleitet, den Glauben «unter die Haut» gehen zu lassen. Wenn er beschreibt, was Gott für uns Menschen getan hat, lenkt er den Blick gern darauf, wie sehr Gott damit die Menschen lockt, ihre Antwort zu geben. Erst wenn die Zuwendung Gottes zum Menschen mit Gottesliebe und Gotteslob beantwortet wird, sind Gott und Mensch wieder ganz verbunden, gelangen Himmel und Erde zur Harmonie – erklingt die Symphonie, zu der Gott die Menschen einladen will. 

Damit tritt Calvin als ein Mensch hervor, der ein Gespür für die Schönheit der Schöpfung und für die Schönheit des Glaubens hat. So sei es gestattet, abschliessend auch die asketischen Züge Calvins von einer etwas anderen Seite zu beleuchten. Gewiss ist er ein Mensch, der zum Masshalten anleitet. Übertriebene Askese jedoch weist er zurück und unterstreicht, dass Gott die irdischen Dinge nicht nur geschaffen hat, um unseren Bedürfnissen abzuhelfen, «sondern auch für unser Ergötzen und unsere Freude. […] Hat er nicht überhaupt viele Dinge über den notwendigen Gebrauch hinaus kostbar für uns gemacht?» (Institutio III,10,2). 

Ob Calvin Schokolade gegessen hat, weiss ich freilich nicht. Den Wein aus der Genfer Region aber hat er sicherlich geschätzt. Die Trunkenheit des Noah jedenfalls wollte er nicht – wie andere Ausleger – damit entschuldigen, Noah habe zum ersten Mal Wein getrunken und nicht gewusst, welche Folgen daraus erwachsen können. Er glaube nicht, dass man die so hervorragende Frucht des Weinstocks bis dahin unbeachtet gelassen habe.

Erstmals erschienen 2009 im forum Nr. 15

Text: Eva-Maria Faber

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Lebensdaten

1509: Am 10. Juli wird Johannes Calvin (eigentlich Jean Cauvin) in Noyon geboren.

1523–1531: Studium der Rechtswissenschaften in Paris, Orléans und Bourges.

1531: Calvin beginnt mit humanistischen Studien in Paris.

1531 – 1532: Calvin verfasst einen Kommentar zu Senecas «De clementia» (Über die Milde) und wird mit diesem Buch als Humanist Frankreichs bekannt.

1534: Endgültige Bekehrung zur Lehre der Reformation. «Plakataffäre»: In Frankreich tauchen Flugblätter gegen die römische Messe auf. König Franz I. gibt das Signal zur Verfolgung der Protestanten. Calvin flieht Anfang 1535 nach Basel.

1536: Veröffentlichung seines Hauptwerks «Christianae Religionis Institutio». Der Genfer Reformator Guillaume Farel kann Calvin gewinnen, die Reformation in Genf zu unterstützen. Calvin wird «Lektor der Heiligen Schrift an der Genfer Kirche», hält Vorlesungen und organisiert die Reformen.

1538: In Strassburg wird Calvin Pfarrer der französischen Flüchtlingsgemeinde.

1540: Heirat mit Idelette de Bure.

1541: Der Genfer Rat bittet Calvin, als Pfarrer nach Genf zurückzukommen. Der Genfer Rat beschliesst die von Calvin entworfene Kirchenordnung.

1545 – 1563: Konzil von Trient: Calvin kommentiert 1548 mit «Gegengift» als erster Reformator das Resultat der ersten Periode des Konzils.

1549: Idelette de Bure stirbt.

1554: John Knox, der Reformator Schottlands, studiert bei Calvin in Genf.

1564: Am 27. Mai stirbt Calvin nach längerer Krankheit. Auf seinen Wunsch wird auf seinem Grab kein Grabstein errichtet.

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Die Dogmatikerin Eva-Maria Faber ist Prorektorin der Theologischen Hochschule Chur und eine ausgewiesene Calvin-Spezialistin. Sie ist Autorin der wissenschaftlichen Studie «Symphonie von Gott und Mensch. Die responsorische Struktur von Vermittlung in der Theologie Johannes Calvins».