Spiritualität ganz alltäglich

Gipfelschnaps trinken

Christian Cebulj – Rektor der Theologischen Hochschule Chur und Professor für Religionspädagogik und Katechetik – über den spirituellen Höhepunkt beim Wandern.

Ich liebe die Berge und das Wandern. In diesen Sommerferien habe ich mir einen lange gehegten Touren-Traum erfüllt. Nach vielen Jahren war ich wieder einmal in der Greina-Ebene, einem magischen Ort in den Bündner Bergen. Zusammen mit meiner Frau fuhren wir ins Val Lumnezia, von Chur mit der Rhätischen Bahn und per Postauto auf 1560 Meter zum Ausgangspunkt nach Vrin. Nach dreistündigem Aufstieg erreichten meine Frau und ich den Pass Diesrut auf 2428 Meter, wo sich ein grandioser Ausblick auf die Greina-Ebene eröffnete, die auf Romanisch «Plaun la Greina» genannt wird. 

Die Greina ist eine der schönsten und grössten Hochebenen der Schweiz. Die herrliche, unberührte Naturlandschaft wurde in den Jahren 1948 und 1949 sowie 1985 bekannt, als in der Greina ein Wasserkraftwerk mit Stausee gebaut werden sollte. Die Greina-Ebene gehört zum Quellgebiet des Rheins und dessen Wasser sollte auf der Alpensüdseite turbiniert werden. Landesweite Proteste führten dazu, dass das Projekt zurückgezogen wurde. Seitdem ist die Greina als Schutzzone ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen, denn sie birgt ein Hochmoor mit einer paradiesischen Vielfalt seltener Gräser und Pflanzen. 

Nach sechs Stunden Wanderung kommen wir also zur Motterascio-Hütte des SAC und übernachten dort. Höhepunkt unserer Wanderung sollte am nächsten Morgen die Besteigung des 3149 Meter hohen Piz Terri werden. Nach drei Stunden erreichen wir den Terri-Gipfel und geniessen am Gipfelkreuz die gigantische Aussicht in die Bündner und Tessiner Alpen. Eine Inschrift erinnert daran, dass der Piz Terri erstmals im Jahr 1801 von Pater Placidus a Spescha vom Kloster Disentis bestiegen wurde. 

Aus Freude und Erleichterung über den Aufstieg begehen wir am Gipfel ein schönes Ritual, das ich schon von meinem Vater gelernt habe: Wir berühren das Gipfelkreuz, geben uns einen Gipfelkuss und sprechen still ein Vaterunser. Dann holen wir den Gipfelschnaps aus dem Rucksack. Freilich warnen Gesundheitsapostel immer wieder davor, weil Bergtouren einen klaren Kopf verlangen. Für einen Moment ignorieren wir all diese Ratschläge und geniessen einen Schluck Edelbrand, hier oben zwischen Himmel und Erde. Wir danken Gott für das Wunder der Natur – und sind uns ziemlich sicher, dass Pater Placidus damals auch einen Gipfelschnaps im Gepäck hatte.

Text: Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur