Editorial

Meine National-Ökohymne

Der 1. August ist gefeiert. Und termingerecht wurde von der «Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft» (SGG) der Hymnentext ins Gespräch gebracht.

Seit vier Jahren rühren die SGG und ihr Geschäftsführer Lukas Niederberger nun die Werbetrommel für ihren 2015 aus einem Wettbewerb als Sieger hervorgegangenen neuen Text. Sie werden wohl weiter rühren müssen, denn die lyrische Qualität der «Schweizerstrophe» ist derart überschaubar, dass ich davon emotional völlig unberührt bleibe.

Deshalb wage ich die Prognose: Der «Schweizerpsalm» wird die «Schweizerstrophe» überleben, gerade weil der Text von Leonhard Widmer aus dem Jahre 1840 mit romantischer Bugwelle so unzeitgemäss rüberkommt. Da tauchen Wörter wie Strahlenmeer, Abendglühn, Nebelflor und Sturm auf. Während die «Schweizerstrophe» sich wie der Beipackzettel zur Bundesverfassung liest, stellt uns der «Schweizerpsalm» handfest ins Wetter raus.

Wir besingen nicht chauvinistisch selbstgefällig unser «Schweizertum». Martialisches Gepolter hat hier keinen Platz. Selbst die Gegenwart des lieben Gottes ist bloss eine Ahnung. Der «Schweizerpsalm» ist in erster Linie eine Ode an die natürliche Schönheit dieses Landes. Und sie macht klar, dass wir diese Schönheit nicht uns selbst zu verdanken haben. Sie ist Geschenk, nicht Besitz.

Für mich ist der «Schweizerpsalm» in erster Linie eine Ökohymne – und so gesungen wieder ziemlich zukunftsträchtig.

Text: Thomas Binotto