Impuls zum Kirchenjahr: Maria Himmelfahrt

Starke Fürsprecherin

«Oh Maria, unsere Vermittlerin, es ist in Euch, dass das menschliche Geschlecht zur vollendeten Freude gelangt. Es erwartet Euren Schutz. Allein in Euch findet es Zuflucht und siehe auch ich wende mich inbrünstig an Euch. … Oh Maria, die Ihr mitfühlend seid, die Ihr die Mutter des Gottes der Barmherzigkeit seid, habt Erbarmen mit mir.»

So betete Ephräm der Syrer im 4. Jahrhundert zu Maria. Dass die Gottesmutter von der Spätantike an bis in die Gegenwart Gläubige faszinierte, bezeugen ihre antiken Ikonen, die bis heute in Rom verehrt werden: die Hagiosoritissa in Santa Maria del Rosario, die Madonna von Santa Maria Maggiore, die Ikone von Santa Maria Nova, die Madonna aus dem Pantheon und die Ikone von Santa Maria in Trastevere.

Können auch wir heute noch so leidenschaftlich zu Maria beten? Was erbitten wir heute von ihr? Was fasziniert Menschen heute an Maria? Diese Fragen haben mich lange beschäftigt, zumal Maria meine Namenspatronin ist. Wie oft habe ich mir eine andere Heilige als Vorbild gewünscht: eine starke Frau wie die Richterin Debora, die Prophetin Mirjam oder die Königin Ester.

Erst als Erwachsene habe ich begriffen, dass auch Maria eine starke Frau war. Ihr wurde als unverheirateter Frau ein Kind zugemutet – ein Kind, das sie stigmatisiert und an den Rand der Gesellschaft gebracht hätte, hätte ihr Verlobter sie verstossen, da sie ohne sein Zutun schwanger war. Wenn ich alleinerziehende Elternteile sehe, die sich trotz schwieriger Situation und gesellschaftlicher Stigmatisation für ihr Kind entscheiden, kann ich erahnen, wie es Maria ergangen sein mag. Stark war Maria auch am Kreuz. Nachdem sie Jesus liebevoll aufgezogen hatte, liess sie ihn los. Sie liess ihn den Weg Gottes gehen, obwohl dieser Weg in den Tod führte.

Einen mütterlichen Schoss als Zufluchtsort, eine Fürsprecherin, die durch ihr eigenes Menschsein unsere Sorgen, unsere Sehnsucht und unser Scheitern versteht, eine Mutter, die weiss, was es bedeutet, ein Kind zu lieben und zu verlieren – vielleicht braucht es Maria heute mehr denn je. So können auch wir heute mit Ephräm dem Syrer beten: Oh Maria, unsere Vermittlerin, oh Maria unsere Zuflucht, du Mutter des barmherzigen Gottes.

Text: Miriam Bastian

Angebot laufend

Die Historikerin Miriam Bastian doktoriert

derzeit an der Universität Zürich im Fachbereich Alte Geschichte.