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Timeline statt Erinnerung

Die Sommerferien neigen sich ihrem Ende entgegen. Der Smartphone-Speicher ist prall gefüllt mit Urlaubsfotos. Eine wunderbare Unterstützung für unser Gedächtnis. Könnte man meinen …

Beim Anblick eines einmaligen Naturschauspiels, einer spektakulären Sehenswürdigkeit, eines gemütvollen Moments ist der erste Gedanke nicht mehr: «Das will ich geniessen!», sondern «Das muss ich posten!» Wer einen besonderen Augenblick nicht verpassen will, der blendet nicht alles aus, was vom Genuss ablenken könnte, sondern hält das Smartphone bereit. Verpassen bedeutet nicht abdrücken.

Kaum je erhalten wir Feriengrüsse, ohne dass sich im Zentrum nicht die Absender des Bildes zum Selfie gruppieren. Faktisch wird damit jedes Ferienbild zur Selbstinszenierung, bei der die Sehenswürdigkeit zur Kulisse und damit zur Nebensache wird. Diese Inszenierung ist von tiefgründiger Symbolik: Man dreht jenem Ort, für den man eine Reise unternommen hat, den Rücken zu, damit man sich selbst ins Bild bringen kann.
Das Selfie weitet somit den Blick nicht auf das Neue, Unbekannte, Exotische. Im Gegenteil, es verengt den Blick auf den Touristen, der meist das Gesehene noch nicht einmal kommentiert. Dieser Tourist reist also durch die Welt, um sich selbst zu fotografieren. Aus Weltoffenheit wird eine Blase. Das Subjekt zum Objekt. Standardisierung und damit Austauschbarkeit dieser «Reisebelege» sind so stark und die fotografische Qualität so überschaubar, dass man sie problemlos auch am heimischen Computer fabrizieren könnte.

Zugegeben, die Selbstinszenierung auf Ferienfotos gab es bereits im analogen Zeitalter. Und die daraus entstandenen Diaschauen haben uns schon vor Jahrzehnten gelangweilt. Aber Digitalisierung und Social Media bringen wesentliche, nicht nur graduelle Veränderungen mit sich.
Wer seine Ferienfotos postet, der richtet sich am Publikum aus. Das heisst, er wird sich nicht in erster Linie fragen, ob ein Naturereignis auf ihn Eindruck macht, er wird sich vor allem fragen, ob es auf seine Follower Eindruck macht: «Werde ich mit diesem Sonnenuntergang ihre Aufmerksamkeit erregen?» User und Algorithmen bestimmen somit immer dominanter, was erinnerungswürdig ist, woran wir uns erinnern sollen und dürfen.

Sichtbares Zeichen für diesen fundamentalen Wandel sind Selfie-Spots, die bei immer mehr Sehenswürdigkeiten und in Museen eingerichtet und ausgeschildert werden. Damit wird die Wahrnehmung der «besonderen» Momente zunehmend fremdgesteuert: Wir wollen den Betrachtern gefallen, und wir halten uns an jene Sichtweise, die sich als gefällig erwiesen hat. Es geht um ihre Likes und nicht um unsere. Ausgerechnet das, was eine persönliche, individuelle Erinnerung sein soll, wird so zur uniformen und repetitiven Massenware.

Dieser fremdgesteuerte Blick unterliegt zudem dem Diktat von Schnelligkeit und Masse. Die digitale Timeline lückenlos zu füllen, hat Vorrang vor dem Erlebnis. Die Timeline überlagert damit unsere Lebenszeit. Aus erlebter Zeit wird dokumentierte Zeit. Aus dem analogen und flüchtigen Erlebnis wird ein digitales und konserviertes Ereignis. Wer sich zu viel Zeit beim Erleben lässt, droht das Dokumentieren zu verpassen und versetzt damit seine Timeline ins Koma.

Die durchschnittliche Verweildauer vor der Mona Lisa beträgt laut Louvre weniger als eine Minute. Wer dagegen Google nach der Koppelung von «Selfie» und «Mona Lisa» suchen lässt, der wird mit Bildern überflutet. Millionen von Menschen strömen also mit einem Selfie aus dem Louvre, wahrscheinlich mit der banalsten Erinnerung überhaupt: Sie waren dort. Und sie haben doch verpasst, was nur im Louvre möglich ist und was keine Stellvertretung duldet: Die Mona Lisa zu betrachten. Sie haben ihre Timeline gefüllt, dabei aber Erlebniszeit vergeudet.

Wer allerdings die Aufmerksamkeit seiner Follower haben will, der muss sich an oberster Stelle halten, muss sich permanent und lautstark melden. Denn die Timeline ist grotesk überbelegt und verschiebt sich gefühlt schneller als die Zeit vergeht. Wer geübte User dabei beobachtet, in welchem Tempo sie über Bilder hinwegwischen, der begreift, dass ihr Aufmerksamkeitsfenster jeweils nur für Sekundenbruchteile geöffnet ist.
Auch die Algorithmen, die Social Media steuern, funktionieren entsprechend. Was nicht sofort auf Aufmerksamkeit stösst, wird maschinell zurückgestuft und damit praktisch unsichtbar. Follower, die nicht zur Verbreitung beitragen, die also nur lesen und betrachten, gelten als unnützer Ballast, weil sie die Dynamik der Timeline bremsen. Erinnerung wird praktisch mit der Veröffentlichung auch schon wieder verdrängt.

Boris Johnson hat jüngst in einem Interview gestanden: «Ich mache in meiner Freizeit aus alten Harassen Busse und zeichne Sitzreihen mit glücklichen Passagieren.» – Weshalb versorgt uns der neue britische Premierminister mit einer solchen Lappalie? Mutmasslich deshalb, weil er damit eine alte Lüge übertünchen wollte, die er bei seiner Brexit-Kampagne auf Busse pinseln liess. Jedenfalls taucht nun bei einer Google-Suche praktisch nur noch das harmlose Freizeitvergnügen auf. Die Lüge wurde vom Algorithmus weggespült.

Die Redensart «das Netz vergisst nie» trifft nur dann zu, wenn wir an das Speichervermögen denken. Als Gedächtnis funktioniert das Netz dagegen miserabel. Lügen waren vielleicht noch nie so einfach zu fabrizieren und so verheerend in ihrer Wirkung.

Wir phantasieren zwar davon, einfach «in den Tag hinein zu leben» und «die Seele baumeln zu lassen». Aber das würde bedeuten, es unserem Gedächtnis und unserer Psyche zu überlassen, was sie für erinnerungswürdig halten und was nicht.
Wir greifen zwar seit jeher in die Strukturierung unserer Erinnerung ein, indem wir beispielsweise Tagebuch führen. Darin halten wir am Ende des Tages jene Dinge fest, die wir für wichtig halten. Damit werden diese ausgewählten Ereignisse bereits ein erstes Mal interpretiert und memoriert.

Social Media führen jedoch zu einem fundamentalen Wandel in unserer Erinnerungskultur, indem wir nämlich die starke Tendenz entwickeln, bereits vor dem Ereignis oder spätestens während des Ereignisses zu bestimmen, ob es erinnerungswürdig ist oder nicht. Wir führen damit ein prospektives, ein sich selbst erfüllendes Tagebuch. Und so fotografieren wir unser Essen, noch bevor wir wissen, ob es auch schmecken wird.

Evolutionseuphorisch könnten wir dagegenhalten, gerade der digitale Mensch habe die Fähigkeit zum Multitasking entwickelt, so dass er gleichzeitig geniessen, inszenieren und dokumentieren kann.
In ihrem Buch «Das trügerische Gedächtnis» erteilt die Rechtspsychologin Julia Shaw diesem Glauben eine klare Absage. Sie zitiert dabei den Neurowissenschaftler Earl Miller vom MIT: «Wenn Menschen glauben, sie würden multitasken, wechseln sie in Wirklichkeit einfach sehr schnell zwischen Aufgaben hin und her. Und jedes Mal, wenn sie das tun, hat das einen kognitiven Preis.»
Mit anderen Worten: Wenn wir erleben und gleichzeitig dokumentieren, dann geht das entweder zu Lasten eines tiefen Erlebnisses oder zu Lasten einer akkuraten Dokumentation. Auf jeden Fall werden wir uns hinterher an das Ereignis weniger gut erinnern, als wenn wir es «nur» erlebt hätten.

Dass wir das Ereignis digital dokumentieren, schränkt die Erinnerung sogar weiter ein, weil wir unser Gedächtnis sozusagen auf externe Datenträger auslagern. Die Psychologin Betsy Sparrow von der Columbia University in New York kam nach mehreren Versuchen zum Schluss, dass unser Gedächtnis besser funktioniert, wenn es auf sich allein gestellt ist. Sparrows Fazit fasst Shaw sinngemäss so zusammen: Wenn wir wissen, dass Informationen verfügbar sind, werden wir uns weniger darum bemühen, diese Informationen im Gedächtnis zu behalten. Und dadurch werden wir uns später auch weniger gut an sie erinnern. Auf unsere Ferienfotos angewandt: Wir geniessen den Augenblick weniger aufmerksam, weil wir gerade damit beschäftigt sind, einen ewigen und unvergänglichen Genuss zu fabrizieren.
Damit steigt nach Shaw sogar die Anfälligkeit für nachträgliche Fehlinformationen, also für eine Verfälschung der Erinnerung. Fotos sind längst nicht jene wasserfesten Beweise, dank derer wir unsere Erinnerung bei den Fakten halten und notfalls darauf zurückführen können.

Kimberley Wade und Maryanne Garry von der Victoria University of Wellington haben 2002 in einem Experiment ihren Probanden vier Fotos aus deren Kindheit vorgelegt, wobei eines der Bilder gefälscht war: Der Flug mit dem Luftballon hatte nie stattgefunden. Dennoch konnten sich 50 % der Teilnehmer an dieses Ereignis erinnern.

Erinnerungen bleiben immer veränder- und manipulierbar. Der Psychologiehistoriker Douwe Draaisma geht diesen Phänomenen in seinem Buch «Halbe Wahrheiten» nach. Und bei dessen Lektüre wird offensichtlich, dass im «seltsamen Eigenleben unserer Erinnerungen» nicht nur grosse Herausforderungen und Verunsicherungen auf uns warten. Dass unsere Erinnerungen keine tote Materie sind, ist nicht zuletzt für die Psychotherapie unabdingbare Voraussetzung. Erst dadurch können wir uns auch von der Macht der Erinnerung lösen.

Wie wir unsere Erinnerungen digital und online festhalten, ist offensichtlich nicht bloss eine quantitative, technische Herausforderung, damit werden auch unsere Formen der Erinnerung und die Funktionalität unseres Gedächtnisses verändert. Im extremsten Fall werden wir uns auf die Antizipation von Ereignissen verlegen, die sich als mehrheitsfähig erweisen könnten. Und sollte diese tatsächlich eintreten, geben wir der Dokumentation den Vorrang vor dem Erlebnis.

Ein letzter Vergleich: Was wäre das für eine Welt, in der wir über gute Witze nicht mehr spontan lachen dürfen, weil wir sie dokumentieren müssen, damit wir später darüber lachen können?

Text: Thomas Binotto

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Im Wahlkampf um die Präsidentschaft tritt Hillary Clinton am 21. September 2016 vor 500 Menschen – und niemand schaut hin. Natürlich steckt dahinter Kalkül: Clinton selbst forderte zum Selfieflash auf und lächelte professionell in die Kameras. Dennoch kommt dieser Szene, die von der Fotografin Barbara Kinney eingefangen wurde, auch ikonische Bedeutung zu: Um die Begegnung mit einer Person zu dokumentieren, wenden sich die Menschen von dieser Person ab.
Foto: Barbara Kinney – Hillary for America

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Buchtipps

«Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht» 
Julia Shaw. Hanser 2016. ISBN 978-3-4464-4877-3


«Halbe Wahrheiten – Vom seltsamen Eigenleben unserer Erinnerungen»
Douwe Draaisma. Galiani Berlin 2016. ISBN 978-3-8697-1134-8