Kirchenmusik

«Wir sind die Älteren im Hemd»

Die Zürcher Hochschule der Künste bietet auch kirchenmusikalische Weiterbildungen an. Die Studiengänge sind anspruchsvoll und vielfältig.

Es ist laut und trubelig im Café, gleich in der grossen Eingangshalle der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Toni-Areal. Eine Ausstellung mit Diplomarbeiten wird gerade aufgebaut – kreativ und etwas chaotisch. Daniel Pérez (30) kommt gerade von einer Band-Probe. Motorradjacke über der Schulter, kurze Hosen, Karo-Hemd und modischer Bart. Der ausgebildete Sänger und Gesangspädagoge studiert noch weiter: Chorleitung im Bereich Kirchenmusik und kommt sofort ins Schwärmen. «Wir lernen Band-Arrangements und Gospel-Patterns, Klavierspiel, Dirigieren und vieles mehr – das Angebot in der Kirchenmusik ist so breit und vielfältig.» Und aufwendig sagt Stephan Klarer (47), Studienleiter der kirchenmusikalischen Weiterbildungen: «Zum Unterricht kommt ja immer noch das Üben – sei es am Instrument, beim Dirigieren oder Singen.» Das theoretische Wissen wächst während des Studiums kontinuierlich. «Viele Musiker checken erst spät, dass in den biblischen Texten oder mittelalterlichen Gedichten ebenso viel steckt wie in einem Operntext.»

Die Kirchenmusikerinnen und -musiker auf dem zweiten Bildungsweg sind etwas Besonderes: Sie sind grossmehrheitlich älter und kommen, zumindest die Männer, auch schon mal im ordentlich gebügelten Hemd in die Hochschule, so Daniel Pérez. «Achtung ‹Fun Fact›: Von den Organisten heisst es, sie seien die bestverdienenden Musiker, da sie schon während des Studiums leicht Arbeit finden.»

Amateurinnen und Amateure? Nein, schon Musikerinnen und Musiker
«Versierte Amateure» – so werden die Menschen genannt, die als Quereinsteiger an der ZHdK die kirchenmusikalischen Weiterbildungen besuchen. Nach zwei Studienjahren sind sie befähigt, als Organist(in) oder Chorleiter(in) in einer Pfarrei zu arbeiten. Eine Quereinsteigerin ist Henrike Gätjens (29), die derzeit in Germanistik an der Universität Zürich doktoriert und auch das Schweizer Lehrerdiplom absolviert. Bei Henrike Gätjens stand das Hobby Chorgesang schon als Schülerin ganz oben. Ihre volle, tiefe Sprechstimme verrät es: Sie singt im Alt. «Das Studium gönne ich mir als Geschenk an mich selbst. Der theologische Teil in der Ausbildung ist für mich ein interessanter Zugang.» Dabei hatte die blonde Norddeutsche grossen Respekt, hoch erschienen die formulierten Vorgaben für das Studium. Nach einem Gespräch mit Studienleiter Klarer inklusive Vorsingen und Vorspielen bestand sie die Aufnahmeprüfung. «Das Level ist hoch, aber nicht zu hoch. Die 

Lehrer sind zugänglich und Gold wert mit ihrem grossen Wissen und Engagement.» Die kirchenmusikalischen Studiengänge sind modular aufgebaut. Stephan Klarer: «Wer mehr Gesangsunterricht benötigt, bekommt diesen, wer schon ein guter Sänger ist, eben mehr Instrumentalunterricht.»

Knackpunkt Kirche
Seit 2010 finanzieren die Kirchen die Weiterbildungsstudiengänge mit, die auch bereits ausgebildete Musiker und Musikerinnen anderer Instrumente ansprechen. Die Auslastung ist gut bis sehr gut, über die Jahre wurden etwa gleiche viele Studierende an der Orgel wie in der Chorleitung ausgebildet.

Daniel Pérez ist katholisch aufgewachsen, war schon Ministrant. Bereits seit vier Jahren leitet er den St.Agatha-Chor im aargauischen Fislisbach. «Man könnte diesen Job auch völlig losgelöst vom Glauben betrachten. Das finde ich falsch. Wenn man sich so stark auseinandersetzt, dann muss es einfach in die Tiefe gehen.» Henrike Gätjens gibt zu, dass sich ihr lutherischer Glaube mit dem Studium verändert hat: «Ich weiss mehr: über die Funktion des Gottesdienstes in der Kirche, aber auch wie viel Halt Rituale geben können. Durch Musik und Gesang wird Gemeinschaft gestiftet und die Menschen emotional angesprochen. Das ist toll.»

Traumberuf durch Vielseitigkeit
Henrike Gätjens schliesst in einem Jahr ihren Studiengang ab, sie leitet in der Freizeit einen kleinen Chor. «Ich möchte beruflich auf mehreren Beinen stehen», sagt die sympathische Norddeutsche. «Schon mein Kantor in Deutschland hat gesagt: Nach der Ausbildung kannst du überall arbeiten. Es gibt ein grosses Netzwerk an Arbeitsstellen.»

Pérez braucht für den Master noch ein Jahr länger – aufgrund seiner vielfältigen Engagements. Genau das schätzt er: «Ich brauche die Abwechslung und die stilistische Vielfalt – als Sänger, Gesangslehrer und Chorleiter.» Angenehmer Nebeneffekt: Keine finanziellen Sorgen. Aber es geht um deutlich mehr, findet der Sänger: «Da wir hier das Handwerk erlernen, eine Singschule vom Kind bis ins Alter aufzubauen, ist die Musik der Weg, die jungen Leute für die Pfarrei zu interessieren und durch Musik zu begeistern.»


Einstehen für Musik und Kirche

Prof. Beat Schäfer (64) leitet seit gut 25 Jahren die kirchenmusikalische Ausbildung an der ZHdK, ist selbst versierter Chorleiter unter anderem der verschiedenen Hochschulchöre.

Was ist das Besondere an den kirchenmusikalischen Ausbildungen?
Unsere Studierenden haben in der Regel eine Vergangenheit, in welcher Musik im Zentrum stand, aber eher selten die Kirche. Im Studium eignen sie sich dann oft zum ersten Mal kirchliches Hintergrundwissen an, was meistens auch ihre Beziehung zu Gottesdienst und Kirche neu prägt. Wenn sie eintreten, wollen sie in der Regel musizieren, in der Kirche auf ein dankbares Publikum treffen und Geld verdienen. Aber viele erkennen oft erst nach dem Studium, wie vielfältig, kreativ und sinnstiftend der Dienst als Kirchenmusikerin oder Kirchenmusiker ist.

Wie bereiten Sie die Studierenden auf die Realität in der Pfarrei vor?
Hier werden Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker für den Dienst am Ganzen ausgebildet, als Partner für Gemeinde und die Pfarrschaft. Sie müssen einstehen können für gute Kirchenmusik. Wir versuchen zu zeigen, dass die Kirchenmusik für viele ein Traumberuf werden kann.

Welche Rolle spielt der Glauben in den kirchenmusikalischen Studiengängen?
Wir verlangen eine grundsätzlich positive Einstellung zur Kirche. Alle lernen bei uns, sich in der christlichen Liturgie – egal ob reformiert oder katholisch – sicher zu bewegen. Glauben hat viel mit Vertrauen zu tun. Wir versuchen über Vertrautheit mit den Inhalten des christlichen Glaubens und den Ritualen sowie durch ein authentisches Wirken als Dozierende dazu beizutragen, dass ein persönlicher Glaube Wurzeln schlagen und wachsen kann. Das Zusammenspiel von Wort und Musik hat bis jetzt noch immer die meisten Musikerinnen und Musiker begeistert.       

Für Fragen steht Prof. Beat Schäfer zur Verfügung.
beat.schaefer@zhdk.ch

Text: Kerstin Lenz

Angebot laufend

Die Zürcher Hochschule der Künste bietet in ihrem Profil «Kirchenmusik» neben Bachelor- und Masterstudiengängen in Orgel und Chorleitung verschiedene Weiterbildungsstudiengänge an, zum Beispiel ein CAS (Certificate of Advanced Studies) Kirchenmusik Pop & Jazz oder DAS (Diploma of Advanced Studies) Kirchenmusik Orgel oder Chorleitung. Diese sind sowohl für bereits diplomierte Musikerinnen und Musiker geeignet wie auch für versierte Laien.

Mehr Informationen unter www.zhdk.ch/weiterbildung/weiterbildung-musik/musikpraxis