Schwerpunkt

Das Judentum ist kein Museum

Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, führt seit Jahren einen intensiven Dialog mit dem Judentum. Anfang Juli hat er in Paris an einer grossen Jesuitentagung zu diesem Thema teilgenommen. Was waren seine Erkenntnisse?

Vor einem Jahr haben Sie mit einem Beitrag in der «Neuen Zürcher Zeitung» den Aufsatz des emeritierten Papsts Benedikt XVI. zum Judentum kritisch beurteilt. [Hintergründe siehe hier] Sind die Wogen inzwischen geglättet?
Christian Rutishauser: Die Diskussion ist gelaufen und abgeschlossen. Auf unserer Tagung in Paris habe ich nochmals den Verlauf der Diskussion skizziert und die verschiedenen Argumente abgewogen. Uns hat alle überrascht, welch ein Echo die Diskussion gefunden hat, vor allem im deutschsprachigen Raum. Die englische Übersetzung wurde erst im Januar 2019 veröffentlicht. Inzwischen haben sich auch Rabbiner mit dem emeritierten Papst Benedikt getroffen. Die Aussprache verlief sehr gut.

Benedikt hat seine umstrittene Äusserung inzwischen präzisiert. Was ist das für ein Gefühl, einen ehemaligen Papst zu einer Klarstellung gebracht zu haben?
Es geht hier nicht um mich und um meine Gefühle, schon gar nicht um Rechthaberei oder einen unterschwelligen Machtkampf. Es geht um theologische Streitfragen. Wir ringen um Wahrheiten des Glaubens. Die Gesamtdiskussion im vergangenen Jahr war alles in allem fruchtbar und hat einige Positionen geklärt. Dies ist erfreulich. Über dieses Fazit waren wir Jesuiten uns einig. Auf der Tagung in Paris sprechen wir auch darüber, wie die Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs besser in die Theologen-Ausbildung einfliessen können.

Welche Defizite sehen Sie?
Das Judentum hat im Theologie-Studium ein viel zu geringes Gewicht. In der Predigt fristet das Alte Testament gegenüber dem Neuen Testament immer noch ein Schattendasein. Im Kirchenvolk ist zudem ein unterschwelliger Markionismus nach wie vor dominant: Das Alte Testament gilt als minderwertiger Bibeltext und der Gott des Alten Testaments wird als Gott der Strenge oder Rache dem Gott Jesu entgegengestellt.
Es gilt jedoch den Eigenwert der jüdischen Bibel anzuerkennen und zu verstehen, dass das Judentum nicht museal verstanden wird – wie es im Alten Testament verhandelt wurde. Viele verkennen, dass die jüdische Geschichte weitergegangen ist und wir heute ein lebendiges Judentum mit unterschiedlichen Traditionen haben.

Wie funktioniert der christlich-jüdische Dialog in Frankreich?
Kardinal Lustiger, der selbst getaufter Jude war und 2007 verstorben ist, hat in Paris und ganz Frankreich ein grosses Bewusstsein für die jüdisch-christliche Frage geweckt. In Frankreich hat jede Diözese einen Beauftragten für das christlich-jüdische Gespräch. Das ist institutionell klar geregelt, was ich sehr gut finde.

Viele französische Juden beklagen eine neue Welle des Antisemitismus. War das auch Thema?
Ja, wir haben jüdische Gemeinden besucht, die von den aktuellen Schwierigkeiten berichtet haben. Viele Juden ziehen nach Israel. Allerdings emigrieren sie nicht komplett, machen also nicht Alija (bezeichnet im Judentum seit dem babylonischen Exil die Rückkehr von Juden nach Israel, Anm. d. Red.), sondern pendeln zwischen Israel und Frankreich. Als Gründe für den steigenden Antisemitismus sehen viele vor allem den Antisemitismus unter Muslimen. Er hängt ganz klar mit dem Israel-Palästina-Konflikt zusammen.

Gibt es einen muslimisch-jüdischen Dialog in Frankreich?
Zumindest keinen ernsthaft funktionierenden. Dabei wäre der muslimisch-jüdische Dialog politisch und gesellschaftlich viel brisanter als der christlich-jüdische Dialog. Aufgrund des Salafismus stehen viele muslimische Gemeinden stark unter Druck. Sie müssen sich rechtfertigen, richtig islamisch zu sein. Deswegen lehnen viele einen Dialog mit den Juden ab. Hier könnten wir Christen mit unserer Dialogerfahrung vermittelnd wirken.

Was hat Sie im Austausch mit den französischen Juden überrascht?
Wir gehen oft von der Dreiteilung aus, wonach es liberale, konservative und orthodoxe Juden gebe. Aber diese Trias aus dem 19. Jahrhundert funktioniert nicht mehr. Die innerjüdische Veränderung ist massiv, die Grenzen verwischen total. Es gibt orthodoxe Gemeinden, in denen Frauen eine wichtige Rolle spielen, und liberale Gemeinden, die zum Hebräischen als Liturgiesprache zurückgekehrt sind und bei denen die Gesetze wieder eine stärkere Rolle spielen. Ähnlich wie auch in den christlichen Kirchen nimmt auch im Judentum die Polarisierung an den Rändern zu.

In diesem Sommer wurden Sie für fünf weitere Jahre als Konsultor der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum bestätigt. Was ist Ihre Aufgabe?
Jedes Mitglied hat unterschiedliche Tätigkeiten. Ich habe bislang vor allem an Dokumenten mitgearbeitet und den Vatikan auf Tagungen vertreten.

Neu ist auch Verena Lenzen von der Uni Luzern Mitglied des Gremiums.
Das freut mich sehr, wir haben in unterschiedlichen Kontexten bereits gut zusammengearbeitet.

Text: Raphael Rauch, kath.ch

Zu den Hintergründen

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Christian Rutishauser studierte Theologie in Fribourg und Lyon und doktorierte in jüdischen Studien in Luzern, Jerusalem und New York. Er engagiert sich im jüdisch-christlichen Gespräch, leitet Reisen in Israel/Palästina und ist vielfältig im interreligiösen und interkulturellen Dialog tätig. Seit 2012 ist Rutishauser Provinzial der Schweizer Jesuiten.

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Vatikan beruft zwei Frauen

Zwei deutsche Theologinnen beraten den Vatikan künftig beim Dialog mit dem Judentum: Verena Lenzen (62), Leiterin des «Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung» der Universität Luzern, und die Paderborner Theologin und Ordensfrau Maria Neubrand (63). Papst Franziskus berief die beiden Theologinnen in die «Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum», die vom Schweizer Kardinal Kurt Koch geleitet wird. Verena Lenzen ist seit 2001 als Professorin für Judaistik und Theologie an der Theologischen Fakultät Luzern tätig. Seit 2002 ist sie zudem von katholischer Seite her Co-Präsidentin der jüdisch/römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweizer Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.