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Der ewige Gottsucher und ständige Gottfinder

Kaum ein christlicher Theologe wird heute noch so breit gelesen und so kontrovers diskutiert wie Meister Eckhart. Er wird in Japan genauso eifrig erforscht wie in Zürich. Von Philosophen genauso hoch geschätzt wie von Theologen. Laien fühlen sich von ihm genauso herausgefordert wie Fachleute.

Ein Mann, um 1260 herum in Thüringen geboren, vor dem 28. April 1328 in Avignon gestorben. Wir wissen über Eckhart von Hochheims Leben nur wenig, und doch wird er heute noch als Meister Eckhart verehrt, einer der ganz grossen Theologen des Mittelalters, ein Fixstern christlicher Mystik.
So viel immerhin ist uns aus seiner Biografie überliefert: Bereits als junger Mann war Eckhart in Erfurt in den Dominikanerorden eingetreten. Dieser war damals neben dem Franziskanerorden die treibende reformerische Kraft in der Kirche – der intellektuelle Zweig der Armutsbewegung.

Danach hat Eckhart sein ganzes Leben im Rahmen dieses Ordens und der Kirche gewirkt. Bereits in Erfurt wurde Eckhart offenbar mit einer Leitungsfunktion betraut, weil aus dieser Zeit seine berühmten «Reden der Unterweisung» überliefert sind. Das Buch besteht aus Lehrdialogen, die er mit seinen jungen Mitbrüdern führte. In diesen Dialogen ging es um Fragen und Probleme, die sich einem Bettelbruder in seinem religiösen Leben stellen. Wie er etwa sein Gebetsleben gestalten sollte. Oder wie er Glaubenszweifeln begegnen konnte. Kurz gesagt: Es handelte sich um Anweisungen für ein gutes christliches Leben. Eckhart galt damals offenbar bereits als erfahrener Dominikaner, der auf solche Fragen aus seiner Erfahrung und seinem Studium eine Antwort geben konnte.

Hochangesehen und weitgereist
Sicher ist auch, dass Eckhart mehrmals in Paris war, damals Zentrum der akademischen Welt. Zunächst hat er in Paris studiert, und zwar Theologie und Philosophie, darauf hat er den Abschluss als «Baccalaureus» und als «Magister» gemacht, was damals für begabte Dominikaner üblich war. Das zweite Mal kam Eckhart nach Paris, weil er auf jenen Lehrstuhl berufen wurde, den vor ihm bereits Thomas von Aquin innegehabt hatte. Dieser Lehrstuhl war Gelehrten aus dem Ausland vorbehalten und zeitlich begrenzt. Später wurde Eckhart – was eine absolute Rarität war – ein zweites Mal darauf berufen. Allein schon daran lässt sich erkennen, wie hoch angesehen er als Gelehrter war.
Und schliesslich wissen wir, dass Eckhart als Provinzoberer der Dominikaner ausgedehnte Reisen unternommen und dass er mehrmals in norddeutschen Städten Verhandlungen über neue Niederlassungen geführt hat. Es reisten damals viel mehr Menschen als wir heute gemeinhin vermuten würden, die meisten zu Fuss. Wer sehr gut zu Fuss war, schaffte am Tag etwa 40 Kilometer.

Geld brauchte ein Predigerbruder wenig, weil man aus christlicher Nächstenliebe verpflichtet war, Fremden gegenüber gastfreundlich zu sein. Auch gab es unterwegs viele Klöster, in denen Ordensleute übernachten konnten. Obwohl das Reisen für Eckhart sicher strapaziös und nicht ungefährlich war, blieb er vor Strassenräubern wohl einigermassen sicher, weil er ja praktisch mittellos war.

Dass Eckhart in einem so riesigen Gebiet von Böhmen bis an den Niederrhein und von Norddeutschland bis nach Norditalien unterwegs war, um Verhandlungen über neue Niederlassungen zu führen, das war notwendig geworden, weil die Bettelmönche immer stärker ins Zentrum der Städte drängten. Ursprünglich hatten sie sich an den Stadträndern niedergelassen – dort, wo man besonders günstig wohnen konnte, weil sonst niemand an diesem Wohnraum interessiert war.
Der Raum in einer mittelalterlichen Stadt war allerdings sehr beschränkt. Wenn also plötzlich vier Bettelorden gleichzeitig ein Kloster mitten in der Stadt einrichten wollten, dann musste man mit der Stadtverwaltung verhandeln. Und das hat Eckhart im Auftrag der Dominikaner getan.

Neue Sprache für ewige Gedanken
Im Vergleich zum Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat Eckhart ein schmales Werk hinterlassen. Und aus diesem Werk ragen ausgerechnet jene Texte heraus, die eigentlich für den seelsorgerlichen Alltag bestimmt waren: Predigten, die Eckhart vor Nonnen gehalten hat und vor Städtern.
Diesem Alltagsgebrauch ist die Sprache geschuldet, in der Eckhart meistens predigt: Deutsch. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war damals eine Sensation: Eckhart entdeckt und formt Deutsch als theologische Sprache. Er redet mit jenen Worten von Gott, die wir auch für den Schwatz am Mittagstisch verwenden. Eine Verbindung von Heiligem und Profanem, die für Eckhart nicht bloss oberflächlich ist, sondern tief in seine Gottesbeziehung hineingreift. Gott ist der, der immer und überall ist.

Damit wird Eckhart zum Prediger der Einheit. Während die Scholastik mit einem hoch-differenzierten System von Thesen, Antithesen und Synthesen die Theologie als mathematischen Dreisatz mit chirurgischer Präzision betreibt, wird Eckhart vom Ereignis der Dauerpräsenz Gottes überwältigt. Gott ist ein Gott der «Gegenwerticheit», sagt er: «Gott wirkt allzeit in einem Nun in der Ewigkeit, und sein Wirken besteht darin, seinen Sohn zu gebären; den gebiert er allzeit.»
Der Glaube daran, dass die Schöpfung in einem bestimmten Augenblick entstanden ist, und der Glaube, dass sie dennoch ständig neu entsteht –, diese beiden Vorstellungen widersprechen sich für Eckhart nicht. Sie entspringen zwei Zeitvorstellungen, die nebeneinander existieren können. Auf der einen Seite erleben wir in unserem Leben Zeit als linear, von unserer Geburt bis zu unserem Tod. Auf der anderen Seite erleben wir ebenso oft die Relativität der Zeit, wenn wir beispielsweise vergangene Empfindungen plötzlich ganz neu und aktuell wieder empfinden, oder wenn sich die Zeit plötzlich zu dehnen scheint. 

Vielfältige Einheit
Eckhart denkt Gott nicht in Bildern, die seine Entrücktheit betonen, sondern in Bildern, die seine Einheit mit uns Menschen aufscheinen lassen. Deshalb erhält für Eckhart das Paradox, also der scheinbar unversöhnliche Widerspruch, eine besondere Bedeutung. Eckhart hebt Gegensätze gerade dadurch auf, dass er für ein und dasselbe gegensätzliche Bilder verwendet. Indem er Sätze sagt wie: «Wenn man einen Tropfen in das wilde Meer gösse, so verwandelte sich der Tropfen in das Meer und nicht das Meer in den Tropfen.» Oder: «Wisset, meine Seele ist so jung, wie da sie geschaffen ward, ja, noch viel jünger! Und wisset, es sollte mich nicht wundern, wenn sie morgen noch jünger wäre als heute!»
Wenn sich Gott in jedem Augenblick neu ereignet, dann führt die Erfahrung von Einheit allerdings nicht zum Stillstand. Eckhart will das Reden und Denken flüssig bewahren, damit das dynamische Element nicht verloren geht. Wenn wir von Einheit sprechen, besteht aber genau darin die grosse Gefahr, dass wir bei Bildern landen, die unwidersprechbar sind, wie in Bleisatz erstarrt.
Wenn das geschieht, verliert sich jedoch jede Bewegung und so geht der ganze Prozess kaputt, der Eckhart so wichtig ist. Deshalb muss er seine Begriffe im Fluss halten, damit immer spürbar bleibt, was in dieser Beziehung zwischen Mensch und Gott geschieht. Eckhart sagt: «Worte haben auch grosse Kraft; man könnte Wunder wirken mit Worten. Alle Worte haben Kraft vom ersten Wort.» Das erste Wort ist Gott und seine Wörter brechen bei uns ein wie Blitze und verflüssigen zähe Strukturen.

Deshalb wird der Zwang, einem Publikum, das kein Latein kann, deutsch zu predigen, für Eckhart zum Glücksfall. Diese Situation zwingt ihn und seine Zuhörer, immer wieder neu zu denken. So neu, dass sich Eckhart niemals auf einem gefundenen Bild ausruhen kann. Und damit wird er nicht bloss zum genialen Bildentdecker, sondern gleich auch noch zum Stürmer seiner eigenen Bilder.

Im Zentrum allerdings bleibt eines bestehen: Gottes Gegenwart in jedem noch so kleinen Moment der Schöpfung. Und daraus schöpft Eckhart eine unglaubliche Zuversicht. Er muss nicht zwischen Glaube und Vernunft unterscheiden. Nicht zwischen Arbeit und Gebet. Nicht zwischen Wissen und Nichtwissen. Askese spielt nur eine marginale Rolle, weil man sich die Nähe Gottes nicht erkämpfen muss. Gott muss man sich nicht verdienen, weil er sich bereits geschenkt hat. Gott muss man nicht besänftigen, weil er bereits liebt. Die Anstrengung des Menschen besteht nicht darin, gut zu werden, sondern das Gute in sich freizulassen. Ja, Gott muss man nicht einmal suchen, weil er immer schon da ist.
Eckhart will uns dahin führen, so frei von vorgefertigten Bildern und Meinungen zu werden, dass Gott in uns wirksam wird – wirksam werden muss, weil Gott gar nicht anders kann, als die Leere mit seinem Sein zu füllen. Bei Eckhart ist alles Geschenk. Höchste Aufmerksamkeit ohne Alarmismus. Höchste Vitalität ohne Aktivismus. Höchste Einheit ohne Gleichmacherei. 

Immer wieder neu
Wenn wir Eckhart lesen, beginnen wir zu begreifen, weshalb sich Gott mehr für jeden einzelnen Menschen interessiert als für sämtliche Kirchenstrukturen. Wir stellen fest, dass wir in unserem Alltag öfters beten, als wir vermuten. Wir werden uns bewusst, dass die Begegnung mit Gott ein Geschenk für sehn-süchtige Menschen ist und nicht der Lohn für Spitzensportler der Frömmigkeit. Und wir nehmen erleichtert zur Kenntnis, dass echte Mystik keine Gefühlsduselei ist.
Damit wir diesem stets und überall gegenwärtigen Neuen auf die Spur kommen, müssen wir uns allerdings auf eine Sprach- und Gedankenwelt einlassen, die uns zunächst fremd und schwer verständlich erscheint. Wer Eckharts Predigten liest, wird manches nicht auf Anhieb verstehen. Genau in dieser scheinbaren Verständnislosigkeit kann sich allerdings ein kleines Wunder ereignen, wenn wir nämlich mit dem Zerlesen aufhören. Wer Eckharts Texte seziert, wer jeden Satz intellektuell durchdringen will, der wird Eckharts Stimme nicht mehr hören. Wer jedoch eine Predigt ganz ohne intellektuellen Druck liest und sich nicht daran stört, dass er manches weder versteht noch begreift, der wird nach Eckharts «Amen» die verblüffende Entdeckung machen, dass etwas Wesentliches in ihn eingedrungen ist, ohne dass er das bewusst bemerkt hätte. Man kann Eckhart tatsächlich verstehen, ohne ihn zu verstehen.

Eckhart würde es vielleicht ein «weiseloses Lesen» nennen, das wir dafür lernen müssen, ein Lesen, das nicht auf Verzweckung und Verwertung ausgerichtet ist. Ein Lesen vielmehr, dass sich einfach dem Fluss der Wörter und Gedanken hingibt, seinen eigenen Verstandeswillen aufgibt, das Zählen, Messen und Wiegen vergisst. Ein Lesen in grösstmöglicher Offenheit – so offen, dass sich das Verstehen fast zwangsläufig in diese Offenheit hineinergiessen muss.
Bis uns plötzlich der Atem stockt, weil wir realisieren, dass bei Eckhart Form und Inhalt zu einer einzigartigen Einheit gefunden haben. Dass hier tatsächlich einer aus der Ewigkeit in die Gegenwart spricht, wie es sein Schüler Johannes Tauler ausgedrückt hat.

Der ungeheure Schatz in Eckharts Gottes- und Menschenbild ist die Erfahrung von Einheit. Allerdings ist diese Einheit auf keine Art und Weise statisch, sie ist nicht uniform und nicht eintönig. Sie ist eine Einheit von packender Vitalität, vibrierend im Austausch, ein Dialog höchster Intensität. Und diese Erfahrung vermittelt Eckhart wie kaum ein anderer. Gerade in der Predigt des Wortes und all seiner Bei-Worte entsteht ein Sprachwunder, das sich auch beim heutigen Leser ereignen kann. Und wer einmal von diesem Blitz getroffen wurde, der wird sich bewusst, dass sich das eine Wort auch heute noch jedem erdenklichen Wort zeigen kann. Dass jede Zeit seine Sprache von Gott verflüssigen und neu entdecken muss, denn nur wenn wir statisch gewordene Bilder stürmen, zeigt sich jenes Wort, das immer schon da ist.

Text: Thomas Binotto